Kategorie: Antifaschismus

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Faschistisches Netzwerk in der Bundeswehr und die Heuchelei des Staatsapparats

Ein terroristisches Netzwerk aus Neonazis innerhalb der deutschen Bundeswehr ist aufgeflogen. Die Gesinnung der Faschisten war der Bundeswehr bestens bekannt.


Dieser Skandal steht in einer Reihe mit der faschistischen Terrorbande des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), welche über Jahre hinweg vom Staat bewusst geduldet wurde.

Ein 28jähriger Bundeswehrsoldat (Franco A.) hat sich im Dezember 2015 in Gießen (Hessen) unter dem falschem Namen David Benjamin als christlicher Flüchtling aus Syrien ausgegeben und Pläne für einen fremdenfeindlichen Anschlag begonnen. Der deutsche Oberleutnant hat unter falschem Namen einen Asylantrag gestellt und daher auch Geld vom Staat erhalten, monatlich 400,- € zuzüglich zu seinem Wehrsold. wie die Staatsanwaltschaft in Frankfurt feststellte. Aufgefallen war der bei Illkirch in Frankreich stationierte Soldat bereits vor drei Monaten, als er auf dem Wiener Flughafen eine Waffe versteckte. "Nur weil er in Frankreich stationiert war, heißt es nicht, dass er sich täglich dort aufgehalten haben muss. Er konnte sich in der Freizeit frei bewegen", behauptet eine Sprecherin des Bundeskriminalamts.

Im Februar stellte sich durch Fingerabdrücke heraus, dass der deutsche Bundeswehrsoldat Franco A. und der angebliche syrische Flüchtling David Benjamin die selbe Person sind. Auf seinem Smartphone wurden Chats mit einem 24jährigen rechtsradikalen Studenten aus Offenbach sichergestellt, welcher zahlreiche Waffen besaß und demgegenüber Franco A. seine rechtsradikale Gesinnung offenbarte. Der Student wurde ebenfalls festgenommen. Der Militärische Abschirmdienst (MAD), welcher extremistische Positionen innerhalb der Bundeswehr ausfindig machen soll, habe angeblich nichts von der faschistischen Gesinnung des Bundeswehrsoldaten gewusst. Auch das Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge (Bamf) hat angeblich keinen Verdacht geschöpft, obwohl der „syrische Flüchtling“ weder wie ein Syrer aussieht, noch die arabische Sprache spricht.

In Wahrheit war seine faschistische Gesinnung der Bundeswehr mindestens seit 2014 bekannt. Damals war eine Masterarbeit, die Franco A. während seines Studiums an der französischen Militäruniversität Saint-Cyr verfasst hatte, als extremistisch eingestuft worden. In seiner Arbeit mit dem Titel »Politischer Wandel und Subversionsstrategie« wurden völkische und offen rechtsradikale Ansichten verbreitet und immer wieder entsprechende Denker und Philosophen zitiert. Der zuständige Professor beurteile die Masterarbeit, dass diese nicht mit der „freiheitlich-demokratischen Grundordnung“ in Deutschland vereinbar sei. Die Bundeswehr wusste von der Beurteilung des Professors. Auch ein Bundeswehrwissenschaftler bestätigte in einer Beurteilung das „völkische Denken“ des Bundeswehrsoldaten, welcher heute den militärischen Rang eines Oberleutnants besitzt.

Seit vergangenem Dienstag erhärtet sich der Verdacht, dass Franco A. zu einem rechten Netzwerk innerhalb der Bundeswehr gehört. Nach einer Befragung des MAD im baden-württembergischen Kehl nahmen Fahnder des Bundeskriminalamts (BKA) den 27jährigen Oberleutnant Maximilian T. fest, welcher ebenso wie Franco A. beim Jägerbataillon 291 in Illkirch stationiert war. Franco A. war mit dessen Schwester liiert, so berichtet es SPIEGEL ONLINE. Gemäß Zeugenaussagen gebe es in der Kaserne Illkirch »eine Gruppe gewaltbereiter Offiziere, die Waffen und Munition sammeln, um im Fall eines Bürgerkriegs auf der richtigen Seite zu kämpfen«.

