Kategorie: Kultur

Weihnachtsbrief an unsere Leserinnen und Leser - Wo, bitte, geht’s lang? Folge dem Roten Stern!

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Kritikerinnen und Kritiker, liebe Genossinnen und Genossen, es begab sich zu der Zeit, als Israel von einer machthungrigen Theokratie regiert wurde und als im fernen Rom gerade ein Mann zum faktischen ersten Kaiser erklärt worden war, der von sich verkünden ließ, ein wahrhaftiger Friedensfürst zu sein. Da trat ein Mann aus dem Dunkel der Geschichte und mit ihm eine kleine, aber wirkungs- und segensvolle Bewegung einfacher Menschen, die genug hatten von Verlogenheit, Machthunger, dem Missbrauch des Wortes Gottes für herrschaftliche Zwecke und von der Verachtung des gemeinen Volkes durch die Obrigkeiten hier und dort.




Zynismus in Rom

Der römische Bürger Octavian war 31/30 vor Beginn unserer Zeit (v.u.Z.) als Sieger aus einer Periode knapp 60 Jahre andauernden Krieges rivalisierender Cliquen der besseren Gesellschaft um die Vorherrschaft im Imperium Romanum hervorgegangen. Ägypten hatte er erobert (31 v.u.Z.), dessen Königin Cleopatra VII. und ihren Geliebten, Marcus Antonius, einen Rivalen Octavians im Kampf um die Macht in Rom, in den Suizid getrieben (30 v.u.Z.). So froh waren die Bürgerinnen und Bürger des Reichsgebietes darüber, dass mit der vollständigen Niederlage seiner Gegner endlich wieder Law & Order einkehrte, dass man Octavian aus freien Stücken die Stellung des „Princeps“ – eines, in der Begrifflichkeit des 19. Jahrhunderts unserer Zeit gesprochen, „Bürgerkönigs“ - antrug und damit knapp 500 stolze Jahre Republik stillschweigend begrub. Eine Aura der Heiligkeit wurde um diese Person herum geschaffen, die seit 27 v.u.Z. in der Anrede als „Princeps Augustus“ gipfelte: „Der Erhabene Erste“. Mord und Krieg hatten diesem Friedensfürsten den Weg nach ganz oben geebnet. Gegner ließ er auch später noch verfolgen. Den Staat betrachtete er als seinen Privatbesitz. Dabei sah er sich selbst als edlen Gönner der Römer, der großherzig das Gemeinwesen finanzierte. „Res Gaestae Divi Augusti“ – „Taten des Göttlichen Erhabenen“, so waren die Gedenktafeln überschrieben, die der Bürgerkriegsgewinnler Octavian nach seinem Ableben (14 n.u.Z) „auf dem ganzen Erdkreis“ aufstellen ließ und deren prahlerischer Inhalt wohl von ihm selbst noch zu Lebzeiten verfasst worden war.

Da sich das Bedürfnis nach Ruhe und Sicherheit als Quelle außerordentlicher Machtbefugnisse nicht selten schnell verflüchtigt, muss auch der größte selbsternannte Friedensfürst einmal dazu übergehen, sein bonapartistisches Prestige durch Gewalt-Handlungen abzurunden: 12 vor Beginn unserer Zeitrechnung begannen die Eroberungszüge des Imperiums gegen die germanischen Völkerschaften, die 9 nach Beginn unserer Zeitrechnung mit der Niederlage der nordrheinischen Legionen bei Osnabrück ihr vorläufiges Ende fanden. Der König der Israeliten, Herodes, ließ sich 6 nach Beginn unserer Zeitrechnung ins Imperium integrieren. Das stolze Judaea war nun eine römische Provinz geworden. Wie sauber, friedlich, nett, freundlich und vor allem reibungslos die Arbeitsteilung zwischen Herodes’ Gottesstaat auf der einen und dem profanen römischen Henkerwesen – kaum einer nahm Octavians Nachfolgern irgendwelche Heiligkeitsansprüche mehr ab – auf der anderen Seite der gleichen Medaille funktionierte, sollte nicht zuletzt auch ein erleuchteter Zimmermann namens Jesus noch erfahren bzw. erleiden müssen.

