Kategorie: Geschichte

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7. November 1917 | 99 Jahre Russische Revolution!

Es ist fast ein Jahrhundert vergangen – und doch ist der Mythos der „größten Ereignisses der Menschheitsgeschichte“ noch am Leben. Ob geliebt oder gehasst, ob verzerrt oder wahrheitsgemäß dargestellt, kein politisch denkender Mensch kommt an der Machtergreifung der russischen Arbeiterklasse mit den Bolschewiki an ihrer Spitze vorbei.


In diesen Novembertagen wurde die Welt auf den Kopf gestellt (oder, wie Marx sagen würde, „vom Kopf auf die Füße“), mit immensen Folgen für die Welt des 20. Jahrhundert und für alle Diskussionen und Auseinandersetzungen in der weltweiten Arbeiterbewegung.

Die herrschende Klasse des 21. Jahrhunderts wird zum 100. Jahrestag der Russischen Revolution im Jahr 2017 keine Möglichkeit auslassen, die Bolschewiki mit Schimpf und Schande zu überziehen. Noch und nöcher werden wir zu hören, sehen und lesen bekommen, dass mit der Russischen Revolution das Chaos und der Terror Einzug hielt, dass der Marxismus die teuflischste Ideologie der menschlichen Geschichte ist und dass die ArbeiterInnen auf der ganzen Welt am besten daran tun, von revolutionären Abenteuern Abstand zu nehmen. Die Damen und Herren Kapitalisten, die solche Ideen mit ihren Propagandamaschinen verbreiten, haben auch allen Grund dazu: Im August des Jahres 2007 wurde die latente Krise der kapitalistischen Ökonomie wieder einmal offensichtlich. Milliarden und Abermilliarden Euro, Dollar und Yen wurden an den Börsen vernichtet. Gesellschaftlicher Reichtum, der bei planmäßigem Einsatz jenes Elend beseitigen könnte, das große Teile des Erdballs noch immer überzieht.

Das Missverhältnis von privatem Eigentum an Produktionsmitteln und gesellschaftlicher Arbeit, das grundlegende Charakteristikum der bürgerlichen Gesellschaft, hat ein derart aufreizendes Ausmaß erreicht, dass Kriege wie in Syrien und Krisen wie an den internationalen Börsen kein zufälliges, sondern ein notwendiges Element der Weltordnung sind. Insofern ist die heutige Situation durchaus mit einer vor dem Ersten Weltkrieg zu vergleichen, die eine der Voraussetzungen für den Umsturz des zaristischen Russland und der militaristischen Monarchien in Westeuropa bildete.

Wir behaupten nicht, der Russischen Revolution und Programm und Taktik der Bolschewiki neutral gegenüberzustehen, ganz im Gegenteil. Aber wir muten uns und unseren LeserInnen nicht zu, ein Urteil ausschließlich der zeitlichen Ferne vornehmen zu müssen. Wir halten eine fehlerlose Beurteilung der Ereignisse zwischen Februar und Oktober 1917 ohne Augenmerk auf die Originaltexte der beiden wichtigsten Führer der Russischen Oktoberrevolution – W.I. Lenin und L.D. Trotzki – und auch ihrer Opponenten in der internationalen Arbeiterbewegung zu legen, für schlicht unmöglich.

Erinnert sei daran, dass Lenin und Trotzki die Rechtfertigung für den Versuch der Machtergreifung durch die ArbeiterInnen immer nur aus der internationalen Situation ableiteten. Trotzkis „Theorie der Permanenten Revolution“ – entwickelt nach der ersten russischen Revolution im Jahr 1905 und von Lenin endgültig mit seinen berühmten „Aprilthesen“ akzeptiert – sah die sozialistische Revolution als einen internationalen Prozess, der sich mit einiger Wahrscheinlichkeit am „schwächsten Glied der kapitalistischen Kette“, d.h. in industriell rückständigeren Ländern manifestieren würde. Auf Grundlage einer materialistischen Gesellschaftsauffassung, d.h. einer die die Produktivkräfte als Grundlage für die Gesellschaftsformationen und deren Wechselwirkungen auffasst, ist der Erfolg einer sozialistischen Revolution nur dann möglich, wenn sie sich innerhalb recht kurzer Zeit auf die industriell und kulturell entwickelteren Länder ausdehnt („Der Sozialismus ist international oder er ist nicht.“)

