Kategorie: Feminismus

Die sexuelle Befreiung und die Oktoberrevolution

In Folge des Wiederauflebens reaktionärer Ideen durch Rechtspopulisten wie Donald Trump oder die AfD wird die Problematik von Sexismus und Homophobie zurück aus der Nische geholt, in die sie der „Rainbow Capitalism“ und oberflächliche Reformen über die letzten Jahre gedrängt haben.


Die ehemals kämpferische LGBTQ+ Community hat sich in den westlichen Ländern zu leicht befriedigen lassen von lange überfälligen Zugeständnissen wie gleichgeschlechtlicher Ehe und einer scheinbar liberalen Gesellschaft. Ein Bild, das durch Lesben und Schwule in Werbung, Mode- und Filmindustrie vermittelt wird. Denn im 21. Jahrhundert dürfen selbst sie am Kapitalismus teilhaben, solange sie ihre Rolle als Zuschauerattraktion behalten und nicht nach tatsächlicher Gleichberechtigung streben. Ähnlich sieht es für Frauen aus. Statt gleicher Löhne bekommen sie als leicht bekleidete Superheldin ihre Repräsentation auf der Leinwand. Um zu begreifen, warum diese Unterdrückung noch immer existiert, müssen wir erst verstehen, wie sie entstanden ist.

Der Ursprung der Frauenunterdrückung

In seinem Buch „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates“ erklärt Friedrich Engels, dass die Repression der Frau auf die Entwicklung des Privateigentums und somit des Erbrechtes zurückzuführen ist. Die Geschichte des Privateigentums beginnt, als die ersten Menschen ihre Produktionsmittel revolutionierten, indem sie anfingen Vieh zu züchten und zu halten, um die Nahrungsbeschaffung zu erleichtern. Im Zuge dieser Produktionsverhältnisse entwickelte sich auch die Nutzung von Kriegsgefangenen als Sklaven, die die Tiere betreuten.

Aufgrund der damaligen Arbeitsteilung fiel dem Mann die Nahrungsbeschaffung, und somit die zugehörigen Arbeitsmittel, also Vieh und Sklaven als sein Eigentum zu, die seinen Nachkommen erhalten bleiben sollten. Noch konnten seine Kinder diese nicht erben, da im Erbrecht die mütterliche Linie galt. Doch je mehr sich die Reichtümer mehrten, desto bedeutender wurde die Rolle des Vaters, die die Männer nutzten, um das Mutterrecht schlichtweg abzuschaffen, zugunsten ihrer eigenen Kinder. Durch das Vaterrecht war nun der Weg für den Mann frei, die Frau zu knechten. Die Frau wird zum Eigentum des Mannes, deren einzige Aufgabe es ist, seine Nachkommen zu gebären und die Hausarbeit als Privatdienst am Mann zu verrichten.

Kapitalismus und sexuelle Diskriminierung

Auch heute ist der Kapitalismus die Hauptursache für Sexismus und die Unterdrückung von LGBTQ+, oder kurz für alle, die nicht in das Bild der monogamen, heterosexuellen Beziehungen zweier cis-Menschen passen. Der Schlüssel liegt auch hier in den Produktionsverhältnissen: der Mann leistet „produktive“, also Lohnarbeit, indes die Frau „reproduktive“, also unbezahlte Hausarbeit leistet. „Produktive“ Arbeit, ist Arbeit, die neue Güter, neue Produkte und Waren erschafft, z.B. Autos. „Reproduktive“ Arbeit ist die Arbeit, die nötig ist, um die Menschheit am Leben zu erhalten, ihr zu ermöglichen, sich zu reproduzieren. Darunter fallen also Tätigkeiten wie Kochen, Waschen, Putzen, Kinder großziehen, Alte und Kranke pflegen, etc. Diese Arbeit ist für den Fortbestand der Gesellschaft mindestens so relevant wie die „produktive“ Arbeit, und doch wird sie nicht bezahlt. Während der Mann also einen Lohn erhält, erhält die Frau keinen, obwohl sie gleichwertige Arbeit leistet. Das treibt die Frau in die wirtschaftliche Abhängigkeit von ihrem Mann, denn nur indem dieser ihr einen Teil seines Lohnes abgibt, wird ihre Existenz gesichert.