Auszug aus Ägypten: Der revolutionäre Gründungsmythos Israels

Ins Imperium Romanum gliederte der selbsternannte Friedensfürst Octavian-Princeps-Augustus 36 Jahre nach den Ägyptern ironischerweise ausgerechnet die Israeliten ein. Ein stolzes Volk, dessen Selbstverständnis sich schon seit langer Zeit als sozialmoralische Summe aus den bitteren Erfahrungen von Knechtschaft, Verfolgung, Fremdherrschaft, Verschleppung und Exil ergeben hatte. Es erging ihnen immer wieder so schlimm mit den anderen Menschen, dass sie damit begannen, auf einen „Gott“ zu vertrauen, der die paradoxe Hoffung am Leben hielt (und hält?), der Mensch an sich möge eines Tages von den real existierenden Verhältnissen des menschlichen Zusammenlebens – von der „Herrschaft des Menschen über die Menschen“ (Marx) - befreit bzw. „erlöst“ werden. Dieser Glaube, dieses sehr spezielle und für andere Kulturen der damaligen Zeit schwer nachvollziehbare, persönliche Verhältnis zu Dem Einen Erlöser, „Gott“ Jahwe, nahm der Legende nach in „Ägypten“ seinen Lauf und war mit dem Babylonischen Exil (598 v.u.Z - 539 v.u.Z.) der Israeliten noch lange nicht zu Ende.

Dieses Volk war es, das uns den ersten Revolutionsbericht geliefert hat, den die Weltgeschichte überhaupt kennt. Unsere kulturelle Überlieferung beginnt interessanterweise mit einer bis heute wenig beachteten, literarischen Durcharbeitung revolutionärer Ereignisse. Einen Roman sollte man nicht wörtlich nehmen. Deswegen muss man seine Inhalte aber andererseits auch noch lange nicht rundherum verwerfen. „Verfremdung“ (Bert Brecht) ist nicht nur ein gängiges Stilmittel literarischer Kunst. Das Denken der Leser wird in durchaus fortschrittlicher Absicht gefördert, indem das genannte Stilmittel bewusst auf die Ambivalenz von Dichtung uns Wahrheit setzt. Genau deshalb sagt uns die Geschichte auch heute noch etwas und nicht nur den alten Hebräern. Was genau passiert ist, was Legende, was Dichtung, was Wahrheit ist – wir wissen es nicht. Doch die Geschichte, von der gleich die Rede sein wird, spricht mit so starken Bildern von Leid, Unterdrückung, Hoffnung und „Errettung“, dass man sehr wohl davon ausgehen darf, dass die Autorinnen oder Autoren einer solchen Schrift einerseits und ihre Leserschaft andererseits sehr wohl wussten, wovon sie sprachen und hörten.

