Kategorie: Geschichte

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Spanischer Bürgerkrieg vor 80 Jahren Teil II

Vor 80 Jahren begann der Spanische Bürgerkrieg, vor 40 Jahren endete die Franco-Diktatur. Heute befindet sich das bürgerliche Spanien in einer instabilen Verfassung. Für die spanische Gesellschaft sind der Bürgerkrieg (1936-1939) und die Revolution (1931-1937) nicht nur historische Themen, sondern angesichts einer neuen Epoche von heftigen Klassenkämpfen hochaktuell.


Spanien war Anfang des 20. Jahrhunderts eines der wirtschaftlich rückständigsten Länder Europas. Die Reste des Mittelalters waren nicht beseitigt worden. Eine Landreform gab es nicht, die den Großgrundbesitz hätte enteignen können. Spaniens Landwirtschaft hatte die niedrigsten Hektarerträge Europas. Gleichzeitig gab es in den Städten aber moderne Industrien und eine starke ArbeiterInnenbewegung. 1931 hatte eine revolutionäre Massenmobilisierung die Abdankung des Königs und Ausrufung der Republik erzwungen. So wurde eine von Massenbewegungen und Streiks geprägte turbulente Phase der spanischen Geschichte eingeleitet, die erst mit der Niederlage im Bürgerkrieg zu Ende ging. (Siehe Teil I)



„Heute verwechseln viele Menschen in der Linken die Volksfront mit Lenins Vorstellung von einer Einheitsfront. Das ist ein schwerwiegender Fehler. In Wirklichkeit hat die Volksfront nichts mit einer Einheitsfront, einer Arbeiterinnen- oder Linksfront, zu tun. Sie stellt eine Form der Klassenkollaboration dar, bei der sich die ArbeiterInnenparteien den Parteien der liberalen Bourgeoisie unterordnen.“

(Alan Woods: Revolution und Konterrevolution in Spanien 1931-1937)


Bei den Parlamentswahlen im Februar 1936 gewann das Wahlbündnis der Volksfront. Sie umfasste die SozialistInnen, die KommunistInnen, die „fortschrittlichen“ Republikaner, die antistalinistische POUM (Arbeiterpartei der Marxistischen Einheit), nationalistische Parteien Kataloniens und des Baskenlandes. Anstatt offensiv ein revolutionäres Programm umzusetzen und somit die Massen der Bauern und ArbeiterInnen auf seine Seite zu ziehen, ging man ein Bündnis mit dem Schatten der Bourgeoisie ein.

Das Programm der Volksfrontregierung konnte natürlich aufgrund der bürgerlichen Beteiligung auf keinen Fall revolutionär sein, denn das hätte die bürgerlichen Verbündeten „abgeschreckt“. Nebenbei war den bürgerlichen Republikanern eine Mehrheit auf den Kandidatenlisten garantiert worden, die keineswegs dem gesellschaftlichen Kräfteverhältnis entsprach. Aufgrund ihrer Zusammensetzung konnte die Volksfrontregierung keines der dringendsten Probleme des Landes lösen. Eine Landreform hätte wegen der Verflechtungen zwischen Großgrundbesitz und Bürgertum ja auch den KapitalistInnen geschadet. So wäre etwa bei einer Enteignung von Ländereien auch der Bankensektor betroffen gewesen (über Kredite, Hypotheken...). Die koloniale Frage (Marokko war zur Hälfte spanisch besetzt) wurde im Programm der Volksfront nicht einmal erwähnt. So hatte die Volksfront den unterdrückten marokkanischen Massen nichts anzubieten. Weder wurde die Kirche aus dem Schulsystem verdrängt, noch wurden die Stellungen und Privilegien von reaktionären und monarchistischen Militärs angetastet. All diese ungelösten Probleme zeigen, dass eine Koalition sozialistischer Parteien mit dem Klassenfeind nicht zu einer Stärkung der fortschrittlichen Kräfte, sondern zu ihrer Lähmung führt. So blieb mit Großgrundbesitz, Großindustrie, Militär und Kirche eine gewaltige Basis der Reaktion unangetastet.

