Kategorie: Theorie

Klassenkampf oder Verschwörungstheorien?

Schwarze Helikopter, Area 51, die Illuminati, Freimaurer, Echsenmenschen und die New World Order – all das sind Versatzstücke dessen, was man Verschwörungstheorien nennt. Diese „Theorien“ sind keine wirklichen Theorien im wissenschaftlichen Sinne, sondern kommen von einem willkürlichen Verbinden von nicht zusammenhängenden Punkten.


In den Vereinigten Staaten sind Verschwörungstheorien sehr populär. Gemäss Umfragen glauben 80% der Bevölkerung, dass die Regierung Informationen über UFOs besitzt, 70% glauben, mehrere Schützen wären am JFK-Attentat beteiligt gewesen und 15% glauben nicht daran, dass Al Qaida für die 9/11-Anschläge verantwortlich sind. Im Internet spekulieren Leute als Hobby darüber, welche Stars Mitglied der Freimaurer oder Illuminaten angehören. Die Serie ‚The X-Files‘ lief über neun Staffeln. Bücher über Geheimgesellschaften und ihre Verbindung zur Weltregierung sind regelmässig Bestseller und auch Filme über Verschwörungstheorien ziehen ein Millionenpublikum in die Kinos.

Verschwörungstheorien gewannen in den 1960ern an Popularität, als langjährige ideologische Glaubenssätze durch die Jugendbewegung unter Beschuss kamen. Die Entwicklung stieg während des Vietnam-Krieges und nach dem Watergate-Skandal, als die Beliebtheit der US-Regierung neue Tiefpunkte erreichte. Heute, nach dem Schock von 9/11, fast 12 Jahren Krieg unter Bush und Obama und der anhaltenden Wirtschaftskrise sind das Misstrauen in die Regierung und der Glaube an Verschwörungstheorien auf einem Allzeit-Hoch. Aber stellen diese „Theorien“ die echten, gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse dar? Bieten sie Lösungsansätze und einen Weg vorwärts?

Vielen Menschen, die beginnen die bestehende Ordnung anzuzweifeln, bieten Verschwörungstheorien eine einfache Erklärung. Wie Frank Spotnitz, Autor von ‚The X-Files‘, erklärt, bieten Verschwörungstheorien einen „magischen Schlüssel, der alle Teile zusammenfügt.“ So haben beispielsweise viele Menschen den Eindruck, dass unsere Gesellschaft nicht läuft wie sie sollte. Trotzdem wurde ihnen ihr Leben lang gesagt, dass sie das tut. Von diesem Ausgangspunkt ist es leicht, den fehlerhaften Schluss zu ziehen, dass ‚böse Mächte‘ das normale Funktionieren der Gesellschaft beeinträchtigen, dass eine Verschwörung im Gange sei. Diese Verschwörungslogik ist einfach – zumindest oberflächlich – und wird durch den Hang der US-AmerikanerInnen zur Philosophie des Pragmatismus und Empirismus begünstigt.

Im Gegensatz dazu bietet der Marxismus eine systematische und wissenschaftliche Erklärung für die Probleme der Gesellschaft. Mit anderen Worten, die Herrschaft der besitzenden Mehrheit über die arbeitende Minderheit braucht keine ‚böswillige‘ Absicht oder Zigarren rauchende Männer in Hinterzimmern, sie ist eine Folge des kapitalistischen Systems selbst.

Verschwörungstheorien betrachten die Welt zwar oft durch die Linse einer unterdrückten Mehrheit gegenüber einer ausbeuterischen Minderheit. Diese Verhältnisse sind in der Regel nicht systematisch – also kein Ergebnis von Privateigentum und gesellschaftlichen Verhältnissen in einer Klassengesellschaft. Stattdessen werden sie als einzigartige Beziehungen von Verschwörern gesehen, die verhindern, dass die Gesellschaft richtig funktioniert. Fast alle Verschwörungstheorien basieren darauf ‚einzelne Punkte zu verbinden.‘ Das unterscheidet sie von jeglichem wissenschaftlichen Verständnis der Gesellschaft.

