Kategorie: Ökologie

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Genmais – Wer profitiert, wer verliert?

„Wollen Sie gentechnisch veränderte Lebensmittel essen?“ Diese Frage würden in Europa wohl nahezu alle Menschen energisch verneinen. Außer vielleicht die eine oder der andere gekaufte Promi am Fernsehen. Und doch wurde kürzlich durch EU-Beschluss der Weg dafür geebnet, dass künftig auch hierzulande auf den Äckern die insektengiftige Gen-Mais-Sorte 1507 angebaut werden darf. Das wäre dann der Vorreiter für weitere Genehmigungen.


Entsetzen allenthalben, der inzwischen aus anderen Gründen zurückgetretene Landwirtschaftsminister Friedrich stammelte etwas von deutschem Sonderweg... Noch sind die zu dem Anbau benötigten Pestizide in Deutschland ja nicht erlaubt. Doch hat sich die Bundesregierung bei der Abstimmung enthalten. Ein „Nein“ hätte das Ergebnis schließlich nicht verhindert, beeilen die Verantwortlichen sich zu behaupten. Die Selbstverständlichkeit, mit der der sattsam bekannte Wille einer überwältigenden Bevölkerungsmehrheit und dazu der Naturschutz beiseite gefegt worden sind, zeigt einmal mehr den antidemokratischen und eindimensional auf Profitinteressen ausgerichteten Charakter der Europäischen Union (EU).

Zwar würde der Genmais als Aufmacher wohl erst einmal kaum direkt auf den Tellern landen, viel eher schon in den Silos und Futtertrögen von Mastbetrieben der boomenden Fleischindustrie, wo Panscherei, Betrug und Dumping ohnehin an der Tagesordnung sind. Besonders aber würde er als buchstäblich nachwachsender Energieträger zur Stillung des immensen Elektrizitätshungers einer im Schwerpunkt auf den Export ausgerichteten Industrie beitragen. Zu dieser Abnehmergruppe mit dem weitaus größten Energieverbrauch in Deutschland hinzu kommen natürlich die vielen Endverbraucher, deren unzählige Handys, I-Pods, Laptops usw. ebenfalls in der Summe ordentlich Strom fressen, wie das sprichwörtliche Kleinvieh in nicht unerheblichen Mengen Mist macht.

Und zum Versand derlei unverzichtbarer Dinge stehen inzwischen Chips und Flips aus gepoppter (Mais-)Stärke zur Verfügung, die womöglich sogar weniger umweltschädlich sind als solche aus Styropor! Aus mikrobiell weiterverarbeiteter Maisstärke wird Polylactid, und daraus neuartige Folien, Garne, Joghurtbecher, verzehrbare Fastfoodschälchen usw. - ein zukunftsträchtiger Markt. 

Nicht anders als seit Jahrzehnten bei der sogenannten friedlichen Nutzung der Kernenergie wird nichts ausgelassen, um uns die Vorzüge der neuen Technologie in strahlenden Farben auszumalen und die Warner als „ewiggestrige Fortschrittsmuffel“ hinzustellen. Tschernobyl und Fukushima zeigen beispielhaft, wie die Geschädigten mit den Folgen alleingelassen, die Schäden auf die Gesellschaft abgewälzt werden, während die Profite der Gewinner unangetastet bleiben.

Bienensterben?

Einmal ausgebracht bleiben die veränderten Gene dummerweise nicht an Ort und Stelle. Die insektengiftigen Pollen der Hybriden werden vom Wind kilometerweit fortgetragen, denn der Mais ist wie alle Gräser ein Windbestäuber. Seit langem ist bekannt, dass etwa Bodenbakterien vorgefundene Gene über Artgrenzen hinweg auf andere Lebewesen übertragen. Die Fähigkeit zur Bildung von Insektengiften z.B. kann sich so unbeabsichtigt und unkontrollierbar in der Pflanzenwelt ausbreiten. Zwar werden die Auswirkungen unterschiedlich eingeschätzt, und es ist nicht möglich, den langfristigen Einfluss einer einzelnen Veränderung bei der Vielzahl von Wechselwirkungen eindeutig vorauszusagen. Schon ohne Genmais kam es immer wieder zu rätselhaftem Bienensterben, da die Völker der hiesigen Honigbiene durch die Vielzahl vom Menschen verursachter Umweltschäden einschließlich des Befalls durch die Varroa-Milbe deutlich geschwächt sind. Albert Einstein sagte dazu: „Wenn die Biene einmal von der Erde verschwindet, hat der Mensch nur noch vier Jahre zu leben. Keine Bienen mehr, keine Bestäubung mehr, keine Pflanzen mehr, keine Tiere mehr, kein Mensch mehr.“

