Kategorie: Geschichte

100 Jahre Russische Revolution (Teil III): Lenins Aprilthesen

In Teil III unserer Artikelserie zur Russischen Revolution von 1917 wird beschrieben, wie Lenin nach seiner Ankunft aus dem Exil in Russland in der Partei der Bolschewiki für seinen Kurs auf die Eroberung der politischen Macht durch die organisierte Arbeiterklasse kämpfte und Unterstützung gewann.


Unmittelbares Ergebnis der Februarrevolution war eine Art Doppelherrschaft: Auf der einen Seite standen die Räte, die die breite Masse der Arbeiter, Bauern und Soldaten repräsentierten und in denen die gemäßigten Menschewiki und Sozialrevolutionäre eine Mehrheit stellten. Auf der anderen Seite stand die nach der Februarrevolution neugebildete Übergangsregierung. Die wirkliche Macht lag aber in den Händen der Räte (Sowjets). Doch deren Führung war nicht bereit, die Macht zu übernehmen (siehe Die Februarrevolution 1917).

Was waren die Räte? Lenin skizzierte in seinen bekannten „Aprilthesen“ das System einer Arbeiterdemokratie. Die Gesellschaft sollte durch das System der Sowjets verwaltet werden. Es sollte freie Wahlen und das Recht auf jederzeitige Abwählbarkeit aller Delegierten und Funktionäre in den Sowjets geben. Kein Funktionär sollte mehr als einen Facharbeiterlohn verdienen. Statt eines stehenden Heeres und einer privilegierten Bürokratie sollte es im Arbeiterstaat ein bewaffnetes Volk, d.h. eine Arbeitermiliz, geben, und alle Beamten sollten gewählt werden. Ebenso ein Rotationsprinzip in der Verwaltung, um eine verkrustete bürokratische Elite auszuschließen.

Die Übergangsregierung, die überwiegend bürgerliche Liberale (Kadettenpartei), Großgrundbesitzer und Aristokraten umfasste, musste sich auf das Exekutivkomitee der Sowjets stützen, um sich überhaupt an der Macht zu halten. Um diesen Widerspruch zu verstehen, ist es notwendig, den Charakter einiger Führer des Sowjets herauszustellen. Viele hatten Jahre damit verbracht, die Revolution vorzubereiten. Nun, da sich die Macht in Reichweite befand, schätzten sie die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse und die Stabilität und Fähigkeit des Kapitalismus zur Lösung der grundlegenden Fragen, die die Arbeiter, Bauern und Soldaten betrafen, vollkommen falsch ein.

Die Nahrungsmittelproblematik, die Kriegs- und die Landfrage konnten nicht auf der Basis des Kapitalismus gelöst werden, und die Übergangsregierung war in Wirklichkeit eine kapitalistische Regierung, die diesen Fragen keine große Bedeutung beimaß. Die Reformen, die durchgeführt wurden, waren ein Ergebnis des massiven Drucks der Bewegung der Arbeiter, Soldaten und Bauern. Wenn der Druck nachgelassen hätte, dann wären die Reformen ebenso schnell wieder zurückgenommen worden.

Untaugliche Etappentheorie

Die Menschewiki glaubten an die Zwei-Etappen-Theorie, wonach zuerst der Zarismus gestürzt und eine kapitalistische liberale Demokratie etabliert werden müsse. Erst wenn sich dann die kapitalistische Wirtschaft entwickelt habe, dann wachse auch die Arbeiterklasse, und wenn diese stark genug sei, dann könne sie in ihrem Namen auch die Macht übernehmen. Die Sozialrevolutionäre bezogen ihre Unterstützung aus der Bauernschaft und waren in zwei Flügel gespalten: Der rechte unterstützte die Übergangsregierung und der linke Flügel orientierte sich an der Politik der Bolschewiki.

Die Vorstellung einer Etappentheorie sollte sich in den folgenden Wochen und Monaten als utopisch erweisen. Die Übergangsregierung war nicht in der Lage, auch nur eines der dringenden Probleme zu lösen. Der Krieg dauerte unter Heranziehung neuer Vaterlandsparolen fort: Jetzt wurde nicht mehr der Zar, sondern die „Revolution“ bzw. die „Demokratie“ verteidigt. Die Soldaten im Schützengraben akzeptierten zunächst diese Entwicklung, obwohl sie den Frieden herbeisehnten. Die für die mittel- und landlosen Bauern dringende Landreform wurde erst gar nicht in Angriff genommen, schließlich bestand die Regierung aus Großgrundbesitzern und Fürsten, die kein Interesse an einer Landverteilung hatten. Außerdem verschlechterte sich die Versorgungslage und die Inflation stieg. Die Unternehmer verlangten im Namen des „Krieges für die Demokratie“ enorme Arbeitsleistungen, so dass die Arbeiter mit Streiks reagierten, die wiederum mit Massenentlassungen beantwortet wurden.

Diese gesellschaftlichen Umstände begünstigten den rasanten Aufstieg der Bolschewiki. Sie stellten in den Räten vorerst nur eine kleine Minderheit dar. Viele bolschewistische Führer waren noch im Exil oder im Ausland. Als erste führende Bolschewiki erreichten im März Kamenew und Stalin die Hauptstadt und übernahmen die Position einer kritischen Unterstützung der Übergangsregierung. Sie waren auch an Gesprächen zwischen Bolschewiki und Menschewiki beteiligt, in denen eine Versöhnung beider Parteien angestrebt wurde.