Der Kampf gegen den Faschismus

Unmittelbar nach dem linken Wahlsieg verdichtete sich die Verschwörung der faschistischen Generäle, was auch öffentlich wahrgenommen wurde. Zugleich wurde von Seiten der Herrschenden die faschistische Bewegung „Falange“ offensiv unterstützt. Der konterrevolutionäre Terror arbeitete mit Einschüchterungen und Mordkampagnen und de facto legaler Deckung durch Gerichte und Polizei.

Aber auch die ArbeiterInnen blieben nicht untätig. Der Kampf gegen den Faschismus hatte nämlich in Wirklichkeit schon vor dem Staatsstreich General Francos begonnen. Es gab auf den Straßen täglich gewaltsame Auseinandersetzungen mit Faschisten. Zahlreiche Streiks durchzogen das Land, an denen sich sowohl Industrie- wie auch LandarbeiterInnen beteiligten. Die Massen warteten nicht darauf, dass die Regierung ihre Versprechen einlöste, sondern gingen selbst ans Werk: Schon in den ersten Tagen nach der Wahl erzwangen sie die Amnestie von politischen Gefangenen, indem sie einfach die Gefängnistore aufrissen. Kirchen wurden niedergebrannt und verhasste, als reaktionär bekannte Priester aus den Dörfern verjagt. Ein großer Teil der Basis der Sozialistischen Partei und der anarchistischen Organisationen FAI und CNT versuchte einen revolutionären Weg zu gehen. Der Klassenkampf war so zugespitzt, dass die Atmosphäre des Bürgerkriegs in der Luft lag. Der konservative Präsident Azaña und der Rest des Bürgertums hatten nicht die Macht, die revolutionären ArbeiterInnen zu stoppen. Der Großteil der Besitzenden setzte nun offen auf den Faschismus. Nur ein ganz kleiner Teil (einige bürgerliche Minister) hoffte mit Hilfe der reformistischen ArbeiterInnenführer die revolutionäre Bewegung zu stoppen. Für diesen Zweck war die Volksfront ideal. Schließlich riefen Franco und drei andere Generäle zum Staatsstreich auf, der am 17. Juli durchgeführt wurde. Er fand die große Unterstützung des Offizierscorps sowie des Großteils des restlichen Staatsapparats. Am Tag des Putsches klafften in den Zeitungen der ArbeiterInnenparteien weiße Lücken, denn die Zensur der Volksfrontregierung hatte im Sinne der „Deeskalation“ alle Warnungen vor einem kommenden Putsch streichen lassen.

Das Wesen der Volksfront

Die meisten bürgerlichen Minister zogen wahrscheinlich eine Einigung mit den Faschisten einem wirklichen Kampf gegen sie vor. Doch die Nachricht vom Staatsstreich führte zu einer von der Regierung unabhängigen Erhebung der Massen. In Málaga zum Beispiel wurden die Putschisten durch einen Ring aus in Brand gesetzten Häusern in Schach gehalten. In Barcelona stürmten AnarchistInnen und linke SozialistInnen die Waffenlager der Regierung. Die Stadt war de facto unter der Kontrolle der ArbeiterInnenorganisationen, die antifaschistische Milizen gebildet hatten. Diese vertrieben die Faschisten aus Katalonien und befreiten sogar die Nachbarregion Aragón. Das Geheimnis ihres Erfolges war, dass sie über den kapitalistischen Rahmen hinausgingen. In den eroberten Dörfern wurde der Landbesitz enteignet und gemeinschaftlich bewirtschaftet, die Entscheidungsgewalt lag in Händen gewählter Dorfkomitees. In den Fabriken wurde Arbeiterkontrolle eingeführt. Das sicherte eine wirklich antifaschistische – weil antikapitalistische – Basis. Diese revolutionäre Kriegsführung war der Volksfrontpolitik diametral entgegengesetzt.

Die StalinistInnen – als VerteidigerInnen der Volksfrontorientierung der Kommunistischen Internationale – argumentierten, dass sich Spanien erst in der sogenannten „demokratischen“ Etappe befände, wo zusammen mit der Bourgeoisie die bürgerliche Demokratie erobert werden müsste. Über den Parlamentarismus aber dürfe man nicht hinausgehen, denn es stünde nicht die Revolution, sondern nur der Kampf gegen Franco auf der Tagesordnung. Dabei übersahen sie geflissentlich, dass eben der Kapitalismus, über dessen Rahmen sie nicht hinausgehen wollten, den Faschismus hervorgebracht hatte und ihre bürgerlichen Bündnispartner in der Regierung nur noch sich selbst repräsentierten, weil die Mehrheit der Besitzenden ja längst auf die Diktatur gesetzt hatte.

