Kategorie: Ökologie

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Menschen, Nahrungsmittel und Müll

Massenarbeitslosigkeit und Überproduktion gehen Hand in Hand. Wenn sich der Fall der Profitrate angesichts der hohen Konkurrenz in jeder Hinsicht mit keinem anderen Mittel mehr aufhalten lässt, dann bleibt die Zerstörung als letztes Mittel, um aus der Sackgasse herauszukommen.


Zeitweise hat man den Weizen früher fuhrenweise ins Meer geschüttet, Aprikosen und Orangen mit dem Bulldozer kompostiert. Der Aufschrei der Entrüstung ist angesichts der ungelösten Welternährungskrise nicht verhallt. So ist es in Mode gekommen, „überflüssige“ Lebensmittel kostenlos abzugeben. Aber nicht an die Enten, die Schwäne, schon gar nicht an Tauben oder Ratten soll das nicht mehr frische Brot, der ein wenig mehr nach Verpackung riechende Käse, sollen der leicht eingefallene Salat und die bald überreifen Bananen verfüttert werden. Viel besser steht man doch da, wenn man mit einem Mal auch an die Bedürftigen denkt und diesen die Mengen zukommen lässt, für deren Beseitigung man womöglich noch zahlen müsste.

Ehrenamtliche Arbeit bei den Tafeln

Die Supermarkt-Verkaufsstrategen hängen der Idee an, dass volle Regale die Verbraucher zum Kauf größerer Mengen anreizen Unabhängig davon wie viel tatsächlich benötigt wird! Vielleicht will man sich auch nur keinen Verkauf entgehen lassen, dessentwegen ein Kunde noch zur Konkurrenz gehen müsste. Daher wird regelmäßig auch verderbliche Ware in deutlich größerer Menge ins Regal, in die Kühltheke gestellt, als erfahrungsgemäß abgesetzt wird. Was über das Verfallsdatum kommt, muss aber schleunigst raus. Ärger wegen verschimmelten Brots oder Gammelfleisch schadet dem Ansehen. Wenn die Bildzeitung darüber schreibt, brechen die Umsätze ein. Beschäftigte forsten Tag für Tag die Bestände durch, stellen fest, was nachzubestellen und was im Preis zu ermäßigen und was zu entsorgen ist. Viel günstiger ist es natürlich, wenn ein Teil dieser Arbeit unentgeltlich von den Ehrenamtlichen der Tafel übernommen wird.

Aber warum und wie werden die Nahrungsmittel in solchen Mengen erzeugt, dass vieles weggeworfen, verschenkt oder zweckentfremdet wird. Der größte Teil der Landwirtschaft ist hierzulande industriell organisiert, das gilt auch zu beachtlichen Teilen für solche Betriebe, die nach EU-Norm als ökologisch zertifizierte Nahrungsmittel herstellen. Letztere finden sich vor allem in den sogenannten neuen Bundesländern, wo nach der Wende die ehemaligen LPG’s großenteils fast geschenkt an umtriebige Erwerber abgestoßen wurden. Die Produktionsmethoden unterscheiden sich hier nur in Nuancen von denen in konventioneller Landwirtschaft: riesige Flächen mit Monokulturen, die mit Maschinen und ganz wenigen Arbeitskräften intensiv bewirtschaftet werden. Über Landschaftsschutz, der einer der ganz großen Vorzüge ökologisch bewussten bäuerlichen Wirtschaftens ist, machte man sich hier vor und nach der „Wende“ vor 25 Jahren keine Gedanken.

Dank des politischen Patts unter den Agrarministern der EU hat sich in Jahrzehnten wenig daran geändert, dass gerade diesen Betrieben der Löwenanteil an staatlicher Unterstützung zufließt, denn die wird vor allem nach möglichst hohen Hektarerträgen bemessen.