Ja, viele Frauen arbeiten. Aber für weniger Lohn und meist in Teilzeit- und Minijobs. Auch wenn sie in Vollzeit arbeiten, ist ihr Lohn in aller Regel geringer als der ihrer männlichen Kollegen. Dadurch etabliert sich schnell die Schlussfolgerung für Familien mit jungen Kindern, den Mann als den arbeitenden Teil festzulegen, da dieser eben ein höheres Gehalt und mehr Chancen auf Beförderungen und Festanstellung hat. Es soll derjenige arbeiten, der einen höheren Lohn erhält und das sind immer noch meistens Männer. Dieses Abhängigkeitsverhältnis, der Privatdienst der Frau am Mann in Form von Hausarbeit, ist eine der Grundlagen des kapitalistischen Systems und im Kapitalismus eine wirtschaftliche Notwendigkeit. Deshalb enthält Repräsentation von lesbischen und schwulen Paaren in Mainstream Medien oft eine mütterliche, häusliche und eine männliche, berufstätige Hälfte, damit eben diese Rollen eingehalten werden können.

Ein weiterer Grund für Sexismus, der auf den Kapitalismus zurückzuführen ist, ist die systematische Spaltung, und somit Schwächung, der Arbeiterklasse. Um ein Beispiel zu nennen: Während der Industrialisierung und dem gleichzeitigen Nachkriegsaufschwung in den 1960er Jahren, stieg die Zahl der arbeitenden Frauen drastisch, was von Kapitalistinnen und Kapitalisten genutzt wurde, um die Löhne im Allgemeinen zu senken. Die männlichen Arbeiter sahen die Schuld daran in den Frauen.

Auch die Repression von Menschen der LGBTQ+-Community hat sich als nützlich erwiesen, um die Arbeiterklasse untereinander zu spalten und sie somit als Ganzes zu schwächen. Dies gelingt durch die, unter anderem von der Kirche gestützte, Hetze gegen Lesben und Schwule. Begründet auf dem „traditionellen“ Familienbild wurden die verdrehten Ideale der Bourgeoisie in die Köpfe der Arbeiterklasse gepflanzt. Die Arbeiter konnten sich jetzt sagen: „Ich bin zwar unterdrückt, aber den Schwulen (oder jeder beliebigen anderen Randgruppe) immer noch überlegen.“ Das bringt leicht von dem Gedanken ab, kollektiv gegen die gemeinsamen Missstände zu kämpfen.

Und damit nicht alles, der Kapitalismus hat tatsächliche Interesse, an der Aufrechterhaltung der stereotypischen Rollen von Frau und Mann, um daraus Profit zu schlagen. Durch gezielte Werbung für das entsprechende Geschlecht, können sie dasselbe Produkt zweimal verkaufen; einmal in Pink für Frauen und in Blau für Männer, wobei das Pinke natürlich doppelt so viel kostet.
Die einzige Gesetzgebung, die die Frau endgültig aus der Unterdrückung befreien kann, muss eine sein, die die alten Verhältnisse umwirft. In ihrer progressivsten Form existierte diese in der Sowjetunion nach der Oktoberrevolution 1917.

Die Oktoberrevolution und die sexuelle Befreiung

Nach der Oktoberrevolution schaffte die Sowjetregierung alle alten zaristischen Gesetze ab, die die Frauen verpflichtet hatten „in Liebe, Ehrerbietung und unbegrenzten Gehorsam“ bei ihrem Mann zu bleiben und ihm „jeden Gefallen als Hausfrau zu erweisen“. Sie mussten zuvor die unbegrenzte Macht des Familienoberhauptes über seine Kinder anerkennen, zu der zählte, sie bei Ungehorsam bis zu vier Monate ins Gefängnis sperren zu lassen, auch ohne gerichtliche Untersuchung. Homosexualität wurde juristisch verfolgt und konnte höchstens in diskreten Zirkeln der großen Bourgeoisie praktiziert werden.

Diese menschenunwürdigen Zustände sollten mit den neuen Gesetzen und den zu ihrer Umsetzung notwendigen Maßnahmen beendet werden. Die Grundprinzipien sind simpel: absolute Nichteinmischung des Staates in geschlechtliche Beziehungen, solange niemand zu Schaden kommt; volle ökonomische, soziale und politische Gleichheit beider Geschlechter; der Staat und die Gesellschaft als Vormund und Beschützer der Kinder.

