Kategorie: Theorie

“Kommunisten gegen Stalin: Das Massaker an einer Generation“

Der Tod von Pierre Broué 2005 bedeutete einen tragischen Verlust. Während seines Lebens spielte er verschiedene Rollen: Er war Historiker, militanter Trotzkist und Herausgeber der Cahiers Leon Trotzky. 45 Jahre war er sowohl in Frankreich als auch international in der trotzkistischen Bewegung aktiv.


Er verfasste bedeutende Werke. Er gab eine maßgebliche französische Edition der Schriften von Trotzki nach 1928 heraus, für die er auch das Vorwort schrieb, und war einer der bedeutendsten Trotzki-Forscher in den letzten Jahrzehnten.

Pierre Broué war international als Historiker der internationalen revolutionären Bewegung anerkannt. Seine historischen Werke über die Bolschewistische Partei, die Kommunistische Internationale, die Deutsche und die Spanische Revolution wurden weithin bewundert. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören die in den letzten Lebensjahren verfassten. Seine meisterhafte Biographie von Trotzki (Trotzky, Pierre Broué, Fayard 1988) ist ein gesundes Gegenmittel zum oberflächlichen und protzigen Banausentum eines Isaac Deutscher.

Das vorliegende Werk “Kommunisten gegen Stalin: Das Massaker an einer Generation”, das zum ersten Mal in einer italienischen Übersetzung veröffentlicht wurde, ist ein weiteres bedeutendes Werk dieses gefeierten trotzkistischen Schriftstellers. Tragischerweise war es sein letztes.

Ein militanter Revolutionär

Pierre Broué war nicht nur ein Intellektueller, der Bücher für Universitäten schrieb und Ereignisse kommentierte. Er war ein aktiver und militanter Revolutionär, der sein Leben dem Kampf für einen internationalen Sozialismus widmete. In seiner Jugend schloss sich Pierre der französischen Resistance an, um gegen die Besatzung Frankreichs durch die Nazis zu kämpfen. Er wurde Mitglied der Kommunistischen Partei, geriet aber schnell mit der stalinistischen Führung in Konflikt.

Später wurde er Aktivist der Vierten Internationale und blieb für den Rest seines Lebens ein engagierter Trotzkist. Er schwankte nie in seinem revolutionären Glauben an eine sozialistische Zukunft für die Menschheit. Am Tag nach seinem Tod schrieb mir sein engster Vertrauter, Freund und Genosse Jean-Pierre Juy, dass Broué seine revolutionäre Leidenschaft bis zum Ende bewahrt habe.

Ich lernte Pierre erst in der letzten Phase seines Lebens kennen, als er sich in seiner letzten Schlacht befand – einem Kampf um Leben und Tod gegen den Krebs. Ich kannte aber, hauptsächlich durch unseren gemeinsamen Freund Sewa (Esteban) Volkow, Trotzkis Enkel, seine Werke und Vorstellungen. Sewa Volkow war ein enger Freund von Pierre, den er grenzenlos bewunderte und respektierte.

Ich besuchte Pierre 2003 als er sich in den malerischen französischen Voralpen von seiner Krankheit erholte. Ich fand ihn lebhaft und munter vor, mit einem scharfen und sehr gallischen Sinn für Humor. Sein revolutionärer Geist schimmerte durch jeden einzelnen Satz. Er interessierte sich nicht besonders für die malerische Landschaft. Seine Gedanken waren woanders, bei der Weltrevolution. Er war wie ein Tiger, der in einem Käfig eingesperrt war oder vielmehr wie ein altes Schlachtross, das förmlich mit den Hufen scharrte und sich anstrengte wieder in die Schlacht zurückzukehren.

Ich fragte ihn, ob er an etwas schreiben würde. Er zuckte die Schultern mit einer Geste der Ungeduld. „Wie soll ich an diesem Ort schreiben? Ich habe keine Bücher. Ich will hier raus und zurück in meine Bibliothek!“ Offensichtlich war die Trennung von seinen Büchern die schlimmste Form der Folter für Pierre. Er schickte uns Artikel und ein Vorwort für die neue Ausgabe von „Not Guilty“, der Zusammenfassung der Dewey-Kommission über die Moskauer Prozesse.

Pierre entschuldigte sich permanent dafür, dass er nicht in der Lage war, mehr zu schreiben und versprach dies zu tun, sobald es die Gesundheit zulassen würde. Leider wurde ihm dieser Wunsch nicht erfüllt.

Worum geht es in dem Buch?

Er schrieb dies Buch, das 2003 in französischer Sprache publiziert wurde, auf der Grundlage von neu veröffentlichtem Material aus sowjetischen Archiven. Sein erklärtes Ziel war es, den vielen KommunistInnen, die durch Stalins Tötungsmaschine zum Schweigen gebracht worden waren, eine Stimme zu geben. Er erklärt: “Seit Jahren wollte ich über die Tausenden Frauen, Männer, Alten und Kinder sprechen, die zu Dutzenden mit Maschinengewehren ermordet wurden. Ich wollte zeigen, wie sie leben, denken, lieben und leiden. Sagen wer sie vor, während und nach ihrem Martyrium waren. Ich wollte sie zurück ins Leben bringen, soweit das möglich ist.“

In den 1920ern schlossen sich zahlreiche militante KommunistInnen der Linken Opposition und anderer antistalinistischen Strömungen in der UdSSR an. Sie wurden als Oppositionelle oder Trotzkisten bezeichnet, obwohl Trotzki diesen Ausdruck nie benutzte und stattdessen die von ihm repräsentierte Strömung als Bolschewisten-Leninisten bezeichnete. Diese mutigen Männer und Frauen kämpften, um die wahren Traditionen der Oktoberrevolution zu verteidigen, die Traditionen der ArbeiterInnendemokratie und des proletarischen Internationalismus.

Das Buch basiert auf den Biographien von ca. 700 aufgeführten Oppositionellen. Anhand ihrer Lebensgeschichte erklärt Broué die Geschichte der Linken Opposition und anderer oppositioneller Strömungen. Tausende Oppositionelle wurden festgenommen, inhaftiert und nach Sibirien in die Gefängnisse und Lager von Workuta und Kolyma deportiert, wo sie 1937 und 1938 durch Stalins Erschießungskommandos ihr Leben verloren. Dieses Buch erzählt die Geschichte des Kampfes, der Verfolgung und die Ermordung dieser Tausenden ungenannten revolutionären KämpferInnen.