Die Bücher 2-5 Mose berichten uns noch heute in beeindruckenden Worten literarisch davon, wie ein ganzes Sklaven-Volk seine Situation nicht länger zu ertragen bereit war, sein Leben selbst in die Hand nahm und eine Reise bzw. einen „Exodus“ (dt.: Auszug) antrat, hinaus aus der Knechtschaft (in „Ägypten“) und vorwärts in ein „Gelobtes Land“, in dem man „Milch und Honig“ nicht nur mühsam erarbeiten, sondern auch noch davon essen und trinken durfte. Einmal ist eben Schluss. Einmal kommt die Zeit, da es reicht. Dann legt man die alten Sklaven-Gewohnheiten ab und bricht auf in eine ungewisse, aber gewiss – wie auch immer – bessere Zukunft für sich selbst und für alle gemeinsam. Ein Zuckerschlecken ist es nicht, sich auf diesen Weg zu begeben. Durch die „Wüste“ muss man sich quälen, „Meere“ durchschreiten, sich Angreifern erwehren, gelegentlich verzweifelt man: Wären wir doch besser Sklaven geblieben! Schluss mit dem Exodus! Dieser irre Moses! Populist! Radikaler! Blöder Scharlatan! Wenden wir uns lieber den Unsitten unserer einstigen Herren zu und basteln uns ein „Goldenes Kalb“. Man zürnt mit den eigenen Freiheits-Helden. Mose steigt, genervt von seinen Leuten, auf einen Berg, weg von den Menschen. Nur noch „Gott“ Jahwe spricht zu ihm. ER gibt Mut dazu, die Reise fortzusetzen. ER stiftet die Gebote, die die Menschen auch in den Tagen tiefster Ver-Zweiflung fest aneinander verpflichten bzw. die die Menschen von der Konkurrenz der Eitelkeiten, vom „Tanz ums Goldene Kalb“ er/lösen. Die das Band der praktischen Solidarität erst möglich werden lassen. Kurz und gut: Du sollst dieses und das nicht tun, denn anderes ist wichtiger im Leben als all das! Ehre das Höchste, was die Menschen selbst in ihrer schwersten Sunde noch gemeinsam haben, was ihnen niemand nehmen kann (Solidarität, „Gott“, oder wie immer man das nennen mag) – und nicht den ganzen Tand und Zank um Kälber, „Weiber“, Gold und Felder, etc. pp. Eine heimliche Warnung sprach ER damit aus: Das „gelobte Land“ wird niemals erreicht werden (können), wenn ihr es lediglich als einen geografisch definierten Idealstaat der Zukunft versteht. Das kann schnell nach hinten los gehen, ein solcher Irrglaube an die Möglichkeit eines „Paradieses in einem (bestimmten) Land“. Ihr müsst es richtig machen, schon auf dem Weg dorthin! Sonst wird das nichts. Daraufhin steigt Mose vom Berg herab und erklärt Israel, was zukünftig zu tun und was zu lassen ist, damit es gut vorwärts gehen kann. Der Weg ist zwar noch lange nicht das Ziel, aber das Ziel kann nicht erreicht werden, wenn man sich nicht in der richtigen Art und Weise auf den Weg begibt. Die innere Verfassung der Gruppe muss auf das richtige Ziel hin ausgerichtet sein, ansonsten kann die Reise nicht wirklich gut gelingen und es droht die Gefahr, dass „die ganze alte Scheiße von Neuem beginnen müsste“ (Karl Marx).

Wundersam erscheint es einem, wenn in tiefster Ver-Zweiflung – beim Hungern in eiskalten Wüstennächten – letztlich dann doch die Hoffnung wächst und wenn man am Ende das „gelobte“ Ziel trotz aller Widrigkeiten erreicht. Eine Gewissheit kann man ziehen aus diesem ersten Revolutionsbericht der Weltgeschichte, dem Beginn der kulturellen Überlieferung: Wenn sich der historische Materialismus irren und es doch einen Gott geben sollte – und MarxistInnen haben „ihren Kant“ genug gelesen um sicher wissen zu können, dass sie sich irren könnten –, so hat er schon vor langer Zeit (s)einen BUND geschlossen mit den verzweifelt um ihre selbstgestaltete Zukunft ringenden, einfachen Menschen aller Zeiten. ER hat sie errettet. Das ist jedenfalls dann richtig, wenn man diese Geschichte „christlich“ interpretiert, d.h. wenn man in den Erfahrungsberichten Israels kein exklusives Wissen eines einzigartigen Volkes von seiner weltgeschichtlichen „Sendung“, sondern ein Erbe erblickt, das der gesamten Menschheit gehört und anhand des Schicksals Israels beispielhaft (ich füge etwas unchristlich-profan hinzu: literarisch) von deren Nöten, Versagen und gelegentlichen Erfolgen unter der Herrschaft des Eigentums und der Konkurrenz berichtet. Und von einer großen Hoffnung, deren lebenspraktischer Wert eben darin liegt, dass der Mensch (Jude oder was auch immer) – wenn er sich nur darum bemüht, sich an der Wahrheit zu orientieren – selbst in seinen bittersten Stunden erfüllt leben kann. „Fürchtet Euch nicht!“, ruft ER denen zu, die aufbrechen ins „Gelobte Land“, die „dem Morgenrot entgegen“ ziehen und dabei nicht selten im Frost kalter Wüstennächte, inmitten der bitteren Welt, so wie sie ist, ihren Glauben an einen guten Ausgang der Geschichte verlieren möchten.

