Kategorie: Geschichte

Schicksalstag 9. November

Wie kein anderes Datum ist der 9. November der markanteste und tragischste Tag der deutschen Geschichte. An diesem Tage wird bei zahlreichen Gedenkveranstaltungen an das grauenvollste und dunkelste Kapitel deutscher Geschichte erinnert.


Den Hitlerfaschismus, der vor genau 80 Jahren in den landesweiten Novemberpogromen 400 Juden ermorden, erschießen oder in den Tod treiben ließ und 1.400 Synagogen sowie 7.500 Geschäfte und Wohnhäuser jüdischer Bürger zerstören ließ. Es folgten die Massenvernichtung der europäischen Juden und anderer Gegner des NS-Regimes und das Inferno des 2. Weltkriegs.

Um den 9. November 1938 zu verstehen und in einen Zusammenhang zu stellen, müssen wir in der Geschichte weitere 20 Jahre zurückblättern. Der 9. November 1918 stand nämlich dieser Tag im Zeichen der Revolution, die Krieg und Monarchie beendete und war ein einmaliger Höhepunkt der deutschen Geschichte. Ab Mittag befand sich die Hauptstadt Berlin in den Händen der revolutionären Arbeiter und Soldaten. Der Kaiser hatte einen Tag zuvor nicht ganz freiwillig auf den Thron verzichtet und ging ins Exil. In jenen Novembertagen bot sich der Arbeiterbewegung die Möglichkeit, die Führung in Wirtschaft und Staat zu übernehmen und eine sozialistische Gesellschaft ohne Ausbeutung und Unterdrückung aufzubauen. Die Macht in den großen Städten und Industriezentren lag in den Händen von spontan entstandenen Arbeiter- und Soldatenräten. Viele hofften, dass Deutschland dem Weg Russlands folgen und die sozialistische Revolution in Angriff nehmen würde. Wie nie zuvor und nie danach entfaltete die arbeitende Klasse von 1918 bis 1923 eine riesige Energie und unterstrich in Arbeitskämpfen und Generalstreiks ihre Bereitschaft zur Veränderung der Machtverhältnisse.

Nach vier Jahren Weltkrieg waren die hungernden Massen der Arbeiter und Soldaten 1918 kriegsmüde und sehnten sich nach einer radikalen Veränderung. Auslöser und Zündfunke der Revolution war der Kieler Matrosenaufstand. „Ich will Dir noch mitteilen, dass, wenn nicht bald der Waffenstillstand kommt, hier die schönste Militärrevolte ausbricht und man gezwungen ist, den Weg nach der Heimat mit dem Gewehr zu ebnen...“, schrieb damals ein kriegsmüder junger Matrose an seinen Vater. Er und seine Kameraden der kaiserlichen Marine waren nicht mehr bereit, in einer Seeschlacht gegen Großbritannien ihr Leben zu opfern. Sie rebellierten gegen ihre Vorgesetzten. Am 3. November kam es zu Massendemonstrationen für die Freilassung der beim Aufstand Verhafteten. Ein kaisertreuer Trupp feuerte in die Menge, es gab Tote und Verletzte. Nun schossen die Matrosen zurück. Am 4. November hatte der frisch gegründete Kieler Soldatenrat bereits 40.000 bewaffnete Soldaten hinter sich, die sich mit örtlichen Arbeitern verbrüderten. Die zur Niederschlagung der Arbeiter angeforderten Soldaten ließen sich am Bahnhof entwaffnen. Die Vertrauensleute der Großbetriebe beschlossen den Generalstreik. Am 5. November ruhte die Arbeit; Matrosen besetzten die Stadt. Die Revolution breitete sich rasch auf andere Städte aus.

