Kategorie: Kapital und Arbeit

Fünf Jahre Streik bei Amazon – langer Atem nötig

Der US-amerikanische Konzern Amazon ist als weltgrößter Online-Händler in aller Munde. Als rücksichtsloser Kapitalist, der seine Beschäftigten ständig überwacht und antreibt, sie systematisch ausbeutet und partout keinen Tarifvertrag abschließen will. Als Krake, die in alle Wirtschafts- und Lebensbereiche eindringt und kleinere Kapitalisten an die Wand drückt. Als Konzern, der keine Steuern bezahlt und von Staaten gehätschelt wird.


2013 war Amazon auch in das Blickfeld der Öffentlichkeit gerückt, als die ARD-Reportage „Ausgeliefert“ die Arbeits- und Lebensbedingungen spanischer Leiharbeiter in der Niederlassung im osthessischen Bad Hersfeld dokumentierte. Wenig später rafften sich die ersten Gewerkschaftsmitglieder im Betrieb zum ersten befristeten Streik für die Durchsetzung des von ver.di für den Einzel- und Versandhandel abgeschlossenen Tarifvertrags auf. Einer von ihnen ist Christian Krähling, der auch heute noch bei jedem Streik in vorderster Front aktiv dabei ist.

Fünf Jahre Streik und immer noch kein Tarifvertrag. Also alles umsonst? Christian Krähling sieht das anders. So hat der jahrelange Streikdruck nach seiner Auffassung zusammen mit der öffentlichen Empörung nach kritischen Medienberichten immerhin zu einigen kleineren Verbesserungen geführt, auch wenn der große Durchbruch noch ausstehe. Der Anteil der Beschäftigten mit befristeten Arbeitsverträgen ist von drei Viertel auf etwa ein Drittel zurückgegangen. Auch wenn der Stundenlohn noch deutlich unter dem geforderten Tariflohn für den Einzel- und Versandhandel liegt, hat es in fünf Jahren immerhin eine Lohnsteigerung von 28 Prozent gegeben. Das Management habe früher ein Weihnachtsgeld stets kategorisch abgelehnt, weil man „kein Geld für Nichtstun“ zahlen wolle. Heute erhalten die meisten Beschäftigten immerhin 400 Euro Sonderzahlung zum Jahresende. Eine Klimaanlage sorgt vor allem in den Sommermonaten für bessere Luft in den Hallen und ein hoher Krankenstand hat zur Einrichtung eines betrieblichen Gesundheitsmanagements geführt. „Es ist noch nicht gut, aber einiges an unseren Arbeitsbedingungen ist besser geworden“, so Christian Krähling, der jetzt für die LINKE bei der hessischen Landtagswahl kandidiert.

Ohne Druck kein Fortschritt

Er weiß, dass die kleinen Fortschritte nicht vom Himmel gefallen sind, sondern Ergebnis zäher Organisierung sind. In fünf Jahren hat sich die Zahl der ver.di-Mitglieder im Betrieb von 70 auf über 1000 erhöht. „Das strahlt auch auf andere Amazon-Betriebe bundesweit und in ganz Europa aus“, so Christian Krähling, der auch schon an europaweiten gewerkschaftlichen Vernetzungstreffen für Amazon-Beschäftigte teilgenommen hat und sich im Frühjahr bei einem Streik in der Madrider Amazon-Niederlassung vor Ort mit den Kolleginnen und Kollegen solidarisierte.

„Jeder in Bad Hersfeld kennt jemanden, der bei Amazon arbeitet oder gearbeitet hat, so die örtliche ehrenamtliche DGB-Kreisvorsitzende Andreja Schmidtkunz, die selbst bei Amazon arbeitet. Die Durchhaltekraft bei den Streiks finde in der Bevölkerung Anerkennung. Allerdings scheue die Lokalpresse die Konfrontation mit Amazon, so Andreja Schmidtkunz.

Das Geschäftsmodell stützt sich nicht nur auf systematische Ausbeutung der Arbeitskräfte, sondern auch auf Steuervermeidungstricks und Steueroasen. Amazon drückt mit seinem Lebensmittel-Lieferdienst die Erzeugerpreise, verdrängt Kleinbauern und vernichtet als Verleger und antiquarischer Buchhändler auch kleine Buchläden. Amazon steht für eine beispiellose Datensammlung über seine Kundschaft und technologische Kontrolle aller Lebensbereiche. Der Konzern tritt zunehmend als Apotheke und Krankenversicherer in Erscheinung und fördert damit vom Gesundheitszustand abhängige dynamische Tarife, die den traditionellen Solidargedanken der gesetzlichen Krankenversicherung völlig unterlaufen.

Fazit: Es führt kein Weg daran vorbei: Amazon gehört verstaatlicht und unter die demokratische Kontrolle der Beschäftigten und Allgemeinheit gestellt!



„Springerpresse – halt die Fresse!“

Ende April wurde der Protest gegen Amazon mitten in Berlin laut. Dort ehrte ausgerechnet der Axel-Springer-Verlag Amazon-Chef Jeff Bezos persönlich für sein „visionäres Geschäftsmodell“ und sein „Talent für Innovationen“ mit der Verleihung des „Axel Springer Award“. Der Internationale Gewerkschaftsbund (IGB) hatte Bezos, der neben Bill Gates als reichster Mann der Welt gilt, im Jahr 2014 zum „schlimmsten Chef des Planeten“ gekürt. Gewerkschafter und andere Amazon-Kritiker betrachten diese Preisverleihung als Kampfansage und Provokation. Aus Bad Hersfeld waren viele streikende Beschäftigte in Bussen angereist. „Kein Award für Ausbeutung – wir stellen uns quer“, so das Motto des Aktionsbündnisses, das auf makeamazonpay.org zum Protest aufrief.

„Enteignet Springer!“ und „Springerpresse, halt die Fresse“ waren vor 50 Jahren Parolen der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Die Preisverleihung an Bezos zeigt, dass diese Parole aktuell geblieben ist.

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