Stalin gelang es nur über die Leichen der Partei Lenins ein diktatorisches Regime zu konsolidieren. Um die politischen Errungenschaften der Oktoberevolution zu beseitigen, musste er das Massaker an einer ganzen Generation von RevolutionärInnen begehen. Dieses Buch vermittelt ein verheerendes Bild über Stalins Blutbad an der Bolschewistischen Partei. Dabei enthüllt es eine schreckliche Geschichte, die für über ein halbes Jahrhundert ein streng gehütetes Geheimnis blieb.

Die ersten Kapitel umreißen die frühe Geschichte der Linken Opposition von 1924-25 nach Lenins Tod. Danach folgen ein Bericht über die Vereinigte Opposition die nach dem Zerbrechen der Troika von Stalin, Sinowjew und Kamenew 1926 gebildet wurde, und anschließend der Parteiausschluss Trotzkis und dessen Exil. Mit einer Fülle an detaillierten Informationen, die vorher nicht verfügbar waren, stellt der Autor die repressiven Maßnahmen dar, mit denen die stalinistische Maschine die Opposition allmählich unterdrückte.

Weitere Kapitel behandeln die Arbeit der Internationalen Linken Opposition, die Moskauer Prozesse – Stalins einseitigen Bürgerkrieg gegen die Bolschewistische Partei – und die Aktivitäten der TrotkistInnen in den Gulags. Pierre Broué beschreibt anschaulich den Kampf der TrotzkistInnen in den Straflagern, in denen sie ihre revolutionäre Disziplin aufrechterhielten, Streiks, Protestaktionen und Hungerstreiks organisierten, um ihre Rechte gegen die Brutalität der Gefängniswärter zu verteidigen.

Die Linke Opposition (1)

Wie war es möglich, dass die demokratischste Revolution in der Geschichte derart entartete, um als monströse totalitäre Diktatur zu enden? Für oberflächliche Köpfe ist die Antwort auf diese Frage ganz einfach: Stalin war klüger als Trotzki und manövrierte ihn aus. Aber eine solche Erklärung erklärt in Wirklichkeit nichts.

Der Hauptgrund für die bürokratische Entartung des sowjetischen Staates war die Isolation der Revolution unter den Bedingungen einer extremen Rückständigkeit. Marx schrieb vor langer Zeit in „Die deutsche Ideologie“, dass dort wo Armut herrscht, „die ganze alte Scheiße sich herstellen müßte“. Damit meinte er Ungleichheit, Korruption, Bürokratie und Privilegien.

Lenin und Trotzki wussten sehr gut, dass die materiellen Bedingungen für den Sozialismus in Russland nicht vorhanden waren. Vor 1924 wurde diese elementare Aussage von niemand infrage gestellt. Die Bolschewisten stützten sich auf die Perspektive der Ausdehnung der Revolution auf die entwickelten kapitalistischen Staaten in Europa, besonders auf Deutschland. Wenn die Deutsche Revolution erfolgreich gewesen wäre – was 1923 möglich war – wäre die gesamte Lage in Russland anders gewesen.

Auf der Grundlage einer sozialistischen Föderation, welche das kolossale Produktionspotenzial Deutschlands mit immensen Rohstoffreserven und den Arbeitskräften Russland vereint hätte, hätte sich die materielle Situation der Massen verändert. Unter solchen Bedingungen wäre der Aufstieg der Bürokratie gestoppt worden und die Stalin-Fraktion wäre nicht in der Lage gewesen, die Macht zu ergreifen. Die Moral der sowjetischen ArbeiterInnenklasse wäre gefördert und der Glaube an die Weltrevolution wiederhergestellt worden.

Wir sollten uns daran erinnern, dass die bürokratische Entartung in der Periode zwischen 1923 und 1929 keineswegs konsolidiert war. Diese Tatsache widerspiegelt sich am Zickzackkurs, der die Politik Stalins und seiner Fraktion sowohl in der Innen- als auch der Außenpolitik in diesem Zeitraum kennzeichnet. Zwischen 1923 und 1928 ging Stalin zu einer rechten Politik über, die durch die Zuwendung zu den Kulaken (reiche Bauern) und den NÖP-Männern (Spekulanten) in Russland und den Reformisten und der Bourgeoisie in den Kolonialländern in der Außenpolitik. Das brachte die Revolution in große Gefahr. Im Inneren ermunterte diese Politik die Kulaken und andere bürgerliche Elemente auf Kosten der ArbeiterInnen. Im Ausland führte sie dazu, dass die Kommunistische Internationale eine Niederlage nach der nächsten erlitt.

Es war nicht so, dass Stalin die Niederlage der Deutschen Revolution 1923 oder die der Chinesischen Revolution 1923-27 bewusst organisierte. Im Gegenteil, er wünschte sich den Erfolg dieser Revolutionen, aber die rechte opportunistische Politik, die er der Kommunistischen International im Namen des Sozialismus in einem Lande auferlegte, war in beiden Fällen eine Garantie für die Niederlage.

Dialektisch gesehen, wird die Ursache zur Wirkung und umgekehrt. Die Isolation der Russischen Revolution war letztendlich der Grund für den Aufstieg der Bürokratie und der Stalin-Fraktion. Die falsche Politik dieser Fraktion erzeugte die Niederlage der Deutschen und Chinesischen Revolution (und weitere Niederlagen in Estland, Bulgarien, Britannien etc.). Diese Niederlagen erhärteten die Isolation der Revolution und verursachten eine tiefe Demoralisierung unter den sowjetischen ArbeiterInnen, welche die Hoffnung verloren, dass die europäischen ArbeiterInnen ihnen zur Hilfe kommen würden.

Das führte zur Konsolidierung der Bürokratie und des Stalinismus, welcher nur der politische Ausdruck der materiellen Interessen der Bürokratie darstellte. Das führte im Gegenzug zu weiteren Niederlagen der internationalen Revolution (Deutschland, Spanien) und bereitete den Boden für den 2. Weltkrieg, der die UdSSR in größte Gefahr brachte.