Immer neue Sorten von Genmais begünstigen in Verbindung mit dem Ziel höchstmöglicher Flächenerträge zudem den Einsatz von immer mehr Herbiziden, da die Pflanzen selber gegen diese unempfindlich gemacht worden sind. So werden Wildpflanzen und von diesen abhängige Tierarten immer weiter zurückgedrängt, jahrhundertelang stabile ökologische Kreisläufe auf verschwindende Reservate beschränkt. Doch die abgewehrten Schädlinge bilden Resistenzen aus, Superunkräuter können entstehen, der Einsatz von Agrochemie nimmt im Schnitt nicht ab sondern zu mit allen bekannten Folgen für das Grundwasser und die Nahrungsketten.

Transgenes Saatgut nötigt die Landwirte, dieses stets neu zu kaufen, anstatt einen Teil der eigenen Ernte zur nächsten Aussaat verwenden. Diese Möglichkeit ist mit Vorbedacht ausgeschlossen worden, denn die transgenen Hybriden bringen keimunfähige Samen hervor. Der Vorteil ergiebigerer  Ernten geht Berichten zufolge bei jeder neuen Sorte schon nach wenigen Jahren zurück. Schon gar nicht werden Artenvielfalt und Ernährungssicherheit für die Bevölkerung der Anbaugebiete gewährleistet. Vielmehr ist der Genmais auf eine Agrarindustrie hin entworfen, wie sie auf riesigen Flächen mit Monokulturen betrieben und dabei großzügig aus Steuermitteln subventioniert wird. Besonders in Ostdeutschland sind durch die Privatisierung der einstigen landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften riesige Betriebe mit vielen hundert Hektar Ackerland entstanden, die unter intensivem Einsatz von Maschinen, Pflanzenschutz- und Düngemitteln und sehr wenigen Beschäftigten bewirtschaftet werden. Gerade die agrarindustriell erzeugten Futtermittel ermöglichen eine Exportoffensive, bei der insbesondere mit billigem Schweinefleisch aus Massentierhaltung in Nachbarländern wie Frankreich die dortigen Erzeugerpreise unterboten werden.

Profitmaximierung und Landflucht

Die Interessen von Großunternehmen wie Saatgut- und Futtermittelfirmen und von Massentierhaltern sind notwendigerweise auf Profitmaximierung ausgerichtet. Mithilfe von Bataillonen hochbezahlter Diplomaten, Juristen und Lobbyisten wird machtvoll und listenreich Einfluss genommen, um Tatsachen zu schaffen und auf Kosten von Mensch und Natur Monopole zu errichten. Die herkömmliche Landwirtschaft soll durch eine risikobehaftete und störanfällige Technologie abgelöst werden. Dem Vorteil von Großgrundbesitzern und Anlegern wird von Seiten der Herrschenden leichtfertig und fahrlässig Vorrang vor den Lebensgrundlagen der Menschen eingeräumt. Die Überakkumulation von Besitz, Geld und Macht in den Händen weniger wird dadurch weiter beflügelt, und die hieraus folgenden Krisen ebenso.

Dass maximale Flächenerträge besonders stark subventioniert werden, verstärkt den Effekt, dass herkömmliche Landwirtschaft zum Lebenserwerb immer weniger tragfähig wird. Die Landflucht in Deutschland geht einher mit dem Veröden dörflicher Lebensgemeinschaften. Viele Ortschaften beispielsweise im Hunsrück (Rheinland-Pfalz) werden nur im Sommer noch von ein paar Touristen bevölkert. Anstelle der Menschen haben die Windräder Einzug gehalten. Ganze Kulturlandschaften liegen brach und veröden.