Am Ende des Jahres 1917 lag ganz Europa in einem Strom aus Blut und Elend. Die kapitalistische Klasse in allen Ländern hatte ihr absolutes Unvermögen demonstriert, der menschlichen Gesellschaft einen Weg vorwärts zu bieten. Eine revolutionäre Krise macht sich in ganz Europa breit. Die Bolschewiki führten die russische ArbeiterInnenklasse zum Sieg, weil sie mit diesem Zerreißen der kapitalistischen Kette die Voraussetzungen für einen Sieg der Revolution in den zentralen europäischen Ländern Deutschland, Österreich, Frankreich und Großbritannien verbessern wollten und auf diesem Weg auch die einzige Möglichkeit für die Entwicklung eines gesunden Arbeiterstaates in Russland sahen. Prägend für die Politik und die Erwartungen der russischen MarxistInnen gilt der Satz von Lenin: „Ich würde die russische Revolution für die deutsche opfern“. Nur: die reformistischen Führungen der Parteien der Zweiten Internationale taten ihr möglichstes um die Ausbreitung der sozialistischen Revolution auf Westeuropa zu verhindern. Sie löste eine Aufgabe, die die verhasste Bourgeoisie unmöglich bewältigt hätte. Eine ArbeiterInnenklasse, die mit der Waffe in der Hand bereits an einigen wichtigen Positionen die Macht erkämpft hatte, wurde von ihrer eigenen Führung – den Noske, Bauer und MacDonald – politisch enteignet und wiederum der Diktatur des Kapitals untergeordnet.

Gleichzeitig wurde Russland nach dem Sieg der bolschewistischen Sowjetmacht und dem Sturz der provisorischen Regierung fast unmittelbar von einem Bürgerkrieg erschüttert, der neben den Hauptarmeen der „Roten“ und der „Weißen“ auch 21 Invasionsarmeen aus Westeuropa, den USA etc. als TeilnehmerInnen kannte. Nach dem Bürgerkrieg war die industrielle Basis fast vollständig zerstört. Die Bolschewiki hatten zwar militärisch gesiegt – aber was für ein Sieg war das? Hunger, Stadtflucht, Arbeitslosigkeit, eine demoralisierte Arbeiterklasse und die bewusstesten ArbeiterInnen auf den Schlachtfeldern des Bürgerkriegs gestorben. Der Aufbau eines gesunden Arbeiterstaates war eine unlösbare Aufgabe. Die Sowjetdemokratie nahm einen immer formaleren Charakter an, die Bürokraten erhoben sich allmählich über die Gesellschaft. Lenin stellte fest, dass die Staats- und Parteibürokratie einen immer schädlicheren Einfluss nahm und versuchte in seinen letzten Lebensmonaten die verbliebene Energie für einen Kampf gegen diese parasitären Teile der Sowjetgesellschaft zu nutzen.

Nach Lenins Tod riss Stalin, der Generalsekretär der Partei, vor dem Lenin in seinem Testament entschieden gewarnt hatte (dieses Testament wurde übrigens unterdrückt und erst nach Stalins Tod veröffentlicht) die Macht in Partei und Staat an sich. Nicht nur stellte Stalin die Speerspitze der sich immer ungehemmter gebärenden Bürokratie dar, auch waren in seinem Kampf gegen die alten Bolschewiki und ihre Traditionen eine vollständige Umschreibung des Programms und der Strategie notwendig. Stalin erfand die „Theorie des Sozialismus in einem Lande“, was nichts anderes als den Bruch mit der Daseinsberechtigung und Perspektive der Russischen Revolution darstellte. Die Außenpolitik, die bisher versucht hatte, die revolutionäre Spannung in jedem kapitalistischen Land auf das Äußerste zu steigern, wandelte sich zu einer Appeasement-Politik gegenüber den bürgerlichen Regierungen Westeuropas und später sogar zu einem Bündnis mit dem Faschisten Hitler.