Zynismus in Jerusalem und darüber hinaus

Oft jedoch geht das Licht dieser Erkenntnis im Dunkel der real existierenden Gewalt-Geschichte der Menschheit unter. Wenn man z.B. „angekommen“ ist im „Gelobten Land“ – geografisch mehr als wirklich, versteht sich - und die Erfahrung der Knechtschaft nicht mehr allen so ganz präsent ist, dann kann es passieren, dass sich eine Intellektuellen-Kaste von Priestern, Theologen, Philosophen etc. pp. berufsmäßig darum zu kümmern beginnt, „Gottes BUND mit den Menschen“ in eine Ideologie zur Rechtfertigung neuer Herrschafts-Verhältnisse zu verwandeln. Motto: Im „Gelobten Land“ angekommen, muss die Ordnung, die dort nun über Israel herrscht – anders als im heidnischen Ägypten – naturnotwenig eine göttliche sein. Die göttliche Ordnung sieht dann so aus: Die Herren Ideologen werden freigestellt von der gewöhnlichen Arbeit. Sie denken sich kluge Argumentationen aus, die „beweisen“ sollen, dass es gottgewollt ist, dass einer König ist, dass viele arm, wenige reich sind, die Armen für die Goldenen Kälber der anderen zu arbeiten haben … und einige dazu freigestellt werden „müssen“, „Diskurse“ über solche Argumentationen zu führen. So wie es ist, hat ER das gewollt. Punkt. Ende der Debatte. Streiten tun sich die Herrschaften Intellektuellen mit den Herrschaften von der weltlichen Gewalt allerdings immer wieder gerne darüber, wie göttlich die Gestalt des Königs ist. Stehen die Priester-Intellektuellen über ihm, oder er unter ihnen? Ist König Herodes womöglich Jahwes erhabener Stellvertreter? Oder ist er doch nur ein religiöses Irrlicht und eine selbstverliebte Machtsau dazu, den Pharisäern gegenüber zum Bußgang verpflichtet? Wenn es an solche Abgrenzungs-Geschichten bzw. an die Macht-Ökonomie der herrschenden Cliquen und ihrer Rechterfertigungs-Ideologien kommt, dann kennt der Streit dieser Leute in der Regel kein Maß mehr. Dann droht – wie bei den Römern – wieder einmal Bürgerkrieg, und die kämpfenden Cliquen aller Fraktionen meinen, im Blut wartend, zu wissen: „God’s on our side!“/„Mit Gott für Volk und Vaterland!“

Pustekuchen! Manchmal fällt Menschen der Widerspruch auf. Mit den Pharisäern, Bischöfen, Päpsten, Gott-Königen und Kirchen stimmt allzu oft etwas nicht, vergleicht man ihr reales Sein mit dem, was sie eigentlich sein sollten. Beobachter dieser Art waren schon vor Jesus aus dem Dunkel der Gewalt-Geschichte heraus- bzw. mit dem Licht ihres Bewusstseins den unheiligen Autoritäten, die sich im Namen Jahwes huldigen ließen entgegengetreten. „Propheten“ nennt sie die Heilige Schrift. Der Prophet Jesaja war über die Verhältnisse, die er sehen musste, so erschüttert, dass er seine Hoffung auf Besserung aus der Gegenwart in die Zukunft verlegte: Eines Tages, so sagte er voraus, werde „einer“ in der Welt „erscheinen“, der als direkter Gesandter „Gottes“ die Verhältnisse wieder ins rechte Lot bringen würde. Ein Zimmermann namens Jesus war so „einer“. Christen jedenfalls glauben das. Geboren vermutlich im Zeitraum 6-4 v.u.Z. ist er im Laufe der Jahre 30-33 n.u.Z. von den Obrigkeiten ermordet worden, weil er diesen Widerspruch öffentlich machte und weil ihm eine große Menge an Beladenen und Bedrückten dabei zuhörte. Die späteren Verfasser der Evangelien (dt.: frohe Botschaften) haben Jesus zu einem ansatzweise metaphysischen Etwas stilisiert. Das Markus-Evangelium ist das älteste dieser Bücher, bestenfalls 30 Jahre nach Jesu Kreuztod aus dem Hörensagen heraus geschrieben.