Lenins Tod

Lenin wiederholte hunderte Male, dass es ohne den Sieg der europäischen Revolution unmöglich wäre, die Sowjetmacht zu erhalten und die Wiederherstellung des Kapitalismus unvermeidlich wäre. Aber die Dinge entwickelten sich nicht genau so, wie Lenin es vorhergesehen hatte. Die Sowjetunion überlebte, durchlief aber einen Prozess der bürokratischen Entartung, die schon zu Lenins Lebzeiten eingesetzt hatte.

In seinen letzten Lebensjahren machte Lenin sich deswegen zunehmend Sorgen. In seiner letzten Rede an den Moskauer Sowjet 1922 stellte er die Frage. „Wer führt wen?“

Der historische Materialismus lehrt uns, über die individuellen Akteure auf der historischen Bühne hinauszuschauen und nach tieferen Ursachen zu suchen. Das schließt die Rolle von Individuen in der Geschichte allerdings nicht aus. In bestimmten Augenblicken kann die Rolle eines einzelnen Mannes oder einer einzelnen Frau entscheidend sein. Wir können mit Sicherheit sagen, dass die Oktoberevolution ohne die Anwesenheit von Lenin und Trotzki (besonders des ersteren) nie stattgefunden hätte.

Individuen können jedoch nur eine solche Rolle spielen, wenn alle anderen Bedingungen vorhanden sind. Die Verkettung der Umstände im Jahre 1917 ermöglichte Lenin und Trotzki eine entscheidende Rolle zu spielen. Wenn diese beiden Männer jedoch zwei Jahrzehnte zuvor anwesend gewesen wären, wären sie nicht in der Lage gewesen die gleiche Rolle zu spielen. Genauso konnten Lenin und Trotzki, trotz ihrer kolossalen persönlichen Fähigkeiten, die bürokratische Entartung der Revolution nicht verhindern, als diese am Abebben war. Dies wurde durch objektive Kräfte verursacht, gegen die selbst die größten Führer machtlos sind.

Zufälle spielen in der Geschichte oft eine Rolle. Wenn er nicht erkrankt gewesen wäre, hätte Lenin am Zwölften Kongress teilgenommen und Stalin wäre aus dem ZK entfernt worden. Es ist aber unmöglich große historische Prozesse mit Begriffen wie Individuen, „großen Männern“ usw. zu erklären. Der Marxismus versucht die Geschichte in Bezug auf die Entwicklung der Produktivkräfte und die sich daraus ergebenden Klassenbeziehungen zu analysieren. Selbst wenn es Lenin geschafft hätte, eine Mehrheit auf dem Kongress zu gewinnen, hätte das nur eine zeitliche Verzögerung beim Aufstieg der Bürokratie bedeutet, der seine Ursachen in den objektiven Bedingungen hatte.

Nach Lenins Tod 1924 entwickelte sich der Prozess der bürokratischen Entartung mit hoher Geschwindigkeit und endete schließlich mit Stalins Diktatur. Aber selbst wenn Lenin gelebt hätte, wäre dieser Prozess nicht ohne den Sieg der Revolution in einem oder mehreren wichtigen Ländern aufzuhalten gewesen. Bei einem Treffen der Vereinigten Opposition 1926 sagte Lenins Witwe Krupskaja: „Falls Wladimir Iljitsch heute noch leben würde, befände er sich in einem von Stalins Gefängnissen“.

Die Linke Opposition (2)

Schon 1923 veröffentlichte Trotzki die Plattform der Opposition auf der Grundlage einer Verteidigung von Lenins Prinzipien der ArbeiterInnendemokratie und des proletarischen Internationalismus. Er fing an, einen Kampf gegen die bürokratischen Tendenzen im Staat und in der Partei zu führen. Das war der Beginn der Linken Opposition in der Sowjetunion und international. Der Kampf zwischen der Linken Opposition und der Stalin-Fraktion war im Grunde genommen ein Klassenkampf, der die widersprüchlichen Interessen zwischen der ArbeiterInnenklasse und der anwachsenden Bürokratie reflektierte.

Broué spricht vom Kongress im Jahre 1923, auf dem die Opposition in Moskau die Mehrheit gewann, aber bürokratisch ausmanövriert wurde:

"In Moskau gelang es der Opposition die Mehrheit in 40 Zellen 6954 Mitglieder) gegen 32 (2790 Mitglieder), einschließlich der meisten Zellen der Roten Armee, 30% der ArbeiterInnenzellen zu gewinnen und … insgesamt aber nur drei Delegierte. Die Opposition wurde Opfer eines Raubes und während des Kongresses, auf dem die Delegierten unrechtmäßig gewählte, arrogante und unzivilisierte Parteimitarbeiter waren, wurden sie beleidigt und ihnen wurde menschewistisches Abweichlertum vorgeworfen.“

Er vermittelt auch sehr interessante Details über die Stärke der Bolschewisten-Leninisten in Leningrad (Sinowjews Hochburg), in der Ukraine und Georgien. Er erklärt, wie 1928, als die Repression gegen die Linke Opposition schon begonnen hatte, Stalin selbst schätzte, dass es 30.000 aktive Oppositionelle gab. Er gibt sehr viele Details über die Zusammensetzung der Linken Opposition, die er offiziellen Quellen entnommen hat:

“44% der aus der Partei Ausgeschlossenen waren FabrikarbeiterInnen und 25% ehemalige ArbeiterInnen, die in verantwortungsvolle Positionen aufgestiegen waren [die Zahl der zuletzt genannten wäre noch höher, könnte man die früheren Berufe der Kommissare der Roten Armee und der Studenten der Arbeiterfakultäten ermitteln]. Hinsichtlich des Alters waren die Angehörigen der Opposition jung und sogar sehr jung; 85% waren unter 35 […]. In Charkow waren von 259 ausgeschlossenen 196 ArbeiterInnen, 70% waren unter 30, 38% unter 25.“

Broué bemerkt:

