Kategorie: Kultur

„Da stimmt doch etwas nicht in diesem Land“ Wanderausstellung „Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft“

Andreas W. (29) hat einen soliden Beruf erlernt und kommt damit auf keinen grünen Zweig. Der Fahrzeuglackierer wurde vor Jahren wegen Auftragsmangels entlassen. Mit seiner „Zeitarbeitskarriere“ bleibt er an der prekären Arbeit hängen. Dieser „Klebeeffekt“ hat System: „Ich habe erlebt, dass mein Arbeitgeber Eingliederungszuschüsse vom Arbeitsamt bekommen hat. Am Tage nach Ablauf des Zuschusses war ich entlassen und ein neuer Kollege wurde eingestellt.“


 

So begann für Andreas W. der soziale Abstieg. Früher kam er im Beruf auf gut 14 Euro Stundenlohn, jetzt sind für die selbe qualifizierte Arbeit nur noch 8,80 Euro drin. Seine Ehefrau arbeitet als Regalauffüllerin im Einzelhandel. Weil das Geld nicht zum Überleben reicht, bezieht die Familie ergänzende Sozialleistungen. „Da stimmt doch etwas nicht in diesem Land“, bringt es Andreas W. auf den Punkt.

 

Andreas W. ist einer von knapp acht Millionen Niedriglöhnern, die sich Tag für Tag in Formen prekärer Arbeit durch das Leben schlagen und damit zu selten „outen“. Die Friseurin Jessica W. Etwa bezieht für einen Vollzeitjob 1132 Euro brutto. Es wird von ihr erwartet, dass sie immer in einem modischen Outfit erscheint, auch das kostet nicht wenig. Niedriglöhner wie Andreas und Jessica sind mitten unter uns. Mit ihren Familienangehörigen ist es jeder Fünfte, dem Du auf der Straße begegnest. Wir treffen sie im Backshop, im Kiosk, in Toiletten an der Autobahn, bei der Gebäudereinigung, in Putzkolonnen und an der Pforte großer Betriebe und Behörden. Sie bringen uns bis in die Abendstunden Päckchen großer Versandhändler bis vor die Wohnungstür und sind ständig im Stress. Ihnen hat das ehrenamtliche Fototeam von ver.di Hessen jetzt eine Fotoausstellung gewidmet, die unter dem Titel „Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft“ in Bild und Wort aussagekräftige Einblicke vermittelt.

 

Die Ausstellung lässt Betroffene stellvertretend für viele andere mit ihren Erfahrungen und Hoffnungen zu Wort kommen. Jede Ausstellungstafel hat zwei Teile. Auf der linken Seite schildern die Betroffenen ihren Weg in die Niedriglohnfalle. Die Gesichter und Profile sind durch einen Schattenriss anonymisiert. Dahinter gelegte weitere Schatten weisen darauf hin, dass ihr Schicksal für viele andere steht. Auf der rechten Seite der Tafel werden typische Beispiele prekärer Arbeit dargestellt, die wir alle aus dem Alltag kennen.

Weil prekäre Arbeitsbedingungen fast jeden treffen können, spiegeln sich in der Ausstellung die Erfahrungen von Jüngeren und Älteren, Männern und Frauen, Unqualifizierten, Facharbeitern und Hochschulabsolventen wider. Es sind erschütternde Erfahrungsberichte von Menschen, die aus der Niedriglohnfalle nicht heraus kommen, nur mit Überstunden überleben können, trotz Vollzeitjobs mit Hartz-IV „aufstocken“ müssen, als Zeitarbeiter hin und her geschoben werden, in der Unsicherheit dauernder Befristungen leben und noch vor der Rente ihr Erspartes dahin schmelzen sehen und dann unweigerlich in den Zwängen und Fängen von Hartz IV landen.

 

Wer die dargestellten Schicksale näher einordnet, stößt rasch auch auf eine gezielte Kumpanei zwischen Unternehmen und politischen Entscheidungsträgern. So begegnen wir dem Pädagogen und Industriekaufmann Elmar B. (41), zu dessen prekärer „Karriere“ auch eine befristete prekäre Tätigkeit als Dozent bei einem privaten, von der Bundesagentur für Arbeit finanzierten Bildungsträger gehörte.