Ein Christus, ein gesalbter Sohn Gottes, Gott selbst soll er gewesen sein. Jahrhunderte lang hielten dieser Ansicht solche das Menschsein Jesu betonende Schrift-Auslegungen entgegen. Das arianische bzw. (modern gesprochen) homöische Glaubensbekenntnis z.B. verwarf die christologische Verklärung bzw. „Verherrlichung“ des historischen Jesus. Nicht die Spekulation über die konkrete Gestalt seiner „Gottesnatur“, sondern das „Menschsein“ Jesu stand für die Arianer, die Anhänger der Lehren des Bischofs Arius (260-336 n.u.Z.), an erster Stelle. Als das christliche Jesusbekenntnis seit dem skrupellosen Kaiser Konstantin durch die Bischöfe von Rom – die nun damit begannen, sich zu den Königen der Kirchenorganisation, d.h. zu Päpsten aufschwingen – seinerseits zu einer neuen Spielart der religiösen Absicherung weltlicher Herrschaftsbedürfnisse umgeformt wurde, wurde selbstverständlich auch das arianische Jesus-Bekenntnis sogleich „theologisch“ verworfen und staatlich bekämpft. Die Bann-Wirkung des Konzils von Nicea (325 n.u.Z.) war in ihren Folgen so vernichtend, dass heute kaum noch jemand um diese Faktionskämpfe der frühen Jesus-Anhänger weiß. Ein durchaus vergifteter Apfel wurde hier, verführt von der Schlange der Macht, durch die Gewaltigen des frühen Christentums vernascht. Diese Ur- und Erbsünde des institutionalisierten Christentums verbietet es an sich bis auf den heutigen Tag, die Kirchen aller Konfessionen voraussetzungslos als moralische Akteure begreifen können. Sie sind es gewiss nicht, denn sie stellen sich alle zusammen bis heute nicht ihrer historischen Schuld. Man muss schon genauer hinschauen. Den einzelnen Menschen und einzelne Gruppen betrachten. Manche sind es, manche auch nicht. Und immer gilt: Moral und ihre Träger sind anderswo auch anzutreffen. Viele Jesus’ hat es deshalb seit 30 n.u.Z. gegeben, die genau den gleichen Widerspruch innerhalb christlicher Organisationen und Gesellschaften aufgedeckt haben, den Jesus einst an den jüdischen Eliten seiner Zeit ausgemacht hatte. Die Obrigkeiten des institutionalisierten Christentums re/a/gierten nicht anders als König Herodes und seine Pharisäer-Intellektuellen gegen Jesus: Ignoranz, Verfolgung, erfundene Anklage, Berufsverbot, Zensur, Inquisition, Folter und beizeiten auch offener Mord.