„Wir sprechen deshalb von einer Bewegung der proletarischen Jugend. Junge Menschen, die in den Reihen der Opposition kämpften, waren zur Zeit der Revolution Teenager oder noch Kinder und wurden von der revolutionären Welle angetrieben: der dynamischste Teil der Gesellschaft; ihre Zukunft; der tiefgreifendste Erfolg, der nachhaltigste Fußabdruck der Revolution.“

Trotzki versuchte sich auf die ArbeiterInnenklasse zu stützen, aber diese war durch die langen Kriegsjahre, die Revolution und den Bürgerkrieg erschöpft. Stundenlange Arbeit in eiskalten Fabriken, Hungerlöhne und der allgemeine Mangel forderten ihren Zoll. Die sowjetischen ArbeiterInnen verfielen in einem Zustand der Apathie. Sie beteiligten sich nicht länger an den Sowjets, die unaufhaltsam bürokratisiert wurden. Bei jedem Rückschritt in Richtung Weltrevolution wurden die ArbeiterInnen weiter desillusioniert und desorientiert und die neue Kaste der Sowjetbürokraten wurde immer selbstbewusster und anmaßender.

Der Grund für Stalins Triumph lag nicht in den Fehlern der Opposition begründet, wie oberflächliche bürgerliche Historiker glauben, sondern im breiteren Kontext der Klassenbeziehungen innerhalb der sowjetischen Gesellschaft. Ich nenne nur ein Beispiel, um dies zu unterstreichen. 1927, nach der Niederlage der Chinesischen Revolution, kamen einige Studenten zu Trotzki und meinten, dass jeder sehen könnte, dass Trotzki recht gehabt habe und man nun in der Lage sei, die Mehrheit in der Partei zu gewinnen. Trotzki stimmte dem nicht zu. Er führte aus, dass für die sowjetischen ArbeiterInnen die objektiven Konsequenzen aus der Niederlage der Chinesischen Revolution wesentlich wichtiger seien, als die Frage, wessen Perspektiven richtig oder falsch gewesen waren.

Tatsächlich wusste Trotzki, dass die Opposition ihr Ziel nicht erreichen konnte. Durch die ungünstige objektive Lage war sie zum Scheitern verurteilt. Warum aber kämpfte er dann weiter? Warum kapitulierte er nicht vor Stalin wie Sinowjew, Kamenew und Radek? Die Antwort lautet, er versuchte die Ideen, Programme und Traditionen für zukünftige Generationen von KommunistInnen in der UdSSR und international zu schaffen. Er war der Einzige, der den Versuch unternahm, trotz der schrecklichen Verfolgung, die den meisten GenossInnen, FreundInnen und seinen Familienangehörigen das Leben kostete.

Die “Kommunistische” Partei wurde unter Stalin in einen bürokratischen Klub umgewandelt. Sie war tatsächlich keine Partei, sondern ein Teil des Staatsapparates – ein Mittel zur Kontrolle der ArbeiterInnenklasse und zur Förderung von Karrieristen. Obwohl einige ehrliche KommunistInnen blieben, bestand doch die überwältigende Mehrheit ihrer Mitglieder aus Jasagern, Speichelleckern, Spitzeln und Kriechern.

Der 17. Kongress im Oktober 1934 wurde als “Kongress der Sieger” gefeiert. Die Delegierten traten bei der Lobpreisung des Führers in Wettbewerb, aber fast alle 2000 Delegierten wurden später Opfer des stalinistischen Terrors. Der Kongress zeigte, dass Kirow, der Leningrader Parteiführer bei den Delegierten beliebt war – zu beliebt. Er bekam zu Beginn und am Ende stehenden Applaus und wurde in das Sekretariat des ZK gewählt. Das bedeutete, dass er von Leningrad nach Moskau umziehen musste und so Stalins Rivale wurde.

Die katastrophalen Folgen der zwangsweisen Kollektivierung und der durch Misswirtschaft verursachte wirtschaftliche Zusammenbruch während des ersten Fünfjahresplans erzeugten Zweifel in Bezug auf Stalin. Diese Zweifel wurden durch den Sieg Hitlers in Deutschland verstärkt. Die Niederlage in Deutschland erschütterte die Bürokratie. Es wurden Fragen über die Politik, die zur katastrophalen Niederlage der mächtigen KPD geführt hatten, gestellt und die UdSSR in große Gefahr gebracht. Trotzkis Artikel über Deutschland, in denen die ultralinke Linie der Komintern kritisiert wurde, hatte eine tiefgreifende Wirkung auf die Funktionäre der KPdSU, die Zugang zu ihnen hatten.

Die Partei befand sich in einem Gärungsprozess. Auf den Fluren kam es zu Diskussionen unter den Delegierten des 17. Parteitags (Januar – Februar 1934) über Stalin. Am 23. Februar wurde Stalins Einzug in das Bolschoi Theater mit “eisiger Stille” aufgenommen. Unter den Bürokraten zirkulierten Witze über Stalin. Kirov hatte ihn in einer begrenzten und geschlossenen Versammlung der KommunistInnen in Leningrad offen kritisiert.

Aber Stalin, der sowohl die Partei als auch den Staatsapparat, einschließlich der Staatsicherheitsbehörde GPU, kontrollierte, schlug brutal zurück. Am 01. Dezember 1934 wurde Kirow von einem jungen Kommunisten namens Leonid Nikolajew, der praktischerweise ein unbedeutendes Mitglied der sinowjewschen Opposition in Leningrad gewesen war, ermordet. Tatsächlich aber arbeitete Nikolajew für die GPU und war nur ein Werkzeug für Stalins Machenschaften.

Die folgende Tatsache belegt, dass Nikolajew ein Provokateur war. Anfang 1934 führte er ein Tagebuch, in dem er nicht nur eine kritische Haltung gegenüber der Parteiführung offenbarte, sondern auch terroristische Tendenzen. Das wurde entdeckt und er wurde aus der Partei ausgeschlossen, dann aber wieder aufgenommen. Er durfte sogar weiterhin am Smolny-Institut, dem Hauptquartier der Leningrader Partei, arbeiten.

