Kategorie: Kultur

Beethoven und die Revolution

MitarbeiterInnen des Staatstheaters Mainz stimmten aus Protest gegen die AfD-Kundgebung am 21. November die Europahymne (Beethovens „Ode an die Freude“) an und beschallte damit den Kundgebungsplatz. AfD-Bundesvorsitzende Frauke Petry sagte über die Aktion, dass sich Beethoven „im Grab umgedreht hätte, wenn er davon gewusst hätte“. Wegen der Störung der AfD-Demonstration wurde jetzt der Theaterintendant von der Polizei angezeigt.


Ludwig van Beethovens Musik zeigt in einzigartiger Weise auf, wie künstlerisches Schaffen von den materiellen Umständen der Zeit abhängt. Sie ist durchdrungen vom Geist der Französischen Revolution von 1789 und deren teilweiser Zerschlagung und beherrscht von dem dynamischem Streben nach Vervollkommnung, nach einer besseren Welt außerhalb der Zwänge einer Gesellschaft der Stände oder Klassen.

Nicht von ungefähr wird Ludwig van Beethoven (1770-1827) oft der Beiname des Revolutionärs unter den Komponisten verliehen. Er ist ein Kind seiner Zeit mit ihrem Zeitgeist, namentlich der Französischen Revolution mit ihren Idealen. Jedes einzelne seiner Werke ist eine Hommage, eine Huldigung an die Revolution, in die er so viele Hoffnungen setzte. Die Umwälzung alter Verhältnisse, wie sie in der Französischen Revolution vollzogen wurde, verstand Beethoven in seiner Musik brillant umzusetzen, indem er sich einfach über die gängigen musikalischen Konventionen hinwegsetzte oder alte Formen modifizierte.

Ebenso wie seine Musik sind auch die Umstände ihrer Entstehung durchaus unüblich: zunächst machte Beethoven als Pianist und Klaviervirtuose von sich reden, bevor er sich gänzlich der Komposition widmete. Im Gegensatz zu vielen anderen Musikern und Künstlern machte er sich jedoch nie von Adel oder Kirche abhängig und wirkte zeitlebens als freier Künstler.

Gliederung der Werke

Aus seinen Werken sprechen Optimismus und tiefe Depression, pathetische Glückseligkeit und schmerzerfüllte Trauer. Über allem steht die scheinbare Unvereinbarkeit dieser beiden Gegensätze und ihre Vereinigung auf höherer Ebene. Eben dies ist wirkliche Essenz einer jeden Sonate, die schon Mozart oder Haydn zur Anwendung brachten – erst Beethoven aber vermochte sie tatsächlich zu revolutionieren und offenbarte damit ihr wahres Wesen. Betrachtet man allein die äußere Form einer Sonate, so fällt ein dialektischer Denkansatz auf: ein schneller erster Satz, auf den ein langsamerer zweiter und ein dritter eher belebten, fröhlichen Charakters folgt, mündet schließlich wieder in einem schnellen letzten Satz. Dieses meist fulminante Finale ist aber mehr als nur ein weiterer schneller Satz. Es ist die Rekapitulation und Weiterführung der Anfangsidee beziehungsweise des anfänglichen musikalischen Themas auf höherer Ebene.

Die Gliederung der Sonate folgt also dem Prinzip der Entwicklung auf der Basis von Widersprüchen, die Bewegung kommt nur durch eben diese Widersprüche zustande. Die Sätze stehen dabei in einer Abhängigkeit voneinander, die nicht anderes ist als die Negation der Negation, die wir Marxisten als Grundpfeiler des dialektischen Materialismus kennen. Seine Musik – die auf einzigartige Art vollendet scheint – stellt den Zeitgeist in einer Weise dar. Sie ist so kontrovers wie die Zeit selbst, voller Widersprüche und Umwälzungen. Das erklärt sicherlich auch, weshalb Beethovens Musik seinerzeit so schockierte und doch die Menschen aufwühlte und eine enorme Anziehung auf sie ausübte, weshalb sie auch heute nichts von ihrem revolutionären Charakter eingebüßt hat und vielleicht aktueller ist denn je.

Schicksalsschläge und Depression

Das Leben Ludwig van Beethovens war geprägt vom frühen Verlust der Mutter, dem schwindenden Gehör bis zu fast vollständiger Taubheit und Phasen tiefer Depression. Auch diese Verzweiflung ist ein zentraler Bestandteil seiner Werke. Beethoven scheut sich nicht davor, Dissonanzen (Missklänge) zu verwenden und sie bewusst nicht aufzulösen. Ein absoluter Tabubruch eigentlich, der zuvor undenkbar gewesen wäre. Sie beschreibt aber vielleicht am besten die Zerrissenheit eines Mannes, der sein Innerstes enthüllt, und macht seine Musik so unglaublich menschlich.

Auch wenn diese persönlichen Einschnitte wie Mahnungen des Schicksals erscheinen mögen, ist die gängige Interpretation der Werke Beethovens (vor allem der 9. Symphonie) als Ausdruck des Schicksals, dass „an die Tür klopft“, eine vollkommen falsche und profane und der Genialität seiner Werke unangemessene Einschätzung. Vielmehr strebte er an, „dem Schicksal in den Rachen zu greifen“, ein Leben ohne Fremdsteuerung und Unterdrückung, ein Leben der freien Selbstverwirklichung zu ermöglichen.

Beethovens Stärke

Aus welchem Grund aber wurde und wird Beethoven dann sowohl von der Masse der Bevölkerung als auch von der Bourgeoisie oder gar dem Adel so hoch geschätzt? Wie alle Zusammenhänge lässt sich auch dieser nur dialektisch erklären. Mit vielen seiner Werke, die von Freiheitsstreben und Kampfgeist getränkt sind, konnten sich vor allem die Revolutionäre der französischen Revolution identifizieren. Andererseits verstand es auch die Bourgeoisie, in seinen Werken ihren Kampf mit dem persönlichen Schicksal zu sehen, als Ausgleich für die selbst geschaffenen Widersprüche einer bürgerlichen Gesellschaft in ihrer kapitalistischen Ausprägung.

Der innere Zerfall eines von vornherein zum Scheitern verurteilten Systems wie dem Kapitalismus kann nicht nur an sinkenden Profitraten oder instabilen Regierungen abgelesen werden. Er zeigt sich auch, vielleicht sogar am stärksten, im Zerfall der Kultur. Er zeigt sich im Mainstream, der uns aus Radio oder Fernsehen oder modernen Medien entgegen schlägt oder in kitschigen Teenie-Novellen. Wir dürfen in unserem Kampf die Macht der Worte und der Musik nicht unterschätzen. So wie die Kultur im Kapitalismus für Zwecke des privaten Profits und der Ablenkung verwendet wird, können wir sie aber auch einsetzen im Kampf für eine bessere Zukunft, im Kampf für eine sozialistische Gesellschaft, die Kunst und Kultur nicht den Privilegien einer winzigen Minderheit ausliefert, sondern der freien und uneingeschränkten Entfaltung der gesamten Menschheit dient.

Die Menschheit hat mehr als einmal Giganten des Gedankens und der Tat hervorgebracht, die die Zeitgenossen wie Gipfel einer Bergkette überragten. Das Menschengeschlecht hat ein Recht, auf Aristoteles, Shakespeare, Darwin, Beethoven, Goethe, Marx, Edison, Lenin stolz zu sein. (Leo Trotzki)

Modulblock Revolution

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