Auch wird der Zwang zur monogamen Ehe aufgehoben, indem jedes Bündnis, dass den Charakter einer Ehe trägt, beiden Partnern dieselben Rechte zuspricht, die sie in einer eingetragenen Ehe hätten, unter der Bedingung, dass jede, in einer Beziehung beteiligte Partie, von jedem koexistierenden Verhältnis weiß. Oder einfacher: Polyamorie war legal, Untreue nicht. Ein eingetragenes Bündnis kann jedoch jederzeit von beiden Parteien gelöst werden, wobei es die Aufgabe des Staates ist, den schwächeren Teil zu schützen und auf die Bedürfnisse der aus der Beziehung entstandenen Kinder einzugehen, sowie das Vermögen zu gleichen Teilen zwischen beiden Partnern aufzuteilen. In der bestehenden Ehe allgemein gilt die Pflicht zur gegenseitigen materiellen Unterstützung. Die geschlechtliche Identität der beiden Partner war für die Anerkennung der Partnerschaft irrelevant. Weiterhin konnte das Geschlecht auf Anfrage auf allen Dokumenten geändert werden, ohne psychologische Konsultation oder ähnliches.

Für die noch rückständigeren Länder, in denen die Raubehe, die Kaufehe und das Erben einer Witwe Gang und Gebe war, gab es drastische Verbote mit hohen Haftstrafen. Es wird schnell klar, dass in den neuen Gesetzen die Mutter und das Kind deutlich im Vordergrund stehen!

Das Recht einer Mutter, den Vater ihres Kindes zu ermitteln, wird vom Gesetz mit allen Mitteln unterstützt. Die Mutter kann vor der Entbindung den vermuteten Vater angeben, der, wenn er nicht befristet dagegen protestiert, als offizielles Elternteil gilt. Kann die Mutter den Vater nicht bestimmen, da sie mehrere Geschlechtspartner hatte, so müssen alle Männer in Frage, ihre Pflichten ihr und dem Kind gegenüber, gemeinsam erfüllen. Der Mutter steht dazu Unterhalt zu, den der Vater zahlen muss. Wenn er sich weigert, helfen ihr staatliche Behörden.

Sobald das Kind geboren ist, ist die Mutter beurlaubt und ihr steht eine Sozialversicherung zu, die ihre Gesundheit und spezielle Versorgung versprechen, sowie Kinderkrippen, die in Betrieben eingerichtet werden. Doch keinesfalls ist die Frau gezwungen, das Kind zu gebären! Denn „solange der Staat nicht in der Lage ist, die Existenz jedes Kindes zu sichern, solange steht ihm kein Recht zu, der Frau diesen Zwang aufzuerlegen.“ Unter der Bedingung, dass die Abtreibung von Ärzten in einem Krankenhaus durchgeführt wird. Falls sie dies bewusst unter gefährdenden Umständen als persönliches Gewerbe tun, droht eine hohe Gefängnisstrafe. Zur Beratung von Müttern gibt es Räte, zusammengesetzt aus Arbeiterinnen und Bäuerinnen, die ihr ein geborgenes Umfeld geben sollen, in denen sie sich jemanden anvertrauen kann.

Der letzte, wichtige Beschluss, ist der Kampf gegen die Prostitution. Durch Beratungsstellen und weitgehende Organisation der Arbeitshilfe, Schaffung von Heimen für Obdachlose und Aufklärung, sollte Frauen aus der Ausbeutung geholfen werden. Gegen Zuhälter und Menschenhändler, sowie Sexualstraftäter wurden dagegen hohe Gefängnisstrafen verhängt. All diese Reformen fielen jedoch dem Aufstieg des Stalinismus zum Opfer, der die bürgerliche Familie wieder restaurierte.

Heute können Marxisten klar sagen, dass die Unterdrückung nur im Sozialismus ein Ende finden kann. Nicht nur durch solche Gesetze, sondern durch die Aufhebung der Geschlechterrollen und der patriarchal bestimmten Reproduktionsarbeit, durch die Verstaatlichung der Hausarbeit. Putzen, Waschen, Kochen, Erziehung und Pflege müssen gesellschaftlich organisiert werden. Nur in einer geplanten Wirtschaft, einer Wirtschaft in Hand der Arbeiter, der materiellen Gleichheit und der einhergehenden Aufhebung der Klassengesellschaft ist die komplette Entfaltung jedes Individuums möglich, unabhängig von Geschlecht und Sexualität. Das heißt nicht, dass wir im Kapitalismus nicht für LGBTQ+ Rechte kämpfen müssen, aber was bringen uns oberflächliche Reformen, wenn wir am Ende nur alle gleichwertig ausgebeutet werden, wenn wir gleichwertig um unsere Existenz kämpfen müssen, weil uns weder Arbeit, noch Wohnung oder ein funktionsfähiges Gesundheitssystem sichert sind? Und das von einer Regierung, die uns gleiche Rechte vorheuchelt, während sie Regime stützt, die gewaltsam gegen die LGBTQ+ Community vorgeht? Die einzige Chance auf Befreiung liegt im Sozialismus!

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