Reform „von oben“ aus Angst vor der Revolution

Die nahende Revolution bereitete den Herrschenden Kopfzerbrechen. Aus der Einsicht, dass sich etwas „von oben“ ändern müsse, bevor es zu einer Explosion von unten komme, hatte die „Oberste Heeresleitung“ wenige Wochen zuvor abgedankt. Der Krieg war verloren. Am 3. Oktober wurde eine neue Reichsregierung unter Prinz Max von Baden gebildet, der je zwei Vertreter von SPD, Zentrum und Fortschrittspartei angehörten. So versuchte die herrschende Klasse, durch Zugeständnisse ihre Herrschaft zu retten. Die SPD-Führer, die seit August 1914 den Krieg unterstützt und damit die Spaltung der Partei provoziert hatten, fühlten sich geschmeichelt. Selbst der Kaiser stellte über SPD-Chef Friedrich Ebert fest: „Auch mit Herrn Ebert würde ich gerne zusammenarbeiten... Ich habe gar nichts gegen die Sozialdemokratie, nur der Name, wissen Sie, der Name müsste geändert werden.“

Die Gewerkschaftsführer, die 1914 mit Unternehmern und Staat im „Burgfriedensabkommen“ eingewilligt hatten, in Kriegszeiten auf Streiks zu verzichten, hatten sich Anfang 1918 mit Unternehmerverbänden auf die Gründung einer zentralen Arbeitsgemeinschaft beider Seiten geeinigt.
„Tatsächlich war die Lage schon in den ersten Oktobertagen klar. Es kam darauf an - Wie kann man die Industrie retten? Wie kann man auch das Unternehmertum von der drohenden, über alle Wirtschaftszweige hinwegfegenden Sozialisierung, der Verstaatlichung und der nahenden Revolution bewahren? Einen überragenden Einfluss schien nur die organisierte Arbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluss - inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und Regierung, gibt es für die Industrie nur in der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen, das sind die Gewerkschaften“, sagte Ende Dezember 1918 Jakob Reichert, ein führender Stahlindustrieller.

Bürgerliche oder sozialistische Demokratie?

Mit dem Sieg in Berlin am 9. November erreichte die Revolution in Deutschland ihren ersten Höhepunkt. Deutschland drohte ebenso für den Kapitalismus verloren zu gehen wir ein Jahr zuvor Russland. Am 15. November 1918 vereinbarten Arbeitgeber und Gewerkschaften auf dem Papier u. a. den 8-Stunden-Tag, die staatliche Arbeitslosenversicherung, in Kollektivverträgen festgelegte Arbeitsbedingungen und paritätisch besetzte Schlichtungsausschüsse zur Regelung sozialer und arbeitsrechtlicher Fragen.

Viele Arbeiter hofften, dass nun endlich die neue sozialistische Gesellschaft angebrochen sei. Wenn auch anfänglich der bürgerliche Staatsapparat weitgehend gelähmt war, so war andererseits die Rätemacht nicht konsequent und mit allen Mittel abgesichert. Diese „Doppelherrschaft“ von zwei sich ausschließenden Herrschaftssystemen konnte nicht ewig so anhalten. Die Räte übten zwar zunächst die entscheidende Macht im Lande aus, doch was fehlte, war eine Koordinierung der Räte, um so die Grundlage für einen neuen flächendeckenden Arbeiterstaat zu schaffen. Viele Arbeiter unterschätzten in der ersten Begeisterung die Gefahren, die den Räten drohten. In den Soldatenräten gaben Bürgersöhnchen, Intellektuelle, Unteroffiziere und zum Teil Offiziere höchstpersönlich den Ton an. Zudem hatten die eben erst heimgekehrten Soldaten noch wenig Überblick über die Lage und waren daher für leere Phrasen von „Einheit „und „Ruhe und Ordnung“ anfällig. Friedrich Ebert war erklärtermaßen Gegner der Räteherrschaft und der Revolution. Aber er war zu klug, als dass er dies in jenen Stunden offen zugegeben hätte. Seine Taktik bestand darin, die Räte zu unterwandern und zu sabotieren. Ebert stand nun an der Spitze des alten, bürgerlichen Staatsapparates, aber er ließ sich seine Regierung von den Berliner Räten absegnen.

