Kategorie: Theorie

Gibt es eigentlich noch Klassen?

Was hört man nicht alles, wenn es um Marx geht. Die einen loben ihn als großen Denker und Theoretiker, die anderen sehen ihn als Heilsbringer. Wieder andere verteufeln ihn und geben ihm die ganze Schuld an den Auswüchsen der real existierenden „sozialistischen“ Staaten. (Gerade Letzteres ist ungefähr so schlüssig, wie Nietzsche für den Nationalsozialismus verantwortlich zu machen).


 

Wenn man mit Leuten spricht und der Name Marx fällt, hört man ungefähr Folgendes: „Marx hat doch was mit Kommunismus zu tun und irgendwas mit Arbeiterklasse und Kapitalisten. Aber die Arbeiterklasse gibt es doch gar nicht mehr, das ist doch Quatsch und gehört ins letzte Jahrhundert.“

In dem folgenden Beitrag wollen wir zwei grundsätzliche Probleme einfach und verständlich untersuchen:

 

  • Nachweis, dass unsere heutige Gesellschaft eine Klassengesellschaft ist
  • Unterscheidung zwischen objektiver Klassengesellschaft und Klassenbewusstsein

 

Die Arbeiterklasse

 

Kommen wir zur angeblich untergegangenen Arbeiterklasse. Marxisten nennen sie auch Proletarier. Klingt zwar seltsam und irgendwie uralt, meint aber das Gleiche wie Arbeiterklasse. Lassen wir uns mal von einem großen marxistischen Theoretiker erklären, was mit Proletariat gemeint ist.

Engels: „Das Proletariat ist diejenige Klasse der Gesellschaft, welche ihren Lebensunterhalt einzig und allein aus dem Verkauf ihrer Arbeit und nicht aus dem Profit irgendeines Kapitals zieht. Diese Klasse der gänzlich Besitzlosen, ist darauf angewiesen, den Kapitalisten ihre Arbeit zu verkaufen, um dafür die zu ihrem Unterhalt nötigen Lebensmittel zu erhalten.“(vgl. Engels „Grundsätze des Kommunismus“ www.mlwerke.de/me/me04/me04_361.htm )

 

Was sagt uns Engels damit? Es gibt Menschen, die haben keine Maschinen, keine Fabriken, kein eigenes Unternehmen und müssen deswegen für andere arbeiten um Geld in die Tasche zu bekommen. Um diese wirklich „überkommende“ Behauptung zu überprüfen, werfen wir doch mal einen Blick auf unsere Lebenssituation. Gut, ich habe keine Maschinen oder Unternehmen. Was also mache ich? Ich gehe arbeiten und biete meine Arbeitskraft einem Anderen an, der mich dafür bezahlt. Offensichtlich stimmt die Behauptung von Engels wenigsten in meinem Fall.

 

Und wie stehts in meinem Bekanntenkreis? Alle stehen mehr oder weniger genervt auf und gehen schaffen. Ich kenne niemanden persönlich, der Profit aus einem Kapital zieht (Maschinen, Fabriken usw.). Gibt es keine Arbeiter mehr?

Was ist mit den Menschen, die 40 Stunden die Woche am Fließband stehen, auf den PC starren oder die Straßen kehren? Genau die sind die Arbeiter, die angebliche Arbeiterklasse, die ja nicht mehr existiert. Diese Arbeiter heißen heute vielleicht Angestellte, Niedriglöhner, Beamte, Leiharbeiter usw. Aber was haben sie an einen Anderen zu verkaufen? Nur ihre Arbeitskraft. Laut Statistik sind von 82 Millionen Einwohnern der Bundesrepublik Deutschland zwischen 35-39 Millionen erwerbstätig. Hinzu kommen Rentner, Arbeitslose, Schüler und Studierende, die ebenfalls mal beschäftigt waren, es gerne wären oder hoffentlich bald sind.

 

Und was ist mit den Kapitalisten?