EINER von uns

Jesus war ein einfacher Mann. Er war einer von uns. Zornig ob des Elends der Massen und des Zynismus’ der Macht. Etwas anderes als die real existierende Ordnung wollte er begründen. In seiner Sprache: „Den Tempel abreißen“ und an seine Stelle den „wahren Tempel“ der Nächsten- und sogar Feindesliebe als einigendes Band zwischen den Menschen „errichten“. Das, so befanden die Herrschenden, sei eine gefährliche Idee. Denn wenn sich dieses Programm durchsetzen sollte, dann würde man weder Tempel mehr, noch Tempelpriester oder gar einen Gottesstaat brauchen. Jesus hielt dagegen: Hatte „Gott“ dem Bauern- und Handwerker-Volk Israel bei dessen Exodus aus „Ägypten“ einst nicht anderes versprochen, als eine billige Kopie des Pharaonen-Staates an anderer Stelle neu hochzuziehen? Zu dem positiven Ideal, das mit dem Exodus einst zusammenhing, dorthin wollte der junge Zimmermann zurück. Weg mit der Pracht und Eitelkeit. Her mit dem guten Leben in Eintracht für Alle und durch Alle gemeinsam! Und wenn man dieses – das „Reich Gottes“ – so schnell in der realen Welt nicht verwirklichen können wird, dann kann man wenigstens eine erste Menschen-Menge zu einer disziplinierten kleinen Gruppe formen, die die wirkliche Botschaft „Gottes“ – die wirklich gute, frohe Botschaft von der Möglichkeit eines besseren Zusammenlebens der „Menschen als Menschen“ (Karl Marx) - in die Dörfer und Städte der Welt trägt. Let’s pave the road today, Comrades! Einfache Leute aus dem arbeitenden Volk waren es, die sich der entschlossenen Truppe als allererste verschrieben: von Fischern, Bauern, Handwerkern, Hausfrauen, Zolleintreibern und Verachteten (modern gesprochen: „Marginalisierten“) berichten die Evangelien. Ärmlich, auf Stroh gebettet, gewärmt nur von den Körpern des Viehs in der Krippe, kam „der Eine“ zur Welt. Was für eine heilige Truppe! Einfache Leute – Freie und Sklaven, Frauen und Männer – folgten den Jesus-Lehren in den ersten Jahrhunderten aus freien Stücken und nahmen für ihr Bekenntnis zu den Idealen des Jesus, sowie für ihren daraus folgenden „alternativen“ Lebensinhalt blutige Verfolgungen durch den römischen Staat hin.

Der hohe moralische Anspruch an sich selbst hat in der Regel wohl wirklich dafür gesorgt, dass die Aktivistengruppe der „Jüngerinnen und Jünger“ ihre Botschaft friedlich unters Volk brachte. Tatsächlich verträgt sich die Botschaft von einer besseren Welt nicht mit einer gewaltsamen („extremistischen“, würde die FAZ wohl sagen) Grundhaltung. Unter anderem diese Einstellung der Welt gegenüber sollte auch uns heutigen StreiterInnen zum Vorbild dienen, gewiss. Und dennoch kennen wir auch jenen Jesus, der in den großen Tempel zu Jerusalem geht und dort die Verkaufsstände der Händler und Geldwechsler umwirft. Ein Jesus, der böse ist, der in Rage ist. Der auf den Tisch haut. Natürlich hätte er das besser sein gelassen. Meistens trifft man mit falschem Handeln auch noch die Falschen. Was konnten die Jerusalemer Kleinhändler dafür, dass die Obrigkeit den heiligen Tempelbezirk zu einem Marktplatz für den Tausch von Gold und Kälbern erklärt hatte? Aber manchmal passiert uns Zornigen das. Hinterher schämen wir uns dann dafür und wir wissen auch, dass wir unserer Sache mit solchen Frustaktionen letztlich immer schaden. Wenn heiliger Zorn sich in böses Handeln verwandelt, so wird eine Schwelle überschritten, deren Überschreitung selbstverständlich nicht geduldet oder gar für gut befunden werden darf. Doch der Druck und die Ignoranz, die einem nur zu oft entgegen gebracht werden, wenn man Widersprüche artikuliert und Widerstand gegen jene organisiert, wenn man dagegen hält, treibt einen alle paar Jahre leicht einmal zum „Tempelsturm“. Dass es Jesus auch so erging, macht ihn nur menschlich, allzu menschlich. Das rechtfertigt solches Handeln nicht, gleichwohl aber rechtfertigt solches Handeln das Sprechen über Jesus als von einem Menschen. Dieses wiederum kann man nun „arianisch“, „christlich“ oder sonst wie tun. Nur man sollte es eben machen. Man tut einem Menschen nämlich Gewalt an, wenn man ihn zu sehr in den Himmel hebt. Dort oben ist es immer sehr eisig und einsam. Sterile „Diskurse“, die dem Hochmut intellektueller Geister zum einen und den Legitimationsbedürfnissen mächtiger Kreise zum anderen gefällig sind, lassen sich in diesen entrückten Sphären gut und gerne jahrtausendelang führen. Die „frohe Botschaft“ von der Möglichkeit eines guten Ausgangs der Geschichte und die Einsaht ihrer Bedingungen in das „was ist“ müssen jedoch in den scheinbaren Niederungen des allzumenschlichen Alltags von „Sähleuten“, wie Jesus sie nannte, geduldig weitergegeben werden, wenn jene Früchte tatsächlich reifen sollen, die die Menschen einmal wirklich werden herüberführen können in ein „besseres Land“ bzw. in einen sittlich angemessenen Zustand des Zusammenlebens.

