Kategorie: Feminismus

Die Burka | Zwei reaktionäre Seiten der Debatte

Die Konservativen fordern ein Verbot der Burka. Als Reaktion darauf behaupten viele Sozialdemokraten, man müsse für das Recht auf die Burka als Teil der Religionsfreiheit eintreten.


Dabei ignorieren sie natürlich, dass die Burka ein feudalistisches Relikt systematischer Frauenunterdrückung ist und diese in der Regel von ihren rechtskonservativen Ehemännern zum Tragen der Burka gezwungen werden. Ein staatliches Verbot der Burka würde aber die zu ihr gezwungenen Frauen nur noch stärker unterdrücken – darum ist ein Verbot ebenso reaktionär wie der Gegenstand der Debatte selbst. Es ist ein Streit zwischen zwei reaktionären Seiten. Diejenigen deutschen Politiker, die sich in der aktuellen Burka-Debatte als die größten Freunde von Frauenrechten inszenieren, sind in Wirklichkeit die größten Chauvinisten, die weiterhin die private und Arbeitswelt in besser situierte Männer und diskriminierte Frauen spalten. Der Kampf für die vollständige Gleichberechtigung der Frau muss gegen die eigene herrschende Klasse und den deutschen Imperialismus geführt werden – anstelle eine Scheindebatte zu führen.

Das rassistische Wesen eines Burka-Verbots

Wenn die herrschende Klasse in Europa einmal über islamische Kultur nachdenkt, dann denkt sie dabei nicht sonderlich viel. Dass die Burka – eine Vollverschleierung, bei der auch die Augen durch ein Gitter-artiges Netz verdeckt sind – tatsächlich eine sehr seltene Ausnahmeerscheinung selbst im Islam darstellt, scheinen die Damen und Herren Regierungsbeamten entweder nicht zu wissen, oder es interessiert sie nicht. So wird die Burka fälschlicher Weise als Schlagwort für sämtliche Verschleierungen der Frau benutzt. Ganzkörperschleier aber, bei denen das Gesicht frei bleibt oder ein schmaler Schlitz für die Augen vorhanden ist, heißen Tschador beziehungsweise Nikab. Diese beiden Formen werden also durch die herrschende Klasse direkt oder indirekt legitimiert.

Unabhängig von diesen verschiedenen Begriffsdefinitionen geht es der herrschenden Klasse weder um ein bestimmtes Kleidungsstück, noch geht es ihr um die Emanzipation muslimischer Frauen. Es geht ihr vielmehr darum, in Zeiten zunehmender fundamentalistischer Terroranschläge Menschen aus dem islamisch geprägten Morgenland grundsätzlich frauenfeindlich zu klassifizieren, während dies gleichzeitig nicht für das angeblich fortschrittliche Abendland gelte. Es geht ihr darum, die hier lebenden muslimischen Gemeinden in ihrer Struktur zu verändern – quasi durch ein Art angewandter Sozialwissenschaft – und den äußeren Eindruck zu erwecken, dass die Interessen muslimischer ArbeiterInnen den Interessen „einheimischer“ ArbeiterInnen entgegen stehen würden.

In Deutschland leben ca. 4,5 Millionen Muslime, welche zu 98 % in Westdeutschland wohnen und in überwiegendem Maße zur Arbeiterklasse gehören. Nur 33 % der in Deutschland lebenden muslimischen Frauen tragen ein Kopftuch, während über die Hälfte dies ablehnt. Die Ablehnung von Vollverschleierung ist abermals höher. Nun könnte man meinen, dass ein Burka Verbot daher keine signifikanten Nachteile für die muslimischen Frauen nach sich ziehen würde. Allerdings wird die Burka primär mit dem Islam in Verbindung gebracht – und mit der aufgezwungenen Diskussion um die Burka zwischen zwei Seiten der herrschenden Klasse soll ein Spaltkeil in die Arbeiterklasse gerammt werden. Man will klarstellen, dass vorallem muslimische ArbeiterInnen sich dem Diktat des deutschen Chauvinismus zu unterwerfen und von der kapitalistischen Verwertungslogik zu assimilieren haben.

Auf dem deutschen Arbeitsmarkt sind muslimische Frauen vielfach stärkerer Ausgrenzung ausgesetzt als muslimische Männer. Im Durchschnitt haben BewerberInnen mit arabisch-klingendem Namen eine 20 % niedrigere Erfolgschance auf einen Job als BewerberInnen mit deutsch-klingendem Namen – und das bei identischer schulischer Qualifikation. Hier verschmilzt die geschlechtsspezifische Unterdrückung mit fremdenfeindlicher Diskriminierung. Insbesondere in Westdeutschland befinden sich Krankenhäuser, Seniorenheime, Kindergärten und sonstige soziale Einrichtungen in den Händen christlicher Trägerschaften, deren kirchliches Arbeitsrecht die Beschäftigungsmöglichkeiten von Muslimen beschneidet. Diese Ausgrenzung ist kein Produkt der Arbeiterklasse, sondern des Besitzbürgertums, welche muslimische Frauen am Arbeitsmarkt diskriminieren. Sobald muslimische Frauen dann auf staatliche Hilfsleistungen zurückgreifen müssen, um wirtschaftlich überleben zu können, werden die widerlichen Vorurteile der Sozialschmarotzerei verbreitet.