 

Lassen wir dabei wieder Zahlen sprechen: Laut Statistik besitzt 1% der Bevölkerung fast 25% des gesamten Vermögens. Die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung besitzen 65% des Vermögens. Diejenigen die so viel haben, ziehen ihren Profit aus Kapital. Die Kapitalistenklasse ist heute also eine in sich selbst hierarchisch gegliederte Klasse. Größere und mittlere Kapitalisten stellen nur noch 0,5 % der Erwerbstätigen. Die Kapitalisten sind gegenwärtig eine von der Finanzoligarchie und wenigen hundert Familien beherrschte Klasse. Das Vermögen der 500 reichsten Deutschen liegt bei momentan knapp 500 Milliarden Euro und ist damit größer als das Bruttoinlandsprodukt der Schweiz 2007.

 

Sind Manager nicht auch Proletarier?

 

Schließlich arbeiten sie auch als Gehaltsempfänger in einem Unternehmen. Aber mal ehrlich, Marx hat jahrelang an seinem Hauptwerk „Das Kapital“ geschrieben und er soll das übersehen haben. Im Band 3 des Kapitals geht Marx auf die Manager ein. Nur weil jemand Gehalt bekommt, ist er nicht zwangsläufig Proletarier. Entscheidend ist die funktionelle Rolle, die jemand in der kapitalistischen Reproduktion einnimmt. Der Manager ist der verlängerte Arm der Kapitalisten, meist Großaktionäre. Deswegen ist er funktionell den Kapitalisten zuzuordnen. Der Kleinaktionär, der geringe Anteile an einer Kapitalgesellschaft hat, ist funktionell auch kein Kapitalist.

 

Fazit

 

Offensichtlich gibt es die Klassen immer noch. Auf den Punkt gebracht und plakativ gesagt: Ein Teil geht arbeiten, verkauft seine Arbeitskraft, da sie sonst nichts haben um über die Runden zu kommen oder einen bescheidenen Wohlstand anzuhäufen. Der andere Teil müsste eigentlich nicht mehr arbeiten, da sie über viel Kapital verfügen, machen es aber trotzdem, um noch mehr Geld zu anzuhäufen. Klassen gibt es. Zu differenzieren ist beim Klassenbewusstsein. Ob es Klassenbewusstsein gibt, ist schon eine etwas komplizierte Frage. Aber Ansätze eines Klassenbewusstseins finden sich immer wieder. Gerade wenn man hört, wie sich Leute über „die da oben und die scheiß Banken“ aufregen und dass man als kleines Licht eh von den Eliten ausgenutzt wird, zeigt dies doch Ansätze eines mehr oder weniger entwickelten Klassenbewusstseins.

 

Das ist auch kein populistisches Geschwätz, wie es gerne einige abtun, insbesondere Vertreter der herrschenden Klasse. Menschen reagieren sensibel auf ihre Umweltbedingungen und spüren die Ungerechtigkeit. Dass sich ein Klassenbewusstsein durchaus anders entwickeln kann als ab 1918, steht außer Frage. Die Arbeiterklasse hat neue Erscheinungsformen angenommen. Es gibt – zumindest in Mitteleuropa – durchaus weniger klassische Bergarbeiter oder Fabrikarbeiter als im letzten oder vorletzten Jahrhundert. Die Produktivität in der Industrie ist so stark gestiegen, dass heute immer weniger arbeitende Menschen immer mehr Güter produzieren können. Viele Arbeiter stehen nicht mehr mit verschmierten Händen an lauten Maschinen, sondern überwachen und steuern an Bildschirmen die Produktion. Es gibt sie aber nach wie vor – die unmenschlichen Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen und auf Baustellen, in der Logistik- und Reinigungsbranche, in Callcentern, Kühlhäusern, an Fließbändern und hinterm Lenkrad. Handarbeiter und Büroangestellte klagen gleichermaßen über zunehmende Leistungshetze, die krank macht, und vorzeitigen Verschleiß der Arbeitskraft. Von tarifvertraglich abgesicherten, relativ erträglichen Arbeitsbedingungen, wie sie über Jahrzehnte in Großbetrieben üblich waren, können heute viele Beschäftigte im Dienstleistungssektor nur träumen. So ist die Ansicht, dass sich heute generell kein Klassenbewusstsein bilden könne, mehr als gewagt. Klassenbewusstsein entwickelt sich grundsätzlich in einer Krise. Dass der Kapitalismus genug Krisenpotential bietet, sieht man ja gerade an Griechenland, Zypern, Italien und anderen Ländern.

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