Auch die faschistische Gesinnung des Maximilian T. ist keine Neuigkeit für den MAD. Dieser habe bereits im September 2015 versucht, einen seiner Kameraden für seine politischen Pläne zu gewinnen. Trotz Untersuchung des Falls folgten keinerlei Konsequenzen. Das faschistische Netzwerk arbeitete daher unbehelligt an einer Todesliste, auf der unter anderem der sozialdemokratische Justizminister Heiko Maas sowie die antifaschistisch engagierte Bundestagsabgeordnete der Partei DIE LINKE, Anne Helm.

Unter der falschen Identität eines vermeintlichen syrischen Flüchtlings sollten Anschläge auf Asylbewerberheime und Flüchtlingsunterkünfte durchgeführt werden, um diese anschließend als Machwerk des islamistischen Terrors erscheinen zu lassen, um die Hetze gegen Muslime in Deutschland zu verstärken und noch stärkere rassistische Grenzkontrollen zu erzwingen. Diese durchdachte und aufwendige Planung zeigt, dass Faschisten jedes Mittel zur Durchsetzung ihrer Ziele recht ist.

Die Heuchelei des Establishments

Die deutsche Bourgeoisie flüchtet sich in heuchelnde Versuche der Rechtfertigung. Einige Kasernen der deutschen Bundeswehr tragen einerseits seit Jahrzehnten die Namen von Offizieren der faschistischen Wehrmacht, beispielsweise die beiden „Generalfeldmarshall-Rommel-Kasernen“ im nordrhein-westfälischen Augustdorf und im bayerischen Dornstadt, andererseits stellen sie ihre Kontinuität zur Wehrmacht auch offen zur Schau. Das Schwarze Kreuz selbst war das Zeichen der Wehrmacht und wird noch heute als stilisiertes Tatenkreuz der Bundeswehr eingesetzt. Seit 1936 hängt das Wandbild von vier Wehrmachtssoldaten an der Hochstaufen-Kaserne von Bad Reichenhall, welches niemals in der Nachkriegszeit entfernt wurde. Das sind nur exemplarische Beispiele für die offenen, geduldeten oder relativierten Verbindungen von Teilen der Bundeswehr zur alten Wehrmacht.

Politisch verantwortlich für diese Kontinuität müssen natürlich durchgehend die Regierungen und der Staatsapparat der Bundesrepublik Deutschland gemacht werden. In diesem Wissen kündigte die Bundesministerin für Verteidigung, Ursula von der Leyen (CDU), eine bundesweite Durchsuchungsaktion aller deutschen Kasernen nach Indizien für Erinnerungen an die Wehrmacht an. Wegen des jüngsten Vorfalls sollen nun sämtliche Andenken an die faschistische Vergangenheit entfernt werden. So kommentierte die Ministerin flapsig ihre oberflächliche Säuberungsaktion folgendermaßen:

»Ich finde, die Bundeswehr muss nach innen und außen klar signalisieren, dass sie nicht in der Tradition der Wehrmacht steht. Sie sollte ihre eigene 60-jährige Geschichte selbstbewusst stärker in den Vordergrund stellen. Warum nicht auch in Kasernennamen? Die Debatte wird jetzt im Lichte der aktuellen Ereignisse neu geführt werden.«

Diese Worte offenbaren die ganze Schuld der deutschen Bourgeoisie. Erst nach 60 Jahren kommen die verantwortlichen Damen und Herren durch die „aktuellen Ereignisse“ also auf die Idee, die personelle und politische Kontinuität der Bundeswehr zur Wehrmacht zu thematisieren, allerdings nur oberflächlich zu behandeln. Schließlich soll nur das äußerliche Erscheinungsbild und Image der Bundeswehr aufpoliert werden, aber keineswegs personelle Veränderungen im Staatsapparat erfolgen. Die verantwortlichen Personen werden weiterhin rechte Rekruten in die Bundeswehr einberufen und wie im Fall Franco A. hinterher stets behaupten, man habe keine Indizien für faschistische Gesinnungen gehabt.

Die Heuchelei wird dadurch perfekt, dass die Inspizierungen in den Bundeswehr-Kasernen ausgerechnet vom verantwortlichen Staatspersonal und den Studierenden an Bundeswehr-Kasernen selbst durchgeführt werden sollen. Am Montag des 8. Mai 2017 – dem 72. Jubiläum der Befreiung vom Faschismus – erreichte die Studierenden eines Fachbereichs der Universität der Bundeswehr in München eine interne E-Mail mit der Anweisung, dass „Aufgrund der aktuellen Geschehnisse“ alle Symbole und Gegenstände mit Bezug zur Wehrmacht und des Hitler-Faschismus aus den Diensträumen und Stuben zu entfernen seien. Diese Anweisung diene den Rekruten zu „ihrem eigenen Schutz“. Die E-Mail wurde anonym von einem empörten Bundeswehrsoldaten an die Presse geschickt.