Die reaktionäre Natur der Verschleierung

Wie in allen religiösen Schriften bieten auch die Aussagen des Korans einen großen Raum für Interpretationen. Daher existiert auch keine einheitliche Übersetzung der Heiligen Schrift. Die zentrale These des Korans, welche den konservativen Teilen des Islams für ihre Argumentation der Verschleierung von Frauen dient, offenbart allerdings eine eindeutige dominante Rolle des Mannes über die Frau. So heißt es in der vierundzwanzigsten Sure an-Nûr („Das Licht“), welche sich mit unehelichem Geschlechtsverkehr befasst und dieser mit Auspeitschung zu bestrafen sei, Zitat:

»Weib und Mann, die des Ehebruchs schuldig sind, geißelt beide mit einhundert Streichen. Und laßt nicht Mitleid mit den beiden euch überwältigen vor dem Gesetze Allahs, so ihr an Allah und an den Jüngsten Tag glaubt.« (Surah an-Nûr 24:2 | Hazrat Mirza Tahir Ahmad: Der Heilige Qur-Ân, sechste überarbeitete Auflage, 1996, Seite 338)

Nach der Logik des Korans sei die Grundlage für Ehebruch eine freizügige Kleiderwahl der Frau, welcher sich der Mann nicht entziehen könne und schließlich erliegen würde. Um also diesem Ehebruch präventiv entgegen zu wirken, müsse die Frau ihre körperlichen Reize verschleiern. Diese Verschleierung ist im bekannten Verse 24:31 geregelt, allerdings gilt es als umstritten, in welchem Maße diese Verschleierung gelten solle:

»Und sprich zu den gläubigen Frauen, daß sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen und daß sie ihre Reize nicht zur Schau tragen sollen, bis auf das, was davon sichtbar sein muß, und daß sie ihre Tücher über ihre Busen ziehen sollen und ihre Reize vor niemandem enthüllen als vor ihren Gatten, oder ihren Vätern, oder den Vätern der Gatten, oder ihren Söhnen, oder ihren Brüdern, oder den Söhnen der Brüder, oder den Söhnen ihrer Schwestern, oder ihren Frauen, oder denen die ihre Rechte besitzt, oder solchen von ihren männlichen Dienern, die keinen Geschlechtstrieb haben, und den Kindern, die von der Blöße der Frauen nichts wissen.« (Surah an-Nûr 24:31 | Hazrat Mirza Tahir Ahmad: Der Heilige Qur-Ân, sechste überarbeitete Auflage, 1996, Seite 341)

Vollverschleierung wird heute insbesondere in Afghanistan und Pakistan durch die islamistischen Taliban diktiert. Der deutsche Kriegseinsatz in Afghanistan wurde unter anderem auch damit gerechtfertigt. Durch die imperialistische Aggression wurde das Land nicht nur wirtschaftlich, sondern auch kulturell in die Steinzeit zurück gebombt, die Situation von Frauen ist heutzutage noch dramatischer und die Taliban besitzen nun mehr Macht als jemals zuvor. Im Vergleich dazu war Afghanistan in den 1960ern eine moderne und fortschrittliche Gesellschaft, in denen Frauen juristisch gleichgestellt waren und keinerlei Kleidervorschriften diktiert wurden.

Während also die Frauenunterdrückung in halb-feudalistischen Gesellschaften wie Afghanistan vorrangig durch die Religion vorangetrieben wird – dies betrifft nicht nur den Islam in Asien, sondern auch das Christentum in Afrika – so wird sie in den entwickelten Industrieländern, in denen die Religion nicht mehr die führende politische Instanz darstellt, durch den kapitalistischen Verwertungsprozess lediglich subtiler aufrecht erhalten. Wir wählen also nicht zwischen der feudalen und der kapitalistischen Diskriminierung, sondern bekämpfen beide Formen der Frauenunterdrückung.

Was tun?

Revolutionäre Marxisten können unmöglich ein Kleidungsstück legitimieren, welches das Sinnbild elementarer Frauenunterdrückung darstellt. Einige zentristische Linke glänzen indessen mit der zynischen Position, dass jede Frau selber entscheiden können müsse, ob sie eine Vollverschleierung tragen möchte oder nicht. Diese völlig neutrale Haltung zur Vollverschleierung ist bestenfalls eine bürgerlich-liberale, aber keineswegs eine sozialistische Position. Wir haben gesehen, dass diese Argumentation der konkreten Wirklichkeit widerspricht – die Frauen sind eben nicht frei in ihrer Entscheidung, sondern werden gezwungen – und nichts am grundsätzlich reaktionären Wesen der Verschleierung ändert, welche von der großen Mehrheit der lohnabhängigen muslimischen Frauen abgelehnt wird.

Das bedeutet aber keineswegs, dass wir ein staatliches Verbot der Burka unterstützen, denn die Frauenunterdrückung vermittels des bürgerlichen Staates lösen zu wollen – welcher selbst täglich Frauen diskriminiert – ist absurd und kategorisch abzulehnen. Zudem sind die führenden Kräfte in der Verbotskampagne nichts weiter als fremdenfeindliche Chauvinisten, welche mit ihrer rechten Propaganda die arbeitende Bevölkerung weiter spalten wollen.

Unsere Position ist eine klassenunabhängige Antwort auf religiöse und staatliche Frauenunterdrückung gleichermaßen. Den unkritischen Befürwortern der Burka erteilen wir ebenso eine Absage wie den reaktionären Befürworten eines staatlichen Verbots. Wir kämpfen für eine strikte Trennung von Staat und Religion, da die Religion weiterhin als Spaltungsinstrument der herrschenden Klasse dient. Treten wir ein für eine kämpferische Organisierung der Arbeiterklasse über religiöse Strömungen hinweg und zerschlagen wir religiös motivierte und geschlechtsspezifische Diskriminierung der lohnabhängigen Bevölkerung!

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