Doch noch war es nicht so weit. Für die Absicherung der Macht und der Privilegien der Bürokratie musste Stalin und seine Clique nicht nur die programmatisch, sondern auch die personelle Kontinuität mit dem Oktober 1917 zerstören. Die Vernichtungskampagnen gegen die „alte Garde“ der Bolschewiki wurde von einer reformistischen Zeitung in Westeuropa mit unverhohlener Zustimmung kommentiert: „Genosse Stalin baut uns eine Brücke über die Leichen der alten Bolschewiki!“ Trotzki war auf diesem Weg der wichtigste Gegner Stalins, weil er am Programm und den Methoden der Bolschewiki von 1917 festhielt und unter den revolutionären Schichten Russlands ungeheures Ansehen genoss. Trotzki wandte sich gegen die bürokratische Degeneration, gegen die Abschaffung der Sowjetdemokratie, trat für ein ambitioniertes Industrialisierungsprogramm ein und unterzog vor allem die Stalinsche Außenpolitik einer schonungslosen Kritik. Dafür sollte er im Jahre 1940 von der GPU, dem Geheimdienst der Sowjetunion, schließlich auch ermordet werden.

Stalin und die Bürokratie gewannen den Machtkampf. Die Russische Revolution führte die Sowjetunion und im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts große Teile der Welt in ein politisches Phänomen, das aus marxistischer Sicht als „Proletarischer Bonapartismus“ bezeichnet wird. „Bonapartismus“ deswegen, weil sich ein bürokratischer Staatsapparat über die Gesellschaft erhoben hat und kraft der Gewehre und Gefängnisse herrschte. „Proletarisch“ deswegen, weil die Macht dieses Staatsapparats – nach außen wie nach innen – von der proletarischen Form des Eigentums an Produktionsmitteln abhängt: dem Kollektiveigentum an Maschinen, Fabriken, Verkehrsträgern, etc. Eben weil die vergesellschafteten Produktionsmittel einen historischen Fortschritt gegenüber der Anarchie des Marktes im Kapitalismus darstellt, hat Trotzki und mit ihm die revolutionären MarxistInnen, die sich heute unter dem Banner der Internationalen Marxistischen Tendenz (IMT) sammeln, die Sowjetunion in Auseinandersetzungen mit dem Imperialismus verteidigt, aber gleichzeitig zur politischen Revolution der Arbeiterklasse gegen die Bürokratie aufgerufen. Wenn diese nicht gelingt, würde sich der Mangel an Demokratie in der geplanten Wirtschaft allmählich wie der Mangel von Sauerstoff im menschlichen Körper bemerkbar machen. Die marxistische Theorie hat sich bewahrheitet – der Stalinismus ist mit dem Fall der Berliner Mauer 1989 untergegangen.

Unterziehen wir die Geschichte der Sowjetunion auch weiterhin einer marxistischen Kritik, um den uns bevorstehenden revolutionären Ereignisse gewappnet zu sein und alte Fehler zu vermeiden. Die Grundlage dafür ist ein klares Fundament der marxistischen Theorie und eine straffe Organisation mit klaren und demokratischen Strukturen – eben jene Prinzipien, mit denen die Bolschewiki 1917 die Macht für die Arbeiterklasse erringen konnten. Bereiten wir uns vor auf die Klassenkämpfe der Zukunft und bauen wir die revolutionäre Internationale auf, um den Kampf für internationalen Sozialismus zu gewinnen – werde aktiv in der Internationalen Marxistischen Tendenz (IMT) in über 40 Ländern weltweit!

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