Unter diesen Umständen ist es schleierhaft, dass es Nikolajew erlaubt wurde in direktem Kontakt mit Kirow zu kommen, der, wie alle Parteiführer von Leibwächtern umgeben war. Zum Zeitpunkt des Mordes jedoch war nicht ein einzelner Leibwächter in Sicht. Direkt nach der Ermordung wurden Schritte eingeleitet, um alle Zeugen zu liquidieren, um die Spuren zu verwischen. Nicht nur Nikolajew, sondern auch Kirows Leibwächter und dessen Fahrer wurden ermordet, außerdem Nikolajews Frau und andere Familienangehörige.

In seiner berühmten Rede sagte Chruschtschow 1956, dass die Spuren des Mordes zu Stalin selbst führten. Es besteht nicht der geringste Zweifel, dass die Ermordung von Stalin geplant worden war. Er fürchtete Kirow als Rivalen. Zu der Zeit als Stalin an Unterstützung verlor, zirkulierte Kirows Name in Parteizirkeln als mögliche Ablösung. Er musste ausgeschaltet werden und er wurde ausgeschaltet.

Der Prozess gegen Kamenew und Sinowjew

Ursprünglich wurde die Ermordung Kirows Weißgardisten in die Schuhe geschoben, aber dann wurde eine Geschichte fabriziert, dass Kamenew und Sinowjew die Auftraggeber gewesen seien, diese „unfertigen Feinde“, denen nachgesagt wurde, sie würden vom „faschistischen Handlanger Trotzki“ angeleitet. Sie wurden 1935 insgeheim vor Gericht gestellt und beschuldigt die politische Verantwortung für den Mord an Kirow zu tragen.

Kamenew und Sinowjew waren bereits moralisch und politisch gebrochene Männer. Sie mussten nach der Niederlage der Opposition vor Stalin kapitulieren, unterzogen sich einer Selbstkritik, verurteilten den „Trotzkismus“ und wurden wieder in die Partei aufgenommen. Nachdem sie bereits einmal vor Stalin kapituliert hatten, geschah dies ein zweites Mal. Stalin hatte versprochen, ihr Leben zu schonen, falls sie gestanden. Sie wurden in ein Lager geschickt. Das war aber nicht genug für Stalin, der sie tot sehen wollte. Deshalb wurden sie nach 18 Monaten nach Moskau zurückgebracht und erneut vor Gericht gestellt.

Am 19. August, als die Diskussion über die Stalin-Verfassung („die demokratischste Verfassung in der Welt“) in vollem Gange war, wurden 16 führende Ex-Oppositionelle, angeführt von Kamenew und Sinowjew, zusammen mit Jewdokimow und I.M. Smirnow wegen Kapitalverbrechen vor Gericht gestellt. Diesmal wurden sie nicht wegen der „politischen Verantwortung“ für die Ermordung Kirows angeklagt, sondern wegen terroristischer Aktionen gegen Stalin, Woroschilow, Kaganowitsch und Shdanow unter direkter Anleitung und Führung von Trotzki.

Dieser Prozess war ein Versuch, einen Vorwand für die Massenverhaftung derjenigen zu finden, die Stalins Führung infrage stellten. Während der Verhandlungen wurden die Angeklagten gezwungen, sich selbst zu belasten. Kamenew sagte aus, dass er „selbst dem Faschismus gedient und mit Sinowjew und Trotzki eine Konterrevolution in der UdSSR vorbereitet hat“. Sinowjew erklärte, dass „der Trotzkismus eine Variante des Faschismus ist“. Der erbärmliche Charakter dieser Geständnisse rettete sie nicht, sie wurden direkt nach dem Prozess erschossen. Innerhalb von 12 Monaten wurden allein in Leningrad 100.00 Menschen entweder verhaftet oder erschossen.

Die Methoden der GPU waren die der Inquisition. Die Angeklagten wurden mitten in der Nacht aus ihren Betten geholt, in Isolation gehalten, geschlagen, gefoltert und ihre Familien wurden bedroht, um falsche Geständnisse zu erpressen. Befragungen wurden ununterbrochen 16-24 Stunden Tag und Nacht durchgeführt und dem Gefangenen der Schlaf verweigert (Fließbandsystem). Wer nicht gestand, wurde erschossen oder verschwand. Es wurden Provokateure eingesetzt, um Denunziationen zu konstruieren. Kinder wurden gezwungen, ihre eigenen Eltern zu beschuldigen.

Das Hauptmotiv für die Säuberungsprozesse war die Liquidation der Bolschewistischen Partei. Eine ganze Generation alter Bolschewisten sollte ausgelöscht und damit die Herrschaft der Bürokratie konsolidiert werden. Jeder, der sich an die alten demokratischen und internationalistischen Traditionen des Leninismus erinnern konnte, wurde als gefährlich angesehen. Wie jeder gemeine Kriminelle verstand Stalin die Notwendigkeit alle Zeugen zu eliminieren. Aber es gab auch ein persönliches Motiv. Stalin verkörperte die Mittelmäßigkeit und konnte es nicht mit den alten bolschewistischen Führern aufnehmen. Verglichen mit Bucharin, Kamenew und sogar Sinowjew, geschweige denn mit einem Genie wie Trotzki, war er eine unbedeutende Figur. Das wusste er. Deshalb hegte er Rachegefühle gegen die gesamte Generation alter Bolschewisten.

Stalin war ein Sadist, der ein persönliches Interesse beim Quälen seiner Opfer verfolgte. Er brachte die primitiven Methoden der georgischen Blutrache nach Moskau, bei der nicht nur die Gegner getötet werden müssen, sondern auch ihre Familien. Er stellte einst fest: „Es gibt in der Welt nichts süßeres als Rache an seinen Feinden zu planen, zu sehen, wie diese ausgeführt wird und danach friedlich ins Bett zu gehen.“

Stalin kontrollierte persönlich die Liste der Opfer und entschied, wer leben oder sterben würde. Aus einer Gesamtzahl von ca.700.000 Fällen, unterzeichnete er persönlich 40 Listen mit insgesamt 40.000 Menschen. Auf diesen Listen waren sämtliche Stellvertreter und Mitstreiter Lenins. Stalins Grausamkeit kam mit der Öffnung der Archive ans Tageslicht, die u. a. enthüllten, dass er Karikaturen zeichnete, in denen er die Folter an seinen zukünftigen Opfern darstellte. Boris Ilisarow, ein Historiker und Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften, hat die Zeichnungen veröffentlicht, die Stalin während der langwierigen Treffen des Politbüros angefertigt hat, um sich so zu amüsieren. Eine dieser grotesken Karikaturen aus dem Jahre 1930 stellt den Finanzminister Nikolai Brjuchanow an den Hoden aufgehängt dar.