Doch die Volksfronttheorie war mehr als ein politischer „Fehler“. Sie entsprach den Interessen der in der Sowjetunion herrschenden Bürokratie. Diese wollte Ruhe im In- und Ausland und keine sozialistische Revolution in Spanien. Für die Bürgerlichen bestand ein enormer Vorzug an den StalinistInnen: Stalin und seine Anhänger besaßen eine große Autorität, die der sowjetische Apparat zielgerichtet einsetzte, um in der Republik wieder bürgerliche Verhältnisse durchzusetzen. Dies beinhaltete die Bekämpfung von Landbesetzungen, die Zurückdrängung der Arbeiterkontrolle, die Wiedereinsetzung der bürgerlichen staatlichen Behörden, die Unterbindung der Waffenversorgung für autonome Arbeitermilizen, später dann Lohnkürzungen und andere soziale Kürzungen.

Schließlich führten sie die „Drecksarbeit“ der Besitzenden aus. Zu ihren Mitteln zählten u.a. die Verfolgung und Ermordung von RevolutionärInnen, Verleumdungen und Folter durch Agenten des sowjetischen Geheimdienstes GPU. An vielen Frontabschnitten verriet die Volksfrontregierung den antifaschistischen Kampf offen, in dem sie beispielsweise Waffen zurückhielt. Der englische Schriftsteller und Spanienkämpfer George Orwell schrieb in seinem Buch „Mein Katalonien“ treffend: „Eine Regierung, die Jungen von 15 Jahren mit 40 Jahre alten Gewehren an die Front schickt und die stärksten Männer und die neuesten Waffen in der Nachhut behält, fürchtet die Revolution offenkundig mehr als den Faschismus.“

So folgte im Kampf gegen Franco Niederlage auf Niederlage. Damit einher ging natürlich die Demoralisierung der Massen. In jedem Bürgerkrieg ist ein Sieg nur möglich, wenn die ArbeiterInnen und BäuerInnen wissen, dass sie für ihre eigene Befreiung kämpfen. Das ist unter der Führung des Bürgertums (in einer Volksfront) natürlich unmöglich. Eine andere – revolutionäre – Kriegsführung, die den Kampf gegen den Faschismus mit dem Kampf gegen das kapitalistische System verbindet, wäre die Bedingung Nummer Eins für den Sieg.

Nachdem die linken UnterstützerInnen der Regierung ihre Schuldigkeit getan hatten, wurden sie nach und nach in einer Art Salamitaktik entfernt und nach Regierungsumbildungen war im Jahre 1939 eine Volksfront aus Bürgerlichen, StalinistInnen und den rechtesten sozialistischen Führern geblieben. Aus den Regionalregierungen wurden die AnarchistInnen und die POUM entfernt. All das machte die Niederlage nicht nur der Revolution, sondern selbst des antifaschistischen Kampfes unvermeidlich.

Niederlage von innen heraus

Der Niederlage der Revolution von innen heraus und die Demoralisierung der Bewegung eröffneten den Faschisten den Weg zur militärischen Niederwerfung der Republik, die im Frühjahr 1939 abgeschlossen war. 80.000 bis 100.000 RevolutionärInnen kamen bei den Kampfhandlungen ums Leben, weitere 50.000 wurden unmittelbar nach Francos Sieg erschossen. Auf dieser Grundlage konnte Franco eine fast 40-jährige Diktatur errichten.

Eine neue Generation von KlassenkämpferInnen auf der Iberischen Halbinsel kann auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken und aus der Vergangenheit wichtige Lehren ziehen. Für revolutionäre Ideen kämpfen auch unsere GenossInnen von Lucha de Clases, die seit dem illegalen Kampf der frühen 1970er Jahre aktiver Bestandteil der Bewegung sind.

Zum Weiterlesen:

Alan Woods: Revolution und Konterrevolution in Spanien 1931-1937
Ted Grant: Die Spanische Revolution 1931-1937 Teil I und II

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Felix Morrow: Revolution und Konterrevolution in Spanien

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