Kategorie: Ökologie

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Über Veganismus

Lebensmittel heißen so, weil sie Mittel zum Leben sind im ersten Sinn des Wortes. Der Kapitalismus versaut uns die Lebensmittel, und zwar ohne Ausnahme. Wer das merken will, der kann es überall bemerken, also selbstverständlich auch beim Essen beziehungsweise Hungern.


Hungern muss dank Tafel und dank Billigstpreisen bei Aldi, Penny, Lidl und so weiter hierzulande eigentlich kaum einer. „Taste the Waste“ wurde unlängst gar in einem Filmtitel vorgeschlagen. Doch was sind das für Nahrungsmittel, die einem da in Massen sozusagen für umsonst aufgetischt werden?

 

Du bist was Du isst, sagt ein altes Wort. Was liegt da näher als Hippokrates zu folgen und die Nahrung als allererste Medizin sorgsam auszuwählen. In jüngerer Zeit ist zu beobachten, dass Nahrungstabus verstärkt auf dem Vormarsch sind. Nicht erst seit den lebensreformerischen Versuchen vom Wahrheitsberg Monte Veritá treiben Vegetarismus, Veganismus und Frutarianismus wundersame Blüten. Unter dem Einfluss verschiedener Heilslehren ist gar der Verzicht auf feste Nahrung in Mode gekommen, was Kafka in der Erzählung „Der Hungerkünstler“ sarkastisch aufs Korn genommen hat. Die Behauptung, allein von der so genannten „Lichtnahrung“ leben zu können, hat sich in allen stichhaltig untersuchten Fällen allerdings als Betrug herausgestellt.

 

In der Tat kann einem übel werden, wenn man angesichts der Bilder von Schweinetransporten oder Schlachtfabriken sich die Methoden moderner industrieller Lebensmittelerzeugung vergegenwärtigt. Ist es nicht ein Fluch, einer Gattung anzugehören, die augenscheinlich nicht anders kann, als solche Gräuel gegen andere Lebewesen zu verüben?

 

So dürfte denn auch der Kern der veganen Idee die Heiligung unserer Mitgeschöpfe – namentlich aller „fühlenden Wesen“ sein. Die Schonung der Tiere, wie von Tierrechtsbefürwortern streitlustig gefordert, besteht vornehmlich in der Enthaltung von allen Tierprodukten – neben Milch und Fleisch also nicht nur Leder, sondern Wolle, Horn, Seide, Honig und Bienenwachs, um nur die bekanntesten aufzuzählen. Für diese Leistung wird neben besserer körperlicher Gesundheit vor allem spirituelle Reinheit versprochen und erstrebt.

 

Je größer das damit verbundene Opfer, desto unduldsamer wird es allem Anschein nach vertreten. So dass es einem schwerfällt, an den behaupteten Glücksgewinn zu glauben, wenn man erlebt, wie wenig friedfertig alle diejenigen ausgegrenzt und bekämpft werden, die sich einer solchen Praxis nicht anschließen mögen. Interessant ist, was an der Stelle der solchermaßen gemiedenen Stoffe alles in Betracht kommt.

 

In den Bio-Abteilungen der Supermärkte reihen sich Fertiggerichte aus Soja und Lupinensamen - sauber in Plastik verschweißt - in den Kühlregalen. Nicht nur namensgebenden Möhren in dem neuen Vegan-Restaurant um die Ecke sind herkömmlich angebaut, was im Klartext heißt: Kunstdünger und Pflanzenschutzmittel jedweder Art werden nach Belieben eingesetzt – also womöglich auch Hornmehl, Knochenmehl. Baumwolle ist in den seltensten Fällen ökologisch und gentechnikfrei erzeugt, von den Arbeitsbedingungen ganz zu schweigen. Neben Hanf und Leinen winken denn doch vor allem die Kunstfasern, nicht zuletzt der erschwinglichen Preise wegen. Ein linker Genosse zeigte mir voller Stolz seine veganen Grundsätzen entsprechend leder- und leimfreien roten Kunststoffschuhe. Die Petrochemie lässt grüßen...

 

Nichtsdestotrotz erscheint es angesagt und ehrenwert, den Fleischverzehr einzuschränken. Nicht nur den Tieren zuliebe, sondern auch um der Welternährung willen. So wird eindrucksvoll vorgerechnet, dass für eine Versorgung mit pflanzlichen Nahrungsmitteln pro Kopf nur ein Bruchteil an Ackerfläche benötigt wird, als dies bei tierischen Nahrungsmitteln der Fall ist. Längst hat sich außerdem herumgesprochen, wie klimaschädlich die Ausdünstungen von Mastbetrieben sind.

 

Doch wie ergeht es unter der Bedingung des Kapitalismus den Tieren, deren Dasein nicht eindeutig die Wertschöpfung befördert? Wer schert sich um Bienen, Schafe oder Rinder, gewönne man nicht ihren Honig, ihre Wolle, ihre Milch, wer denkt an die Juchtenkäfer in den alten Parkbäumen, wenn ein Bauprojekt wie Stuttgart 21 den Investoren großartige Gewinne verheißt?