“Die Karikatur wurde mit einem Kommentar von Stalin versehen und unterzeichnet, in diesem unternimmt der Tyrann keine Anstrengung seine Freude über das von ihm geplante Schicksal Brjuchanows, der vier Jahre dem Politbüro angehörte, zu verbergen.
Unter der Überschrift ‘Spezialakte’ steht geschrieben: ‚An alle Mitglieder des PB. Hängt Brjuchanow für alle seine Sünden, die alten und die neuen, an den Eiern auf. Wenn die Eier halten, betrachtet ihn als entlastet. Wenn sie nicht halten, ertränkt ihn im Fluss. ‘ Brjuchanow wurde auf Befehl Stalins 1938 aufgrund erfundener Anklagepunkte hingerichtet. Er wurde 1956 rehabilitiert, drei Jahre nach Stalins Tod.“ (The Sunday Times, 08. Juli 2001)

Stalin hatte ein sehr einfaches Rezept für die Befragung der Gefangenen: „Schlagen, schlagen und nochmals schlagen.“ Zur Zeit der ersten Prozesse war Genrich Jagoda, der Chef des Geheimdienstes OGPU-NKWD. Er führte Stalins Direktiven aus, aber für den Führer Stalin nicht mit ausreichender Begeisterung. Stalin war wütend, weil Jagoda keine Geständnisse im Mordfall Kirow und von Kamenew und Sinowjew im Prozess von 1936 erhalten hatte. Er rief ihn zu sich und sagte: „Du arbeitest schlecht, Genrich Grigorowitsch. Mir ist bekannt, dass Kirow auf Anweisungen von Sinowjew und Kamenew ermordet wurde, aber bist jetzt ist es dir nicht gelungen, das zu beweisen! Du musst sie foltern, bis sie endgültig die Wahrheit sagen und ihre Verbindungen enthüllen.“ (Anna Larina-Bucharina)

Jagoda war ein korrupter Beamter und ein verachtenswerter Karrierist, dessen Hände blutverschmiert waren, aber als Parteimitglied seit 1907 hemmten ihn die alten Traditionen und manchmal setzte er die Befehle nur schleppend um. Das besiegelte sein Schicksal. Er wurde abgesetzt, vor Gericht gestellt, beschuldigt, u. a. den Schriftsteller Maxim Gorki umgebracht zu haben und hingerichtet. Die Vorwürfe wegen Gorki sind bedeutungsvoll. Gorki, der ein schwaches Herz hatte, intervenierte oft bei Lenin zugunsten von Menschen, die verhaftet worden waren und er versuchte dasselbe bei Stalin. Aber Stalin war nicht wie Lenin. Er fand die Bitten des alten Mannes lästig. Aber Gorki war zu berühmt, um als „Trotzkist“ vor Gericht gestellt zu werden, deshalb ließ er ihn wahrscheinlich heimlich umbringen und schob Jagoda die Tat in die Schuhe. Das war einfach Stalins Stil.

Das Jahr 1937

Um seine Macht zu festigen, musste Stalin zuerst die Partei Lenins zerstören. Er tat dies, indem er die Bolschewistische Partei während der berüchtigten Säuberungen auslöschte. Das Jahr 1937 wird als Synonym für Stalins zügellosen Terror in die Geschichte eingehen. Nikolai Jeschow, der Mann, der Jagoda ersetzte, war ein Monster nach dem Bilde Stalins. Keine Handlung war für ihn zu niederträchtig oder brutal, kein Befehl zu grausam, um ausgeführt zu werden. Diese Kreatur war die perfekte Verkörperung von Stalins politischer Konterrevolution.

In den Lagern verhungerten Millionen oder arbeiteten sich zu Tode. Zwischen 1929 und 1934 betrug die Lebenserwartung dort weniger als zwei Jahre. Aber der Führer beschwerte sich, dass die Lebensbedingungen zu angenehm waren: Die Lager waren wie „Erholungsorte“. Bis 1937 war es keine beabsichtigte Politik der Lagerverwaltung, die Gefangenen zu vernichten, aber trotzdem starben viele an schlechter Ernährung und Überarbeitung. Aber Jeschow änderte das. Nach seiner Amtsübernahme verschlechterte sich die Lage immens. Angefangen bei der Höchststrafe, die von zehn Jahre auf 25 Jahre erhöht wurde. In den meisten Fällen lief das auf die Todesstrafe hinaus.

Laut den von Jeschow vorgelegten Informationen wurden Ende 1936 und Anfang 1937 in den zentralen Einrichtungen in Moskau allein Tausende „trotzkistischer Saboteure“ festgenommen. Zwischen Oktober 1936 und Februar 1937 wurden die folgende Anzahl von Mitarbeitern des Volkskommissariats verhaftet und verurteilt: Transportwesen 141 – Nahrungsmittelindustrie 100, Lokale Industrie – 60, Binnenhandel – 82, Landwirtschaft – 102, Bildung – 228 usw. Später verschlimmerte sich die Situation noch. Allein an einem Tag, dem 12. Dezember 1938, genehmigten Stalin und Molotow die Erschießung von 3167 Menschen und gingen anschließend ins Kino.