Rosa Luxemburg, die in der alten SPD die revolutionären marxistischen Ideen verteidigt hatte, brachte am 20. November 1918 das Grundproblem der Revolution auf den Punkt: „Die von der Geschichte auf die Tagesordnung gestellte Frage lautet: Bürgerliche Demokratie oder sozialistische Demokratie. Denn Diktatur des Proletariats ist Demokratie in sozialistischem Sinne. Diktatur des Proletariats, das sind nicht Bomben, Putsche, Krawalle, Anarchie, wie die Agenten des kapitalistischen Profits zielbewusst fälschen, sondern das ist der Gebrauch aller politischen Machtmittel zur Verwirklichung des Sozialismus. Ohne den bewussten Willen und die bewusste Tat der Mehrheit des Proletariats kein Sozialismus. Die Würfel müssen fallen.“

Dies begriffen auch die Gegner der Revolution. So bildeten die Spitzen von SPD und USPD eine provisorische Regierung, der sich „Rat der Volksbeauftragten“ nannte. Doch diese erste „rot-rote“ Regierung der deutschen Geschichte stützte sich auf den alten, kaiserlichen und bürgerlichen Staatsapparat, der völlig intakt blieb. Hinter dem Rücken der USPD-Vertreter vereinbarte die SPD-Führung die Bildung sogenannter Freikorps mit zuverlässigen Soldaten zur Niederschlagung der Revolution. Nun setzte systematischer rechter Terror ein, dem bis Mitte 1919 klassenbewusste Arbeiter und führende Köpfe der revolutionären Bewegung wie Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zum Opfer fielen. Alle Ansätze der Räteherrschaft wurden blutig zerschlagen. Schon damals spielte der Hass auf Juden ein zentraler ideologischer Eckpfeiler der Freikorps, nicht zuletzt auch weil viele jüdische Persönlichkeiten eine wichtige Rolle in der Arbeiterbewegung spielten.

So wurde die Geburtsstunde der „Weimarer Republik“ 1919 von einem einseitigen Bürgerkrieg gegen die revolutionäre Linke begleitet. Solange sie sich noch schwach fühlte und den heißen Atem der Revolution spürte, machte die herrschende Klasse demokratische und soziale Zugeständnisse, die letztlich nur ein Nebenprodukt der Revolution waren.

Ab 1923 wurden viele Zugeständnisse wie etwa der Acht-Stunden-Tag wieder zurückgenommen, sobald Unternehmer und Reaktion sich wieder stark genug fühlten. Als die revolutionäre Welle im Herbst 1923 endgültig abebbte, versuchte Hitlers faschistische NSDAP am 9. November 1923 die Macht an sich zu reißen. Mangels Massenbasis scheiterte sie jedoch kläglich. Der Kapitalismus konnte sich bis Ende der 1920er Jahre stabilisieren.

Erst nach dem Einbruch der Weltwirtschaftskrise ab 1929 konnte Hitlers NSDAP eine Massenbasis ausbauen und sich dem Kapital als williges Werkzeug und Gegenpol gegen Arbeiterparteien und Gewerkschaften präsentieren. 1933 setzte die herrschende Klasse dann auf eine Zerschlagung der Arbeiterbewegung durch Hitler und die Nazis. Der 9. November war ein Meilenstein auf dem Weg zum Krieg und Holocaust. Die Erfahrung jener Jahre zeigt: eine Revolution kann nicht auf halbem Wege stehen bleiben.

Der Weltkrieg zementierte die Spaltung Deutschlands und Europas. Im Westen wurde der Kapitalismus wieder aufgerichtet, im Osten wurden nicht-kapitalistische Planwirtschaften mit einer stalinistischen Bürokratie nach dem Vorbild der Sowjetunion geschaffen. Weil eine staatlich gelenkte Planwirtschaft ohne Arbeiterräte und demokratische Kontrolle von unten jedoch auf Dauer nicht funktionieren kann, gerieten diese Staaten in den 1980er Jahren zunehmend in eine tiefe Krise. Mit der Öffnung der Grenze zwischen BRD und DDR wurde der 9. November 1989 zum Meilenstein der Auflösung der DDR und kapitalistischen Restauration in Osteuropa und der Sowjetunion. Doch die versprochene und von vielen zunächst erhoffte nachhaltige Verbesserung der Lebensverhältnisse im Kapitalismus und die „blühenden Landschaften“ kamen auf Dauer nicht zustande. Der Kapitalismus steckt weltweit in seiner tiefsten Krise. 100 Jahre nach der Novemberrevolution geht es darum, die Lehren aus der Geschichte zu verstehen und uns politisch und organisatorisch auf die kommende Revolution vorzubereiten. Wer sich weigert, aus der Geschichte zu lernen, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.

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