So wurde im Rahmen der Durchsuchungsaktion auch ein Bild des 2015 verstorbenen Altkanzlers Helmut Schmidt (SPD) aus dem Flur eines Studentenwohnheims der Helmut-Schmidt Universität, einer Universität der Bundeswehr in Hamburg, entfernt. Das Bild zeigte ihn in Wehrmachtsuniform. Schmidt war Offizier der 1. Panzerdivision an der Ostfront gegen die Sowjetunion und erhielt für seine Tätigkeiten bei der Leningrader Blockade das Eiserne Kreuz 2. Klasse. 1944 wurde Schmidt, der inzwischen den Rang eines Oberleutnants hatte und Angehöriger des Ministeriums für Reichsluftfahrt war, als Gast zu den Schauprozessen gegen die Organisatoren des bedeutendsten Attentats auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944, die „Operation Walküre“, eingeladen. Später war Schmidt schließlich Batteriechef der Wehrmacht an der Westfront.

Die faschistische Vergangenheit eines der bekanntesten deutschen Sozialdemokraten, der den vergleichsweise linken Sozialdemokraten und Bundeskanzler Willy Brandt in den 1960er Jahren absetzte und von 1969 bis 1972 eine Regierungskoalition der Sozialdemokratie mit der neoliberalen Freien Demokratischen Partei (FDP) anführte, wird selbst heutzutage noch von Funktionären der SPD mit dem sozialdemokratischen Orientierungswechsel von Helmut Schmidt relativiert. Während in der 1946 ausgerufenen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine vergleichsweise umfassende Säuberungsaktion gegen ehemalige führende Faschisten im Staatsapparat organisiert wurden, wurden in den 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland (BRD) zahlreiche Politiker und Führungspersonen aus dem Regime des Faschismus in den bundesdeutschen Staatsapparat übernommen. Diese Tatsache wirkt weiterhin auf die Bundeswehr, den bewaffneten Arm des bürgerlichen Staats.

Der Staat und seine Funktion

In der Öffentlichkeit wird der Staat als Repräsentant des gesellschaftlichen Allgemeinwohls und als offizieller Ausdruck des bürgerlichen Gesellschaft mit ihrer politischen Moral wahrgenommen. In Zeiten enormer politischer und ökonomischer Turbulenzen kehrt daher die Frage, inwiefern der Staat einerseits neue gesellschaftliche Umstrukturierungen blockiert und andererseits nach den institutionellen Umstrukturierungen für die Herrschafts- und Machtverhältnisse genutzt werden kann, zurück auf die Tagesordnung. Diese Frage ist keineswegs von rein theoretischem Interesse, sondern hat weitreichende Konsequenzen in der politischen Praxis – so auch in der Frage des Staatsapparats in Deutschland nach der Niederlage des Faschismus im Jahre 1945.

Der Staat widerspiegelt und verwischt zugleich die Wirklichkeit der bürgerlichen Gesellschaft. Es ist selbsterklärend, dass die Staatskonstruktion natürlich auf der Grundlage der konkreten gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse existiert. Somit ist auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland von 1945 bis heute der Staat einerseits ein Garant und Bewahrer des kapitalistischen Systems und seiner Klassen- und Ausbeutungsordnung. Andererseits aber auch ein äußerlich neutral erscheinender Richter in dem angedeuteten Sinne, die „allgemeinen Interessen“ dieses Gesellschafts- und Herrschaftssystems wahrzunehmen und systematisch den Eindruck der „illusorischen Gemeinschaftlichkeit“ (Marx) zu erzeugen. Gerade die deutsche herrschende Klasse ist durch ihren Staat ein Meister der Tarnung, obgleich die Fassade immer weiter bröckelt.