Alternative

Diese Entwicklung muss umgekehrt werden. Unterstützung aus Steuermitteln muss der Förderung landwirtschaftlicher Existenzgründungen nach ökologischen Richtlinien vorbehalten bleiben, anstatt als Überschussprämie zweckentfremdet zu werden. Großunternehmen der Branche wie Saatgut- und Futtermittelfirmen, Massentierhaltern sind notwendigerweise auf Profitmaximierung aus und gehören in öffentliche Hände und unter demokratische Kontrolle. Das Land gehört in die Hände derer, die es bearbeiten, ob Familien oder Genossenschaften. Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs), die früher vielen Menschen ein Auskommen und Raum zu sinnvoller Arbeit boten, sollten auf freiwilliger Basis wiederhergestellt werden. Jungen Menschen muss eine ermutigende Lebensperspektive eröffnet werden, in Kooperativen landwirtschaftliche Berufe zu erlernen und auszuüben, ohne in ihrer ganzheitlichen Entfaltung durch mangelnde Bewegungsfreiheit eingeengt zu sein. Naturschutz- und Verbraucherverbänden kommt die Aufgabe zu, in Verantwortung gegenüber der Allgemeinheit die Betriebe zu überwachen und mit dem Landschafts- und Gesundheitsschutz abgestimmte nachhaltige Formen der Nahrungsmittelerzeugung und -verarbeitung in überschaubaren Einheiten einzufordern. Pflanzenanbau für andere (z.B. technische) Zwecke betrifft nicht weniger Lebensraum und Gesundheit der gesamten Bevölkerung und hat daher einer ebenso sorgsamen, demokratisch legitimierten Kontrolle zu unterliegen. Das käme nicht nur den arbeitenden Menschen und den Verbrauchern vor Ort zugute, sondern auch die Flut aberwitziger, außer Kontrolle geratener Transporte würde beruhigt. Über Landesgrenzen hinweg würden die Menschen befreit vom derzeit betriebenen Beschädigungskampf nach dem Erfolgsrezept „Bring deinen Nachbarn an den Bettelstab!“ Es ist höchste Zeit für eine sozialistische Neuordnung der europäischen Wirtschaft!

Unfreiwillig Klartext gesprochen

Deutschland hat sich am 11. Februar 2014 im Brüsseler EU-Ministerrat bei der Abstimmung über die Zulassung der genetisch veränderten Maissorte 1507 enthalten. Die „einfache“ Mehrheit von 19 von 28 Ländern gegen die Zulassung reichte nicht aus, hieß es – eine „qualifizierte“ Mehrheit wäre nötig gewesen, um das Genehmigungsverfahren zu stoppen, da angeblich frühere Gelegenheiten, die Umweltschädlichkeit der Maissorte zu beanstanden, verschlafen wurden. Für die Maissorte 1507 stimmten nur Spanien, Großbritannien, Finnland, Estland und Schweden, es enthielten sich Deutschland, Portugal, Belgien und die Tschechische Republik.

Kurz danach stand  im ARD-Morgenmagazin die SPD-Bundestagsabgeordnete Elvira Drobinski-Weiß Rede und Antwort über die Hintergründe. Wir geben hier einige markante Passagen dieses Interviews wieder.

Morgenmagazin (MM): Nun hat dann die Partei der Grünen einen Antrag gestellt, in dem sie genau das verhindern wollte, und die SPD hat diesem Antrag nicht zugestimmt. Da hätten Sie ja eine Möglichkeit gehabt, die Bundesregierung noch einmal zu beeinflussen.

Drobinski-Weiß (DW): Das hätten wir gehabt, inhaltlich stehe ich auch persönlich dazu, jetzt gibt’s natürlich dass wir ja seit Ende vergangenen Jahres eine Große Koalition sind, und dann geht’s natürlich darum auch zu gucken - ich muss auch die Position des Koalitionspartners ein Stück weit berücksichtigen. Und das ist jetzt hier eben dieser Spagat, zu dem wir gezwungen sind. Es gibt natürlich dann Möglichkeit, dennoch eine andere Position dazu zu äußern.

MM: Der Koalitionsvertrag sagt ganz explizit: Wir erkennen die Vorbehalte des großen Teils der Bevölkerung gegenüber grüner Gentechnik an. Und setzen uns anschließend darüber hinweg?

DW: Ja genauso sieht es aus und das ist ja auch das Problematische daran. Und das heißt also auch, wir nehmen tatsächlich auch die Bedenken der Bevölkerung nicht ernst, was wir aber eigentlich tun müssten und sollten, und das fördert natürlich auch wieder sag ich mal ein Stück weit die Politikverdrossenheit.

MM: Wer will denn den Genmais?

DW: Gut, die Bevölkerung will es überwiegend nicht; ich sag' jetzt mal sehr deutlich: die Kanzlerin will den Genmais, die beiden anderen beteiligten Ministerien wollen den Genmais, und natürlich wollen den Genmais auch die Hersteller der verschiedenen GVO-veränderten Maissorten, und das sind ja nicht einflusslose Unternehmen, internationale Konzerne...

MM: Das heißt die Politik beugt sich den Multis, genau so?