Es ist mittlerweile bekannt, dass der NKWD Normen für Verhaftungen hatte und von ihm erwartet wurde, dass diese erreicht wurden, genau wie die Normen für Stahl, Kohle und Strom im Fünfjahresplan. Jewgenia Ginsburg erinnert sich an das folgende Gespräch, das sie 1937 im Gefängnis führte: „Als Tatarin wurde ich einfach zur bürgerlichen Nationalistin gemacht. Tatsächlich wurde ich zuerst als Trotzkistin geführt, aber Rud schickte die Akte zurück und erklärte, dass die Quote für TrotzkistInnen schon übererfüllt sei, aber es noch an NationalistInnen fehle, also nahmen sie alle tatarischen Schriftsteller, die ihnen in den Sinn kamen.“ (Jewgenia Ginsburg, Into the Whirlwind)

Stalins Propagandamaschine leistete Mehrarbeit. Es wurden Treffen unter den Losungen “Tod den faschistischen Handlangern!“, „Zerschlagt das trotzkistische Gift!“ und „Trotzkismus ist eine Art des Faschismus!“ organisiert. Am 06.März 1937 erklärte die Prawda, dass sie TrotzkistInnen ein gefundenes Fressen für den internationalen Faschismus seien. […] „ Die unbedeutende Größe dieser Bande sollt uns nicht beruhigen, wir müssen unsere Wachsamkeit um das Zehnfache erhöhen.“ Am 15. März 1938 fauchte die Wechnaja Moskwa: „Die Geschichte kennt keine übleren Taten, die mit den Verbrechen des antisowjetischen Block der Rechten und TrotzkistInnen zu vergleichen sind. Die Spionage, Sabotage und Zerstörungen, die von dem Verbrecher Trotzki und seinen Komplizen Bucharin, Rykow u. a. begangen wurden, erzeugen Wutgefühle, Hass und Verachtung und das nicht nur bei den Menschen in der UdSSR, sondern bei allen fortschrittlichen Menschen.“ (D. Wolganow, Trotzky)

Stalin entfachte eine Terrorwelle gegen das sowjetische Volk. Millionen unschuldiger Menschen wurden verhaftet, verurteilt und in die Gulags gesteckt. Sogar der Geheimdienst wurde gesäubert. 1937-38 wurden 23.000 NKWD-Offiziere verhaftet. Die meisten denunzierten andere, um selbst zu überleben.

Nicht alle Opfer Stalins wurden vor Gericht gestellt. Der Gewerkschaftsführer Tomsky, ein Anhänger der Rechten Opposition unter Bucharin, täuschte Stalin und beging Selbstmord. Stalins Frau Nadeschda Allijujewa wurde von Stalin in den Selbstmord getrieben. Eine anständige und ehrliche Frau, die mit Bucharin sympathisierte Sie erschoss sich aus Protest gegen Stalins moralische und politische Niederträchtigkeit. Das gleiche Schicksal widerfuhr Sergo Ordschonikidze, Stalins altem Freund und Genossen. Er starb plötzlich am 18. Februar 1937, angeblich an einem Herzanfall. In Wirklichkeit wurde er von Stalin, der Sergos Bruder verhaftet, gefoltert und ohne Grund erschossen hatte, in den Selbstmord getrieben.

Die Einzelheiten dieses Falles wurden von Chruschtschow auf dem 20. Parteitag der KPdSU 1956 enthüllt. In derselben Rede offenbarte er, dass von den 139 Mitgliedern und KandidatInnen, die auf dem 17. Kongress gewählt worden waren, 98, das sind 70%, erschossen wurden. Chruschtschow gab an, dass die Verhafteten brutal gefoltert wurden und nur „alle möglichen schweren und unwahrscheinlichen Verbrechen“ gestanden, wenn sie „nicht länger in der Lage waren, die barbarischen Folterungen zu ertragen“.

Stalin, die Verkörperung der Mittelmäßigkeit, hasste Menschen mit Talent. Und er hasste und fürchte Tuchatschewski, dessen Genialität ihn immer wieder an seine Inkompetenz in Militärangelegenheiten erinnerte, ein Gebiet auf dem er gern selbst ein Genie gewesen wäre. Noch viel schlimmer war, dass Stalin in ständiger Angst vor einem Militärputsch lebte. Deshalb organisierte er einen neuen gigantischen Komplott, indem die gesamte militärische Führung involviert war. Er beschuldigte Tuchatscheswki und weitere hohe Offiziere der Roten Armee mit Hitler im Bunde zu stehen.

Tuchatschewski hatte herausgearbeitet, dass der 2. Weltkrieg ein mobiler Krieg sein würde, in dem mit Panzern und Flugzeugen gekämpft werden würde. Aber Stalin war eifersüchtig auf Tuchatschewski und misstrauisch gegenüber dem Generalstab der Roten Armee. Als Tuchatschewski auf der Anschaffung eine größere Anzahl von Flugzeugen und Panzern für die Rote Armee bestand, lehnte Stalin das ab und nannte ihn einen verrückten Intriganten.

Der berühmte sowjetische Komponist Dimitri Schostakowitsch war ein persönlicher Freund von Tuchatschewski. In seinen Memoiren schreibt er: „Es ist mittlerweile bekannt, dass Tuchatschewski durch die gemeinsamen Bemühungen Stalins und Hitlers vernichtet wurde. Aber man darf die Rolle der deutschen Spionage in diesem Fall nicht überbewerten. Wenn die gefälschten Dokumente, die Tuchatschewski „entlarvten“ nicht gewesen wäre, so hätte Stalin alles unternommen, um ihn loszuwerden.“

Stalin ersetzte diesen großen militärischen Denker durch seine Kumpanen Budjonny und Woroschilow, zwei inkompetente Militärs, die glaubten, der 2. Weltkrieg würde mit der Kavallerie geführt werden. Kurz vor Beginn des Krieges wurden in der UdSSR Filme gezeigt, in denen Woroschilow und seine Kavallerie die Gegner in die Flucht schlagen. Erst nach den ersten schweren Niederlagen der Roten Armee bemerkte Stalin seinen Fehler, aber es war eine kostspielige Lektion für die UdSSR. Das Gleiche passierte mit den Raketen. Stalin hatte alle Raketenexperten in Leningrad erschießen lassen und musste bei null wieder anfangen.