Unter den Bedingungen einer zunehmenden Verschärfung der Klassengegensätze, die sich nicht bloß in Deutschland als auseinander klaffende „Schere zwischen Arm und Reich“ bemerkbar machen, wird bei akuter Systembedrohung – also Klassenkampf – Repression gegen die unterdrückten Teile der Bevölkerung eingesetzt. Die Apparate des Staates (Justiz, Polizei, Armee) dienen somit der herrschenden Klasse als Instrument zur Bewahrung ihres kapitalistischen Machtsystems. Das sind keine Verschwörungstheorien des Marxismus, sondern ganz offizielle Verlautbarungen der Profiteure dieses Systems selbst. So verkündet es Nicholas Gregory Mankiw, einer der führenden US-amerikanischen Ökonomen und Professor für Volkswirtschaftslehre an der Harvard University:

»Wenn die unsichtbare Hand [des Marktes, Anm.] so wunderbar funktioniert, wozu brauchen wir dann die Regierung? Nun, eine Aufgabe der Regierung besteht gerade darin, die unsichtbare Hand zu schützen. Märkte werden nur dann richtig funktionieren, wenn die Eigentumsrechte durchgesetzt werden. […] Wir alle verlassen uns darauf, dass staatliche Institutionen wie z.B. die Polizei und die Gerichte unsere Rechte über die Güter sichern, die wir produzieren.« [1]

Professor Mankiw, der unter Präsident George W. Bush von 2003 bis 2005 als Vorsitzender des Rates Wirtschaftsberater diente, meint natürlich das Recht des Kapitalisten, über die ausschließlich von der Arbeiterklasse produzierten Waren zu verfügen und seine Eigentumsrechte unter Androhung von Gewalt seitens der staatlichen Institutionen zu verteidigen. Gleichwohl bemüht sich unser Experte für Ökonomie, der sein Buch ein Jahr vor Ausbruch der größten Krise des Weltkapitalismus veröffentlicht hat, den Eindruck jener illusorischen Gemeinschaftlichkeit zu verbreiten. In Wirklichkeit befindet sich der bürgerliche Staat allerdings in einem permanenten Kriegszustand gegen die Arbeiterklasse. In ruhigen Zeiten wird dieser Krieg verdeckt, in turbulenten Zeiten offen geführt.

Insbesondere in revolutionären Perioden stützt sich die Macht des Staatsapparats vorwiegend auf das Beamtentum. Die herrschenden Klassen haben daher stets darauf geachtet, die Beamtenschaft inklusive der Armee bei allen politischen Machtwechseln weitgehend unangetastet zu lassen. So wie Adolf Hitler im Jahr 1933 die gesamte Armee und den Staatsapparat inklusive seiner Beamtenschaft aus der Weimarer Republik übernahm und durch kleinbürgerliche Elemente vervollständigte, so übernahm auch die Regierung Konrad Adenauers (CDU) in Westdeutschland weitgehend die Armee und Beamtenschaft aus dem deutschen Faschismus. Diese unproduktiven Staatsdiener vermehren nicht den gesellschaftlichen Reichtum, sondern ernähren sich von ihm wie ein parasitäres Krebsgeschwür im menschlichen Organismus.

Karl Marx rechnet das Beamtentum daher bewusst aus der produktiven Arbeiterklasse heraus und verdeutlicht, dass die »große Masse sog. „höherer“ Arbeiter – wie der Staatsbeamten, Militärs, Virtuosen, Ärzte, Pfaffen, Richter, Advokaten usw. – die zum Teil nicht nur nicht produktiv sind, sondern wesentlich destruktiv, aber sehr große Teile des „materiellen“ Reichtums teils durch Verkauf ihrer „immateriellen“ Arbeitskraft, teils durch gewaltsame Aufdrängung derselben sich anzueignen wissen.« [2]

Aus diesem Grunde beschränken sich revolutionäre Marxisten nicht bloß auf die Inbesitznahme des bürgerlichen Staatsapparats durch die Arbeiterklasse, sondern kämpfen für seine Zerschlagung und völlig neue Aufrichtung des zukünftigen Arbeiterstaats. Die Beamtenschaft als größte Stütze des Staatsapparats ist ein Hindernis auf dem Weg in eine sozialistische Gesellschaft. Diese Erkenntnis des Marxismus spiegelt sich ebenfalls wieder im Verlauf der revolutionären Ereignisse im Europa des Jahres 1848, in denen »der französische Konvent der Leuchtturm aller revolutionäre Epochen ist und bleibt. Er inaugierte die Revolution, indem er durch ein Dekret alle Beamten absetzte« [3], denn das Beamtentum des bürgerlich-kapitalistischen Staatsapparats fügt der »direkten ökonomischen Ausbeutung eine zweite Ausbeutung des Volkes hinzu.« [4]

