Kategorie: Kultur

Bushido am Brandenburger Tor: Entsolidarisierung der Zivilgesellschaft durch Bravo?

Die arbeitenden Menschen, die gleichzeitig ProduzentInnen und Produkte der Gesellschaft sind, durchschauen zunehmend, dass die herrschenden Produktionsverhältnisse und die Medien das fingierte Bild von Kapitalisten als den Produzenten abspielen: Marx demaskierte diese in der bürgerlichen Gesellschaft geschaffene öffentliche Meinung als das falsche Bewusstsein. Sendungen wie Deutschland sucht den Superstar täuschen eine allgemeine Zugänglichkeit aller zur bürgerlichen Öffentlichkeit, zu Eigentum, Bildung und Erfolg vor, um die in den letzten Jahren sich verschärfenden Hindernisse zu Hochschulbildung für Kinder aus Arbeiterhaushalten zu verschleiern (in Deutschland hat nicht einmal ein Drittel eines Jahrgangs Abitur, während in Frankreich 70% Abiturienten sind) und den Eindruck von sozialer Mobilität zu simulieren.




Die bürgerlichen Medien haben die Aufgabe die von der bürgerlichen Gesellschaft ausgegrenzten Schichten zu integrieren und ihnen Identität mit der Nation, Identität mit der Gesellschaft der Eigentümer vorzutäuschen.
Das zunehmende Durchschauen des falschen Bewusstseins wird bekämpft durch die Medienkonzerne - die unentbehrlichen Verbündeten der Machteliten. Die Medien hämmern das falsche Bewusstsein, dass die ArbeiterInnen ohnmächtige Glieder in der Produktionskette seien und keine Alternative existiere, manipulativ in die Köpfe. Katalysator der anonymen Manipulation der Massen ist die Bewusstseinsindustrie unter der zunehmenden Medienkonzentration, kurz: Bertelsmann und Springer – zu letzterem gehört bekanntlich Bravo, das in Berlin den gewaltverherrlichenden Rapper Bushido zu einem Open-Air-Konzert lud, auch noch zum Thema „Wir rocken gegen Gewalt“.

Abhängigkeit der Medien von den Unternehmern

Die Abhängigkeit der Medien von der Größe des Werbeauftrags, die sich an der Auflagenanzahl oder publikumswirksamer Sendequalität misst, zwingt zur Verringerung kritischer Information, zur Selbstzensur der Journalisten. Ihre Produkte stabilisieren beliebig variierbares unpolitisches Denken und müssen sich rückläufig dem so verursachten Meinungsdruck anpassen. Resultat in Presse und Radio sowie in Fernseh-Medien: ein Teufelskreis der zivilgesellschaftlichen Entpolitisierung.
Springer treibt exemplarisch durch den raffinierten Abbau politischen Bewusstseins den gesellschaftlichen prokapitalistischen Formierungsprozess voran. Im Bündnis mit den Machteliten (den einflussreichen Großindustriellen, hohen Beamten und herrschenden Politikern) sind die meisten Medien zum Kontrollorgan einseitig gesteuerter politischer Willensbildung geworden.

Medial verflachte Zivilgesellschaft

Der subjektive Faktor – so nannte Lenin die gesellschaftskritischen Aktionen organisierter ArbeiterInnen - wird in seiner Entwicklung durch die herrschende Medienkonzentration negativ beeinflusst. Die einflussreiche Bild-Zeitung ist z.B. das Menetekel einer entmündigten Zivilgesellschaft, die die Politik den Politikern anheim lässt. Die zentralen politischen Prozesse, Klassenkonflikte und Klassenkampf, werden nur einseitig von Unternehmerseite dargestellt, was einer Entpolitisierung gleichkommt.

Mediale Entpolitisierung steigert die Spaltung

Die gesellschaftliche Entmündigung durch reduzierte politische Einflussnahme in der massenmedialen Industriegesellschaft ruft eine psychische Verelendung hervor, deren Ausdruck u.a. Bushidos Hassgesänge sind. Trotz Gegendemonstration drückte die Bravo-Leitung die Beteiligung des homophoben Sängers durch. Ergebnis ist Spaltung: dass eine Minderheit gegen die andere ausgespielt wird – so wird sozialer Potest auf vermeintlich reiche Minderheiten kanalisiert und effektiv von den wirklichen Verursachern der Ausbeutung, den Kapitalisten, abgelenkt. Diese massenmedial gesteuerte Ressentiment-Bildung steigert das Reservoir für aufgestaute Aggressionstriebe, welche zurückwirken auf politische Auseinandersetzungen und emanzipatorische oder kritische Stimmen ausgrenzen helfen: ein perfekter Schutzgürtel für die Ordnung der Machteliten. Bereits beim Verdacht sozialer oder politischer Andersartigkeit werden diese Aggressionen auf unliebsame Minderheiten projiziert.

Die Medien gehen in die Offensive: teile und herrsche

Diese Manipulation von gesellschaftlichen Minderheiten wird von den Medienkonzernen geschickt gesteuert, um über die Entpolitisierung und den Abbau linker Denkansätze hinaus noch die völlige Entsolidarisierung zu erreichen: das rassistische Hetzen von einer Minderheit auf die andere, von Immigranten auf vermeintlich reiche und gut situierte Schwule und wiederum von Schwulen auf vermeintlich per se homophobe Immigranten. In den USA ist bekanntlich seit 100 Jahren der Rassismus das beste Mittel der Machteliten zur Verhinderung einer Revolution und die Feindseligkeiten der schwarzen gegen die jüdische Gemeinschaft sind nicht nur den Medien wohl bekannt: soziale Schichtung nach ethnischen und Glaubensgemeinschaften ist in den föderalen USA ein starkes Hindernis gegen Massensolidarität und effektiven Klassenkampf, was z.B. in einem zentralistischen Einheitsstaat wie Frankreich, wo die Nation aus der Summe (immerhin rechtlich-formal) gleicher Staatsbürger besteht, ein geringeres Hindernis darstellt - wie die massiven Massenbewegungen zuletzt von April 2006 in allen Großstädten wieder einmal zeigten.

Die Strategie massenhafter Aufklärung unter allen ausgebeuteten Klassen, unterdrückten Schichten und Minderheiten wird auch in Deutschland zum ersten Gebot, um Spaltungen vorzubeugen und um die notwendige gesellschaftliche Akzeptanz für linke Alternativen zu schaffen: aus dem vom Kapitalismus entfremdeten Bewusstsein muss das Bewusstsein der Entfremdung, das befreite Bewusstsein hervorsteigen, damit die „schneidenden Widersprüche, Krisen und Kämpfe“ (Marx) des Kapitals in seiner Endphase überwunden werden können. Dann ist die Identität von Eigentümer und Mensch überwunden und aufgelöst in der Identität von Staatsbürger und Mensch. Marx nannte dies das Verschwinden der politischen Autorität im Sozialismus: denn die Öffentlichkeit ist dann keine Vermittlungsinstanz mehr zwischen Privateigentümern und Staat, sondern eine freie Kommunikationssphäre zwischen gleichberechtigten Produzenten.

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