Die ersten Resolutionen im Sowjet wurden mit Zustimmung der Bolschewiki verabschiedet. So berichtete die bolschewistische Parteizeitung Prawda Nr. 9 vom 15. März: „Nicht die inhaltlose Formel: ‚Nieder mit dem Krieg!’ ist unsere Losung. Unsere Losung ist: Druck auf die Provisorische Regierung mit dem Ziele, sie zu zwingen, offen vor die Weltdemokratie zu treten, mit dem Versuch, alle kriegführenden Staaten zu veranlassen, unverzüglich in Verhandlungen zu treten und über die Mittel, den Krieg zu beenden, zu beraten. Bis dahin aber soll jeder auf seinem Kampfposten durchhalten!“

Lenin protestierte in seinen «Briefen aus der Ferne» aus dem Züricher Exil heftig gegen diesen Kurs. Er richtete seine Appelle gegen die Zusammenarbeit mit der bürgerlichen Übergangsregierung, gegen ein Abkommen mit den Menschewiki, das eine Verschmelzung beider Parteien vorsah, und für einen sofortigen Austritt Russlands aus dem imperialistischen Krieg. Aber erst nach seiner Rückkehr – mit dem legendären plombierten Waggon durch Deutschland – am 3. April konnte er direkt eingreifen.

Seine Rede auf der gesamtrussischen Parteikonferenz der Bolschewiki Anfang April bildet die Grundlage der berühmten „Aprilthesen“, die in der Parteizeitung „Prawda“ am 7. April veröffentlicht wurden. Er forderte darin u.a. den Kampf gegen die Politik der Vaterlandsverteidigung aufzunehmen, um die Mehrheit in den Sowjets zu kämpfen, die revolutionäre Friedenspolitik zu forcieren, und den sozialistischen Umsturz in Russland als Anstoß zur internationalen Revolution in Angriff zu nehmen.

Bolschewiki agitieren für „Brot, Frieden, Land!“

Diese Thesen waren noch nicht offiziell die Parteilinie, aber in den folgenden Wochen zeigte sich, dass Lenin sich aus der Ferne besser in die Hoffnungen und Sehnsüchte der Arbeiter und Soldaten hineinversetzen konnte als die meisten bolschewistischen Führer. In Parteiversammlungen sowie durch Artikel und Flugblätter konnte er bis Ende April eine Mehrheit der Mitglieder der bolschewistischen Partei gewinnen. Die Zahl der Parteimitglieder stieg zwischen April und Oktober 1917 von 10.000 auf 500.000 an. Industriearbeiter machten dabei einen Anteil von 60 Prozent aus. Das Wachstum der Partei war spektakulär. Anfang März waren nur 40 von 600 Delegierten des Petrograder Sowjets Bolschewiki. Im Oktober waren sie in der Mehrheit. Bis Ende März wurden in Russland 242 Räte gebildet, aber nur 27 befanden sich unter der Führung der Bolschewiki. Bis Oktober gewannen sie die Mehrheit des Moskauer Sowjets und im Allrussischen Rätekongress. Warum konnte sich ihr Einfluss in einem so raschen Tempo ausdehnen und ihnen einen so starken Mitgliederzulauf bescheren?

Der Eintritt von Zeretelli und Skobolew von den Menschewiki und Tschernow von den Sozialrevolutionären in die Regierung Anfang Mai half ihnen dabei. Beide Parteien verloren Mitglieder an die Bolschewiki, während die Übergangsregierung zunehmend isoliert wurde und sich zudem noch immer mehr Bauernrevolten zuwenden musste. Die Koalitionen zwischen bürgerlichen und reformistischen Arbeiterparteien erwiesen sich zusehends als unfähig, die brennenden Fragen zu lösen.

Die Agitation der Bolschewiki für „Brot, Frieden, Land!“ fand einen immer größeren Widerhall. Der wichtigste und der entscheidende Grund lag jedoch im Programm und in der Politik der Bolschewiki, die die Hoffnungen der Arbeiterklasse, der Soldaten und zunehmend auch der Bauern am besten ausdrückten. Dieses Programm existierte aber erst mit den Aprilthesen von Lenin.

Die Aprilthesen legten die Basis für die Oktoberrevolution, die ohne die starke Führungsrolle von Lenin nicht erfolgreich gewesen wäre. Lenin ging davon aus, dass die Kapitalisten aufgrund ihrer Schwäche und ihrer Verflechtung mit Großgrundbesitzern und Aristokraten unfähig waren, die eigentlichen Aufgaben der bürgerlichen Revolution (z.B. die Landreform) umzusetzen. Die Arbeiterklasse musste daher die führende Rolle in der Revolution übernehmen, konnte aber bei diesen bürgerlichen Aufgaben nicht stehen bleiben, sondern musste die Aufgaben der sozialistischen Revolution anpacken: Verstaatlichung der Industrie und Arbeiterkontrolle in den Betrieben, allmähliche Kollektivierung der Landwirtschaft u.a.

Lenin war also zu dem gleichen Schluss gelangt wie Trotzki 1906 (Theorie der „Permanenten Revolution“). Und der weitere Verlauf der Revolution sollte die Richtigkeit dieser Perspektive bestätigen.

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