Zur Vermeidung eventueller Missverständnisse ein Wort. Wenn lohnabhängige Staatsbedienstete für bessere Arbeitsbedingungen und -konditionen kämpfen, so wäre es vorderste Aufgabe der revolutionären Marxisten, diesen Kampf energisch zu unterstützen und die Beschäftigten gegen ihren Arbeitgeber – den bürgerlichen Staat – mit einem revolutionären Programm in Stellung zu bringen. Dieser Aspekt entbindet uns aber keineswegs von der historischen Notwendigkeit, das Beamtentum als solches im revolutionären Übergangsprozess vom Kapitalismus zum Sozialismus, von den bürokratischen Institutionen des Klassenstaats hin zum Arbeiterstaat abzuschaffen. Wie Marxisten natürlich jeden Streik der Lohnarbeiter für bessere Konditionen im Kapitalismus unterstützen, so arbeiten wir in letzter Konsequenz auf die Abschaffung des ausbeuterischen Lohnsystem selbst hinaus. Es geht um die Zuspitzung der Klassenkampfs.

Überprüfen wir die historische Kontinuität des bürgerlichen Staatsapparats und seiner Angestellten zur Niederhaltung der Arbeiterklasse konkret am Beispiel des heutigen Deutschlands. Seit Jahrzehnten bestand die Führung der westdeutschen Armee nahezu ausschließlich aus Wehrmacht-Veteranen sowie einigen ehemaligen SS-Leuten. Auch der deutsche Staatsapparat nach 1945 bediente sich reichlich: Bundespräsident Karl Carstens (1979 bis 1984) war von 1933 bis 1945 Mitglied der Sturmabteilung (SA), Bundesjustizminister Ewald Bucher (1962 bis 1965) war bis 1945 NSDAP-Mitglied wie auch Bundesfinanzminister Rolf Dahlgrün (1962 bis 1966). Der SS-Schläger Franz Krapf war ebenso bis 1974 ständiger Vertreter der Bundesrepublik Deutschland beim NATO-Rat in Brüssel. Untersturmführer der Waffen-SS war auch Hanns Martin Schleyer, Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitergeberverbände (1973 bis 1977). Die Liste ehemaliger NS-Funktionäre ist noch deutlich länger, und wir wollen uns hier auf diese Beispiele beschränken.

Diese Tatsachen verdeutlichen nur die Heuchelei der führenden deutschen Politiker, welche durch den aktuellen „Vorfall“ einer faschistischen Terrorzelle in der Bundeswehr in Verlegenheit geraten und gerade alles dafür tun, sich selbst als die wahren Verantwortlichen zu kaschieren. Der Skandal besteht eigentlich nicht darin, dass tatsächlich eine faschistische Verbindung innerhalb der Bundeswehr existiert, sondern darin, dass die Damen und Herren Regierungsbeamten die Verlogenheit besitzen, Unwissenheit und Unschuld zu heucheln. Alle kritischen Jugendlichen und Arbeitnehmer müssen sich nun die Frage stellen, ob wir ernsthaft ausgerechnet diesen Regierungspersonen vertrauen sollen, die jetzt ihre Hände in Unschuld baden. Gegen Korruption und undurchsichtige Regierungsmachenschaften helfen keine Nutznießer dieser Staatsordnung, sondern nur die Übernahme der politischen und wirtschaftlichen Macht durch die Arbeiterklasse.

Was tun?

Spätestens seit der Offenbarung der terroristischen Gruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU), welcher über zehn Jahre mordend durch Deutschland zog und nachweislich von Staatsbediensteten des Verfassungsschutzes gedeckt wurde, weiß eigentlich jedes rational denkende Mitglied unserer Gesellschaft, dass von diesem Staatsapparat und seinen Anführern keine tiefgreifenden Konsequenzen aus dem aktuellen „Vorfall“ in der Bundeswehr zu erwarten sind. Dennoch stellt sich die Frage, wie man zur Institution der Bundeswehr stehen soll.