Ein Opfer politischer Entscheidungen zur Privatisierung und Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungen seit den 1990er Jahren ist die gelernte Kosmetikerin Zanak P. (40), die zeitweilig als Briefzustellerin bei der Deutschen Post deutlich besser verdiente als im erlernten Beruf. „Aber der Vertrag war befristet.“ Eine Folgeder Postprivatisierung, schließlich waren bei der alten Bundespost noch viele Zusteller als Beamte des einfachen Dienstes unkündbar und ohne Existenzsorgen. Zanak P. verdingte sich kurz bei einer Tankstelle und wurde nach der Probezeit entlassen. Der private Briefzusteller, bei dem sie zeitweilig arbeitete, geriet in die Insolvenz. Es folgte die Ausbildung zur Luftsicherheitskontrollkraft. Seit 2008 arbeitet sie am Flughafen. „Der Stundenlohn ist nicht üppig“, sagt Zanak P., die oft 200 Stunden im Monat ableistet, weil ständig Personalknappheit herrscht. „Wegen des niedrigen Lohns suchen sich viele möglichst schnell eine besser bezahlte Stelle.“ Auch das ist eine Folge des von der EU ausgehenden und von großen Fluglinien forcierten Liberalisierungsdrucks und Lohndumpings bei den Bodenverkehrsdiensten an europäischen Flughäfen. Und wie steht es um Zanaks Privatleben? „Da komme ich kaum zu“.

 

Mit ihren 67 Jahren hat die Maschinenbauingenieurin Ute die Hoffnung auf eine „neue sinnvolle und bezahlte Beschäftigung“ nicht aufgegeben. Weil sie mit 850 Euro Rente ihren Lebensabend nicht genießen kann, schlägt sie sich mit Scheinwerkverträgen herum. Auch die bundesdeutsches Call Center sind weitgehend tariflose Zonen. Hier arbeiten rund um die Uhr qualifizierte Fachkräfte zu einem Niedriglohn.

 

Mit allen Mitteln versuchen Arbeitgeber schon bisher, den kargen Mindestlohn zu unterlaufen. So wurde im Hotelgewerbe schon längst Akkordarbeit durch die Hintertür eingeführt, etwa dadurch, dass der Stundenlohn nur bei Reinigung einer bestimmten Anzahl von Zimmern bezahlt wird. (Schein-)Selbstständige fahren im Auftrag eines namhaften Paketdienstes Pakete aus. Früher erhielten sie 1,40 Euro pro Paket, jetzt nur noch 90 Cent. Bei Urlaub und Krankheit müssen sie die Vertretung selbst organisieren.

 

Die um sich greifende Armut bringt einen Boom alter und neuer Institutionen mit sich. So unterhält allein das Deutsche Roten Kreuz 800 Kleiderkammern allein. Bundesweit bestehen viele tausend Second-Hand-Shops und 900 „Tafeln“. Sammler, die in Müllbehältern nach Pfandflaschen- und Dosen suchen, gehören mittlerweile zum Alltagsbild in bundesdeutschen Städten und an Bahnhöfen. Weil in Städten bezahlbarer Wohnraum knapp wird, lassen sich manche in einem Wohnwagen am Stadtrand nieder.

 

Seit der Liberalisierung der Zeitarbeit im Zuge der Hartz-Gesetze ist eine neue Branche entstanden. Insgesamt 18.500 Zeitarbeitsfirmen vermitteln weit über 900.000 Zeitarbeiter und haben so ein starkes wirtschaftliches Eigeninteresse daran, dass sich hier möglichst nicht verändert.

Die Ausstellung „Prekäres Leben, prekäre Arbeit, prekäre Zukunft“ regt auf und an. Sie widerlegt Propagandalegenden bildet eine solide Basis für gewerkschaftliche und politische Forderungen, ist schon über Monate ausgebucht und wandert in doppelter Ausfertigung durch die gesamte Republik. Prekäre Arbeit wirft uns alle über kurz oder lang in das Zeitalter des Frühkapitalismus im 19. Jahrhundert zurück. Sie lässt sich nicht ein bisschen „regulieren“ und „humanisieren“, sondern gehört abgeschafft. Dementsprechend müssen alle politischen Beschlüsse der letzten Jahrzehnte zur Liberalisierung und Verstärkung der Prekarisierung zurückgenommen werden.

 

Termine: http://hessen.verdi.de/fototeam/2013-06-13-ausstellung-prekaer

 

 

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