 

Schreitet nicht die Landnahme durch das System unaufhaltsam fort? Jeder Fleck wird angeeignet und der profitabelsten Verwertung zugeführt. Dem Mehrwert ist es gleich lieb, ob er mit Genmais, Palmöl oder Braunkohle erzielt wird, ob durch Photovoltaik, Windkraft oder Gold, Uran, Diaman-ten. Allein auf die Höhe kommt es an!

 

Deshalb werden Lebensmittel immer wieder auf möglichst intensive Weise erzeugt. Bei Absatzproblemen erschallt der Ruf nach dem Staat. Der mit Steuererleichterungen und mit anderen Hilfen den Erzeugern unter die Arme greift. So wird deutsches Schweinefleisch bedenkenlos zu Lasten der dortigen Landwirtschaft auf den französischen Markt geworfen. Die Überproduktion führt nach den Marktgesetzen zum Preisverfall und mittelbar – durch fortschreitende Armut - zum Rückgang der Nachfrage. So kam es vor, dass die Bauern den Weizen auf den Feldern verrotten ließen, weil die Erntekosten höher gewesen wären als der Preis für das Getreide. Oder dass man die Schafe auf den Weiden schlachtete und den Bussarden überließ, weil allein der Transport teurer gewesen wäre als der Erlös ihres Fleisches. Das alles konnte und kann das Kapital niemals davon abhalten, seinen innewohnenden Zwängen zu folgen und stets aufs Neue seine Selbstverwertung in die Höhe zu treiben – koste es was es wolle. Auch den Böden wird alles Verwertbare entrissen, der Mehrwert entscheidet, ob das Leben von Tieren oder Menschen dadurch befördert wird oder im Gegenteil verdrängt, abgeschoben, beseitigt.

 

Es ist leicht einzusehen, dass diese Eigengesetzlichkeit durch keine Form von Konsumverzicht beeinflusst werden kann, also auch nicht durch Askese im Verzehr von Fleisch, Milch oder Käse. Denn die entstehenden Probleme werden zwangsläufig auf die Allgemeinheit abgewälzt. Was besagt, dass die Kosten so oder so aus unser aller Steuern aufgebracht werden. Sei es in Form von direkten Zahlungen, sei es durch Einsparungen bei öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Bibliotheken oder Badeanstalten, sei es durch die Aufgabe von Natur- und Umweltschutz.

 

Das große Übel, die große Entfremdung, die uns den Ausweg aus dieser misslichen Lage verstellt, das ist das gesellschaftliche Verhältnis, welches auf der privaten Aneignung beruht. Dieses nennen wir den Kapitalismus. Das berechtigte Gefühl, Gefangener, Verurteilter, Geisel, ja Sklave eines lebensfeindlichen, grausamen Systems zu sein, kann in verzweifelte Abkehr von Leben und der Freude am Dasein führen und in eine tiefe Verneinung des Menschseins. Diese Neigung kommt wohl auch in den Süchten zum Ausdruck, die allemal eine Flucht sind ins Vergessen, in den Rausch.

 

Der Traum, mit überlegenen Technologien die Probleme der Welt zu lösen, bezeugt nicht weniger ein abgrundtiefes Misstrauen in die Menschheit. Dabei wird aber außer acht gelassen, dass auch die fortgeschrittensten Elektronenhirne nichts anderes sein können als eine maßlose Steigerung unserer menschlichen Fähigkeiten im Guten wie im Schlimmen. Denn wem der Mensch so verdächtig ist, dass er ihn am liebsten ablösen möchte durch Roboter, durch Avatare, durch Cyborgs, was kann der übrig haben für Tiere und Pflanzen? Münden derartige Überlegungen nicht sogar unweigerlich in endgültigen Lösungen, folgerichtigerweise in der Auslöschung alles Spontanen, Unvorhersehbaren, alles Lebendigen? Die Krisen und Kriege, die Umweltzerstörung, der Ausverkauf der Städte, die flächendeckende Bespitzelung, dies alles legt beredtes Zeugnis davon ab, dass die Bedrohung nicht von fern hergeholt ist, sondern dass sie die Gesellschaft bis in die letzte Faser durchdringt.

 

Auf wessen Kosten ist es überhaupt möglich, dass Vorstellungen wie diese erträumt, erdacht und verwirklicht werden? Marx würde antworten: All dies wird aus dem Mehrwert erzeugt. Ein Mehrwert, dessen ursprüngliche Erzeuger nicht mehr gefragt werden, ob sie mit einer solchen Verwendung einverstanden sind. Ob sie ihrer eigenen Herabsetzung und Vernichtung zustimmen.

 

Wer da so ungefragt übergangen wird, der hat nur die Wahl unterzugehen oder sich zu wehren. So bleibt also eine Wohltat, die wir Menschen unseren tierischen und pflanzlichen Mitgeschöpfen und dem Leben selbst erweisen könnten, nämlich die große Aufgabe – das Übel des Kapitalismus zu überwinden. Wie herb die Enttäuschungen, die Rückschläge, die Niederlagen auch sein mögen kann das nicht mit einzelgängerischen Erlösungswegen gelingen sondern nur im gemeinschaftlichen Kampf um die Aufhebung der privaten Aneignung des Mehrwerts. Deshalb heißt es wie im Lied: Wacht auf, Verdammte dieser Erde! - kämpft darum, dass sie wahrhaft die Eure werde.

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