Seit der Aussetzung der Wehrpflicht am 1. Juli 2011 durch das Bundeskabinett, welche jedoch weiterhin Bestandteil des Grundgesetzes ist und jederzeit wieder eingeführt werden kann, muss die Bundeswehr um ihren Nachwuchs kämpfen. Das ist nur verständlich, denn immer weniger Jugendliche haben Verständnis für die Kriegstreiber der NATO. Warum auch sollen junge Menschen ihren Kopf für Konflikte hinhalten, die keineswegs in ihrem Interesse sind? Jene Bundeswehrrekruten, die unter der Aussetzung der Wehrpflicht dennoch in die Bundeswehr eintreten, tun dies in überwiegendem Maße aus wirtschaftlichen Gründen.

Die verzerrte Darstellung pazifistischer Moralaposteln, dass jungen Wehrdienstleistende allesamt politisch berechnende Reaktionäre mit Gewaltfetisch wären, muss von allen ernsthaften Revolutionären entschieden zurückgewiesen werden. Dies gilt insbesondere jetzt, da alle Wehrdienstleistenden mit dem Vorwurf des Rechtsradikalismus konfrontiert werden. Es handelt sich um unsere Klassenbrüder und -schwestern, die in erdrückendem Maße aus Angst vor Arbeitslosigkeit oder prekären Arbeitsbedingungen in den Dienst bei der Bundeswehr flüchten. Teile der Arbeiterklasse, die im Grunde nicht freiwillig bei der Bundeswehr sind, die nicht für Deutschland sterben würden, sondern für ein bisschen soziale Sicherheit. Daher ist es vorderste Aufgabe, diese Leute auf die Seite eines revolutionären Standpunkts zu ziehen. Wer das nicht tut, spielt den Faschisten in der Bundeswehr unfreiwillig in die Hände.

Als staatliche Institution zur Verteidigung des kapitalistischen Systems, dass genau jene soziale Angst der meisten jungen Wehrdienstleistenden erzeugt, hat jede Berufsarmee jedoch einen reaktionären Charakter. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung und insbesondere der Jugend ist sich dieser Tatsache instinktiv bewusst. Den drohenden Verfall der Bundeswehr sucht der deutsche Staat daher mit einer massiven Militarisierung der Polizei auszugleichen. Wir dürfen den staatlichen Institutionen keinen Zentimeter Vertrauen schenken. Daher treten wir für die Auflösung der Bundeswehr sowie der Berufspolizei ein und forcieren den Aufbau freiwilliger Arbeitermilizen mit rotierendem Dienstsystem, um Korruption und Machtmissbrauch zu verhindern.

Deutschland ist das Zentrum des europäischen Kapitalismus. Ihre relative politische Stabilität verdankt die deutsche Bourgeoisie in erster Linie der Abwälzung der Krise auf schwächere Länder wie Griechenland, Italien und Spanien. Es bleibt jedoch eine Frage der Zeit, wann die soziale, wirtschaftliche und politische Krise auch in Deutschland einschlägt. Die soziale Krise ist für viele Jugendliche und Arbeitnehmer längst Realität. Aus diesem Grund stehen uns auch in Deutschland revolutionäre Prozesse bevor, in der neben der Arbeiterklasse auch die Mehrheit der deutschen Soldaten über den weiteren Geschichtsverlauf entscheiden werden. Für uns ist klar, dass die lohnabhängige Bevölkerung kein System hinnehmen kann, dass Ausbeutung und Ausgrenzung produziert und junge Menschen als Kanonenfutter für imperialistische Kriege verfeuert.

Erst mit der Zerschlagung des kapitalistischen Systems können auch die Wurzeln des Faschismus beseitigt werden. Die aberwitzigen Losungen der Reformisten und Bürgerlichen nach Verbesserung des bürgerlichen Staats sind die Grundvoraussetzung für weitere brutale Angriffe auf die Arbeiterklasse. Kämpfen wir daher gemeinsam für den internationalen Sozialismus und die Beendigung aller imperialistischen Kriege!

Verweise:

[1] Mankiw und Taylor: Grundzüge der Volkswirtschaftslehre. 4. Auflage, Stuttgart, Schäffer-Poeschel Verlag, 2008, Seite 13

[2] Karl Marx: Theorien über produktive und unproduktive Arbeit. MEW 26.1, Seite 145

[3] Karl Marx: Die preußische Konterrevolution und der preußische Richterstand. MEW 6, Seite 138

[4] Karl Marx: Der Bürgerkrieg in Frankreich. MEW 17, Seite 540

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