DW: Das ist jetzt sehr hart formuliert, aber im ersten Impuls würde ich sagen – ja!

MM: Die Eingriffe in die Ökologie, in die Landschaft, in unsere Nahrung können ja erheblich sein. Kann sich Deutschland dem überhaupt noch entziehen?

DW: Ich glaube schon, dass Deutschland das kann. Nur müssten wir dafür uns konsequent einsetzen. Und ich habe auch nicht den Eindruck, dass auch etwa auf der Brüsseler Ebene beispielsweise auch dann, wenn solche Entscheidungen anstehen, die Bundesregierung hier versucht auch andere Länder, Mitgliedsstaaten, die da noch unentschlossen sind, mit auf die Seite zu ziehen. Frankreich beispielsweise hat eine ganz andere Position bezogen und versucht dann auch die anderen Mitgliedsstaaten auf seine Seite zu bringen um dann eben die entsprechende Stimmenmehrheit zu bekommen, und Deutschland tut das leider nicht. 

MM: Dann hat der BUND doch recht wenn er sagt: Die Bundesregierung hat auf der ganzen Linie versagt?

DW: Natürlich!

Das Interview spricht Bände über die Halbherzigkeit der SPD, die noch vor der Bundestagswahl gegen Genmais wetterte. Bei dem sogenannten „Versagen“ ist aber aufschlussreich, welche Minister neben der pharmafreundlichen Kanzlerin in der Sache offenbar die Marschrichtung vorgeben: Johanna Wanka (CDU, Gesundheit) und Hermann Gröhe  (CDU, Bildung und Forschung).

SPD-amtliche Medien versuchten lange den Eindruck zu wecken, dass die Fraktion darauf vertrauen würde, dass die Union den Koalitionsvertrag einhält und die Regierung in Brüssel den Genmais ablehnt. Die Union tat das jedoch nicht. Sie bestand auf einer Enthaltung. So stand die SPD-Fraktion als Verliererin da und musste einräumen, der Koalitionsvertrag wäre da wohl nicht eindeutig genug formuliert. Das ist jedoch eine faule Ausrede. Wenn die Meinung der Bevölkerung berücksichtigt werden soll, dann sind 88 Prozent Ablehnung eine klare Sprache. Es handelt sich um einen klaren Vertragsbruch. Die Union ist einmal damit durchgekommen, sie wird es noch oftmals versuchen. Das Versagen der SPD-Fraktion in der Frage Genmais lässt die Vermutung zu, dass weitere „Ausrutscher“ folgen werden. Im Bundestag wagten es immerhin fünf Abgeordnete der Union, dem Antrag der Grünen zuzustimmen. Im SPD-Lager gab es lediglich 15 Enthaltungen. Die SPD-Bundestagsfraktion erklärte, sie sei gegen die Zulassung von Genmais 1507, habe aber auch „Koalitionsräson“ gegen den entsprechenden Antrag der Grünen im Bundestag gestimmt.

Nicht weniger bezeichnend ist die mediale Begleitmusik, wo z.B. im „Nachrichtenmagazin“ Focus die Klage angestimmt wird, „Spitzenforscher“ würden den Standort Deutschland meiden!

Was für Forscher sind da wohl gemeint? Wohl nicht etwa Leute, die im Dienste des „Kapital“ genannten automatischen Subjekts alle menschlichen und sittlichen Regungen abstreifen und einer Praxis zuarbeiten, bei der der Wert des Menschen als Zweck seiner selbst bestenfalls für die eigene Person noch Geltung hat. Wo kühl kalkuliert wird mit Menschenmaterial, Biomasse, Kaufkraft, Markthemmnissen, Stammzellen, Organen, Blutkonserven, künstlichen Haaren. Angesichts versiegender Erdölquellen freuen sich Chemie- und Pharmaindustrie schon auf neue Rohstoffe. Sind die wirklichen Menschen zu widersetzlich, zu unberechenbar und unvernünftig, können künftig Cyborgs mit Gen-Stärke und Gen-Öl angetrieben ganz leidenschaftslos Drohnen lenken, Tötungen ausführen, Quantencomputer steuern und Atomraketen abschießen, ohne jemals als verantwortliche Personen belangt werden zu können.

So gesehen war die Enthaltung Deutschlands auch kein Versagen - im Verbund mit den Konzernen und ihren Lobbyisten hat die Regierung ganze Arbeit geleistet, um diesen Durchmarsch des Kapitals den Völkern Europas aufzunötigen.

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