Und die Moral von der Geschicht? – Spendenappell!

Was auch immer jemand für sich heutzutage konkret aus der Jesus-Überlieferung macht und welche Bedeutung er/sie Weihnachten zumisst oder nicht, eines steht fest: Über Jesus nachzudenken ist nicht das Monopol von Theologen und Kirchen. Die Moral haben diese Herrschaften gewiss ebenfalls nicht gepachtet, nur weil interessierte Kreise (unter anderem sie selbst) das immer wieder gerne behaupten. Man stelle sich nur einmal vor, die Theologen erwiesen sich am Ende als ebensolche exzellenten Kenner „ihres“ Wissensgebietes, wie die bürgerlichen Ökonomen, „ihre“ Materie betreffend. Armer Jesus! Nein, Jesus ist Erbe der gesamten Menschheit. Er gehört niemandem. Deswegen gilt aber auch: Niemand muss ihn aus seinem Gesichtskreis ausschließen, nur weil er oder sie keinE ChristIn sein will. Und vielleicht wäre es ja ein wichtiger Schritt in Richtung einer Verständigung der Kulturen, wenn man endlich einmal dazu übergehen würde, religiöse Überlieferungen aller Art als Erbe der gesamten Menschheit den klerikalen Besitzstandswahrern aller Religionen und Konfessionen zu enteignen. Die alten Texte und Erzählungen gewissermaßen intellektuell zu sozialisieren, zu überdenken, zu befreien vom Staub und Schutz dieser vermachteten Welt. „Den Spiegel putzen“, wie man im japanischen Buddhismus sagt. Klarer sehen was ist. Vielleicht würde das auch „Gott“ gefallen, wer weiß das schon. Solcher „Gottes“-Dienst ist schnell getan. Man muss sich dazu nur selbst von dem Bann lösen, den interessierte Kreise der Lektüre heiliger Menschheits-Überlieferungen bis heute verordnet haben: „So wie wir euch das sagen, so sind diese Texte zu lesen – denkt erst gar nicht an andere Möglichkeiten!“ Lasst sie reden. Habet Mut Euch Eures eigenen Verstandes zu bedienen!

In diesem Sinne wünschen wir unseren Leserinnen und Lesern, aber auch unserer FUNKE-Arbeit, Gutes Gelingen in 2009! Der Kampf geht weiter! Damit er uns gut gelingen kann, erbitten wir armen Kirchmäuse uns von allen Leserinnen und Lesern „da draußen“ eine kleine Kollekte für unseren durchaus sehr bescheiden gefüllten Klingelbeutel. Zweifel an dieser guten Tat braucht niemand zu haben. Denn sollte es IHN, anders als wir MarxistInnen mit guten Gründen vermuten, irgendwo „da draußen“ doch geben, so steht fest:
God’s on our side, Comrades!

Weihnachtlich gesprochen:
Follow the Red Star!


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