Der Marxismus behauptet dagegen nicht, die kapitalistische Ausbeutung ereigne sich im Verborgenen. Im Gegenteil, erklärt der Marxismus, wie die Ausbeutung total offen stattfindet, durch die Lohnarbeit und die Warenproduktion. Man braucht keine Verschwörung um die Klassenstruktur und die Ausbeutung im Kapitalismus zu erklären. Die ArbeiterInnen ohne Eigentum sind gezwungen, das einzige zu verkaufen, was sie besitzen – ihre Fähigkeit zu arbeiten. Der Kapitalist gewinnt aus dieser Arbeit Mehrwert um Profit zu machen.

Die persönliche Einstellung des Kapitalisten ist dabei nicht relevant. Ein einzelner Kapitalist kann, innerhalb gewisser Grenzen, eine anständige oder eine schlechte Person sein. In letzter Instanz zwingt die Natur des Wirtschaftssystems und seine Stellung in der Produktion den Kapitalisten in eine bestimmte Rolle: er beutet ArbeiterInnen aus. Kapitalisten, welche weniger Mehrwert extrahieren, werden letzten Endes durch rücksichtslosere Elemente aus dem Markt gedrängt.

Jenseits der einfachen Funktionsweise des Wirtschaftssystems verlässt sich die Kapitalistenklasse auf zwei weitere Kräfte, um ihre Herrschaft zu sichern: Zuerst auf den Staatsapparat, hauptsächlich die Polizei und das Militär, die Gerichte und die Gefängnisse. Neben dieser sehr materiellen Kraft existiert, was MarxistInnen als Ideologie bezeichnen. Diese ist mehr als lediglich „Manipulation durch die Medien“, welche zwar ein echtes – wenn auch übertriebenes – Phänomen ist. Ideologie geht über die Medien hinaus. Wie Marx in „Die Deutsche Ideologie“ erklärt:

Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, welche die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion, so daß ihr damit zugleich im Durchschnitt die Gedanken derer, denen die Mittel zur geistigen Produktion abgehen, unterworfen sind. (…) insofern sie also als Klasse herrschen und den ganzen Umfang einer Geschichtsepoche bestimmen, versteht es sich von selbst, daß sie dies in ihrer ganzen Ausdehnung tun, also unter Andern auch als Denkende, als Produzenten von Gedanken herrschen, die Produktion und Distribution der Gedanken ihrer Zeit regeln; daß also ihre Gedanken die herrschenden Gedanken der Epoche sind.


Mit Ideologie meinen Marxisten das gesamte Ideengerüst, welches die Gesellschaft widerspiegelt und sie legitimiert. Das beinhaltet Religion, den Glauben in den „Amerikanischen Traum“ etc. Obwohl die Herrschende Klasse die Ideologie zynisch nutzt um Unterstützung zu gewinnen, muss dies nicht notwendig eine Verschwörung sein. Die herrschende Klasse kann ihren eigenen Mythos selbst sehr wohl glauben. Die Ideen dieser historischen Epoche sind zwangsläufig ihre Ideen. Die kapitalistische Ideologie wird durch das Bildungssystem und in den Medien verbreitet. Sie wird verstärkt durch Erlebnisse am Arbeitsplatz und in religiösen Gebeten. Wenn nicht anderweitig in Frage gestellt, gelten die Ideen der Kapitalisten als allgemeine Norm.

Das bedeutet andererseits nicht, dass keine Verschwörungen zwischen Kapitalisten stattfinden können oder dass Teile der Ideologie nicht geschaffen werden um die Mehrheit der ArbeiterInnen zu betrügen. Ein ganzes Feld der Marktforschung und der Öffentlichkeitsarbeit widmet sich diesem Teil der Propaganda, sowohl in privaten Unternehmen als auch in der Politik. Aber dies ist nicht die Ursache für die Ausbeutung. Vielmehr können Verschwörungen dazu dienen, das ausbeuterische System zu stützen.

Im Grunde verwechseln Verschwörungstheorien Ursache und Wirkung, genauer gesagt, verwirren sie eine Beziehung oder eine wahrgenommene Beziehung mit der Ursache. Eine Gruppe ArbeiterInnen können beispielsweise Mitglied des selben Kegelverein sein. Vielleicht diskutieren sie ihre Arbeit, wenn sie kegeln. Aber ihre Mitgliedschaft in dem Verein ist nicht die Ursache dafür, dass sie am nächsten Tag zur Arbeit erscheinen. Ihre Stellung im Produktionsprozess – die soziale Bindung durch die Arbeit – sind der mehr oder weniger direkte Grund für ihre gemeinsame Mitgliedschaft im Kegelverein.