Was aus ihren Erzeugnissen später wird, kann den Betreibern angesichts solcher Gewinngarantien fast gleichgültig sein. Doch selbst um eine Verwertung zum eignen Vorteil ist man selten verlegen, selbst das radioaktiv verseuchte Molkenpulver nach der Reaktorkatastrophe von Chernobyl wurde später noch jahrzehntelang Backwaren und anderen Erzeugnissen beigemischt (sodass jeweils die gesetzlichen Grenzwerte knapp unterschritten wurden). Und das Fleisch der notgeschlachteten Rinder wurde auf dem afrikanischen Markt unter die ahnungslosen Esser gebracht und so ebenfalls zu Geld gemacht! An den Folgekosten solch fortschrittlicher Entsorgung tut sich dann die Pharmaindustrie gütlich.

Esskultur?

Dem Vernehmen nach wird in vielen Haushalten landauf landab kaum noch Essen selber zubereitet. Stattdessen geht’s aus dem Eisschrank über die Mikrowelle direkt auf den Tisch, Salat mitsamt Dressing ist fast an jeder Ecke, im Notfall auch an der Tankstelle zu haben. Der Müllschlucker wird aber umso schneller voll, denn Kartons, Frischhaltefolien, Plastikbehälter usw. nehmen nicht weniger sondern mehr Raum in Anspruch als Kartoffelschalen, Tomatenstiele und Käserinden. Das Wort Esskultur im ursprünglichen Sinn kann man da oft nur noch mit ironischem Unterton in den Mund nehmen!

Noch scheint das uns wenig zu beeinträchtigen. Inzwischen gibt es sogar Müllheizwerke mit Abluftreinigung, so dass man beruhigt dem Weiter-So dieses unbekümmerten Lebensstils frönen kann. Für Gesundheitsbesorgte gibt es längst Fertigmenüs mit Öko-Siegel, und nach uns die Sintflut -„You only live once“.

Die Bedürftigen können sich ihresteils mit fast allem, was das Herz begehrt, gegen Vorweisen des Berechtigungsscheins bei den Tafeln eindecken. Deren Abnehmer hätten nicht wenig Grund aufzubegehren – dagegen nämlich, dass sie gegen die in Stellung gebracht werden, die sich notgedrungen in das Joch der Lohnarbeit beugen.

Unentgeltliche Abspeisung heißt hier: „Wir stopfen Euch das Maul...“. Andersherum: „Wes Brot ich ess’ des Lied ich sing.“ Aber wessen Brot ist das überhaupt? Dass krankhaftes Übergewicht hier ebenso voranschreitet wie vorzeitiges Ableben sei nur nebenbei bemerkt: In den Krankenhäusern werden zunehmend spezielle Gerätschaften und Arbeitsweisen erforderlich, um die Fettmassen bei Operationen jeglicher Art irgendwie handhaben zu können.

Kurz gesagt: Das in Deutschland heutzutage vermarktete Essen ist zu erheblichem Teil ökologisch, diätetisch und selbst kulinarisch Sondermüll! Nicht ohne Grund gilt „wie bei Großmutter“ als hohes Lob. Aber beim Einkauf wird meist dem Schlachtruf „Geiz ist geil“ der Vorrang eingeräumt. Dabei wäre nicht schwer einzusehen, dass gutes Essen ein Wert ist, der angemessen entgolten zu werden verdient.

Billiger kapitalistischer Fraß

Dass umgekehrt bei so lächerlichen Verkaufspreisen die Herstellung fast gar nichts gekostet haben kann, der Transport und der Vertrieb ebenso wenig, liegt auf der Hand. Doch haben sich wohl die meisten an solche wundersamen Wirkungen der kapitalistischen Marktwirtschaft zu glauben gewöhnt – ebenso daran, dass ihre eigene Arbeit nichts gilt, so schlecht wie sie entlohnt wird. Sag mir was Du isst und ich sag Dir was Du bist. Stimmen wir nicht unserer eigenen Nichtigkeit zu, wenn wir solch einen Fraß kaufen und uns eigenhändig in den Mund stecken? „Niemals dürft ihr so tief sinken, den Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken“ – dichtete einmal Erich Kästner.

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