Auf die gleiche Art sind Kapitalisten oft Mitglieder von sehr exklusiven Vereinen wie andere Mitglieder ihrer Klasse. Aber diese Organisationen verursachen kapitalistische Ausbeutung genau so wenig wie der Kegelklub die ArbeiterInnen am nächsten Tag wieder zur Arbeit erscheinen lässt. Abkommen können auf Treffen von „Geheimgesellschaften“ unterzeichnet werden. Aber diese Gruppierungen sind ebenso ein Produkt der sozialen Beziehungen im Kapitalismus.

Diese falsche Auffassung der Gesellschaft widerspiegelt lediglich eine falsche Herangehensweise. Doch die Besessenheit vieler Verschwörungstheorien mit speziellen Gruppen der Kapitalisten – statt mit der Kapitalistenklasse als ganzes – zeigt die hässliche Seite von solcher Theorien. Verschwörungstheorien haben ihren Ursprung nicht im Post-Roswell Amerika. Die Idee einer Gruppe ‚böser‘ Menschen, die insgeheim die Gesellschaft regiert, ist viel älter. Der Ausdruck „Verschwörungstheorie“ steht beispielsweise seit 1909 im Oxford English Dictionary.

Schon im Mittelalter wurden insbesondere Opfer des Systems – Juden, Fahrende, Frauen – als VerschwörerInnen genannt. Die Vorstellung einer bösartigen Verschwörung durch Sündenböcke war eine nützliche Waffe der Herrschenden Klasse im Mittelalter. Der Kapitalismus hat diese vom Feudalismus übernommen.

Jüdische Gemeinden waren im 19. und 20. Jahrhundert ein beliebtes Ziel für Verschwörungstheoretiker. Die Unterteilung in so genannt ‚produktives‘ Industriekapital und ‚unproduktives‘ Finanzkapital wurde benutzt um ‚jüdische Bankiers‘ als Ursache der Probleme der Nation darzustellen. Diese rassistische Diskriminierung unterschlägt die Ausbeutung durch das „gute“, „nationale“ Industriekapital. Sie unterschlägt auch die Spaltung der jüdischen Bevölkerung in Klassen und die Tatsache, dass es auch nicht-jüdische Bankiers gibt. Verschwörungen von „jüdischen Banken“ waren in den Staaten beliebt bei Leuten wie Henry Ford, der in seiner eigenen Zeitung The Dearborn Independent eine Artikelserie über „den Internationalen Juden“ veröffentlichte.

Verschwörungstheorien erscheinen auf den ersten Blick systemkritisch. Tatsächlich sind sie ein historisches und ideologisches Produkt der Rechten. Genau wie die herrschende Klasse im Feudalismus den Zorn der Bevölkerung mit Antisemitismus auf eine unterdrückte Minderheit lenkte, lenken moderne Verschwörungstheorien die Unzufriedenheit mit dem System auf spezielle Schichten der Kapitalistenklasse (Banker, Wucherer), auf eine Minderheit (deren eigene Spaltung in Klassen ignoriert wird) oder auf abtrünnige Sektoren des Staates (Area 51, das FBI, die CIA, etc.) statt auf das System als ganzes.

Heute diskutieren auch viele Linke über Verschwörungstheorien. Diese stellen jedoch das System als Ganzes nicht in Frage. Stattdessen beschuldigen sie abtrünnige Elemente innerhalb des Kapitalismus. Die meisten Verschwörungstheorien implizieren, dass der Kapitalismus die einzige Art ist, die Gesellschaft zu organisieren. Wenn die Verschwörer enthüllt würden, wäre alles super.

MarxistInnen dagegen stehen für eine strenge und wissenschaftliche Analyse des Kapitalismus, um es in einem vereinten Kampf durch Sozialismus zu ersetzen. Dieser Kampf muss durch die organisierte ArbeiterInnenklasse geführt werden, die einzige Klasse, die in der Lage ist, diesen Kampf bis zum Ende auszufechten. Den echten, lebendigen Klassenkampf durch ausgefeilte Verschwörungstheorien zu ersetzen, trägt nicht zur Klärung der wahren Natur des Kapitalismus bei, noch gibt es der arbeitenden Klasse die ideologischen Waffen in die Hand, das System ein für alle Mal zu beenden.

Dieser Artikel wurde ursprünglich am 12. Oktober 2012 auf marxist.com veröffentlicht.

 

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