Die Säuberung vernichtete den gesamten Führungskader der Roten Armee und fügte der Verteidigungsfähigkeit der Sowjetunion einen großen Schaden zu. Tuchatschewski, Jakir u. a. wurden heimlich erschossen, was darauf hinweist, dass sie sich geweigert hatten, ein Geständnis abzulegen. Die Militärsäuberung, die 1938 fortgesetzt wurde, führte zur Elimination von 90% aller Generäle, 80% aller Oberste und 30.000 Offizieren in den unteren Rängen. Das schwächte die Rote Armee am Vorabend es 2. Weltkriegs. Wir wissen, dass dies ein Grund war, der Hitler überzeugte, die UdSSR anzugreifen. Er beschwichtigte die Widersprüche seiner obersten Militärs mit der Bemerkung: „Sie haben keine guten Generäle.“

Prozess der 21

Im März 1938 wurde der Prozess der 21 in Moskau eröffnet. Bucharin, Rykow, Krestinsky, Rakowski und andere Mitglieder des Blocks der Rechten und TrotzkistInnen, diese Alten Bolschewisten wurden von dem Ex-Menschewisten Wyschinski als „stinkendes Aas“, „erbärmlicher Abschaum“, „verdammtes Gift“, „angekettete Köter des Imperialismus“ usw. bezeichnet. Die Prawda stellte dieses widerliche Zerrbild eines Schauprozesses als „das demokratischste Volksgericht der Welt“ dar. Dieses Urteil wurde von einem unerwarteten „Freund der Sowjetunion“, Winston Churchill, übernommen, der Wyschinskis Vorstellung während des Prozesses als „brillant“ beschrieb.

Am 02. März 1938, dem ersten Tag des dritten Prozesses, beleidigte der frühere Menschewik Andrej Wyschinski den Mann, den Lenin in seinem Testament als den „Liebling der Partei“ bezeichnet hatte: „Bucharin sitzt da mit gesenktem Kopf, ein verräterischer, doppelzüngiger, wimmernder und bösartiger, unbedeutender Mensch, der als Führer einer Bande von Terroristen, Dieben, als Anstifter von Morden entlarvt worden ist. (…) Dieser schmutzige kleine Bucharin.“

Obwohl Wyschinsky die Anklage verlesen hat, war Stalin deren Verfasser, der das Opfer verhöhnte, es mit Dreck bewarf, bevor er es physisch vernichtete. Das war die Lieblingsmethode des „geliebten Führers und Lehrers“. „Die Heuchelei und Niederträchtigkeit dieses Mannes übersteigen die heimtückischsten und monströsesten Verbrechen, die in der Geschichte der Menschheit bekannt sind.“ Diese Beschreibung kann nicht auf Bucharin angewandt werden, einem Revolutionär von makelloser Ehrlichkeit und Hingabe, sondern beschreibt Stalin selbst auf perfekte Weise.

Bucharin erklärte später: “Die Geständnisse der Angeklagten sind ein mittelalterliches juristisches Prinzip. (…) Ich habe mich nicht für schuldig erklärt. (…) Ich weiß davon nichts. (…) Ich bestreite es. (…) Ich bestreite kategorisch jede Komplizenschaft.“

Nicht nur TrotzkistInnen wurden getötet, sondern auch viele StalinistInnen, die bei dem „geliebten Führer und Lehrer“ in Ungnade fielen. Abel Jenukidze, z. B., wurde erschossen, weil er das Leben von Alten Bolschewisten retten wollte. Stalin reichte es nicht aus, seine Feinde zu töten, er rächte sich an deren Familien und Freunde. Hunderttausende wurden nicht nur als „Volksfeinde“ in die Lager gesteckt, sondern auch als „Familienmitglieder von Verrätern des Vaterlandes“. Unter diesen Opfern waren die Frau und die Schwestern von Tuchatschewski, die Frau von Bucharin, Trotzkis erste Frau und sein ältester Sohn Sergej, der sich nicht politisch engagierte. Er wurde verhaftet, weigerte sich aber mutig seinen Vater zu denunzieren und wurde erschossen.

Die Methoden der GPU kamen während er Moskauer Prozesse auf erstaunliche Weise ans Licht. Als Jagoda selbst vor Gericht gestellt wurde, erklärte Wyschinski am 11. März 1938: „Jagoda stand auf höchst hinterhältige Weise an der Spitze der Tötungsmaschine. Er hatte das letzte Wort in der ‚Wissenschaft‘ der Brutalität.“ (aus dem offiziellen Bericht über den Prozess) Inmitten aller Lügen und Verzerrungen, die in diesen Dokumenten zu finden sind, ist dies wahrscheinlich die einzig wahre Aussage.

Jeschow hatte die höchste Macht erreicht. Es gab sogar einen Jeschow-Kult, der dem Stalin-Kult ähnlich war. Jeschow wurde offiziell „der Liebling der Nation“ genannt. Die schrecklichen Taten, die seinen Opfern zufügte, wurden als „Jeschows Stacheln“ (Jesch ist das russische Wort für Igel) bezeichnet. Barden in Zentralasien sangen Lieder über Vater Jeschow. Das war nicht besonders weise unter Stalin, der eine krankhafte Angst vor Rivalen hatte.

Jeschow sandte sogar den Entwurf eines Erlasses an das ZK auf Initiative der „unzähligen Anfragen von ArbeiterInnen“, um Moskau in Stalinodar umzubenennen. Stalin war aber nicht töricht genug, um das zu akzeptieren. Stattdessen ließ er Jeschow 1938 verhaften. Was Typisch war für Stalin, er schob seiner Marionette Jeschow sämtliche Schrecken und Verwerfungen während der Säuberungen in die Schuhe und ersetzte ihn durch seinen georgischen Handlanger Lawrenti Beria. Der „Liebling der Nation“ verschwand anschließend in einem Gulag und wurde vermutlich 1939 erschossen.

Die Ermordung Trotzkis

Die einzige ernsthafte Opposition gegen Stalin bestand in Trotzkis Linker Opposition, deren Mitgliedszahl durch die jahrelange Repression und Verfolgung dezimiert worden war, welche mit den Leiden der frühen Christen durch das Römische Reich vergleichbar waren. Selbst ein Mann wie Cristian Rakowski, der berühmte Marxist vom Balkan und enger Freund und Mitstreiter Trotzkis wurde schließlich durch die unwiderstehliche Macht der stalinistischen Maschine gebrochen. Pierre Broué schrieb:

“Isolation, die faschistische Bedrohung und falsche Appelle zur ‚Einheit‘ brachen Cristian Rokowsky zweifelsohne sicherlich mehr als die höllische Kälte in Barnaul oder die schrecklichen Bedingungen seines fehlgeschlagenen Fluchtversuchs und der erneuten Festnahme. Es war pure Verzweiflung angesichts solch einer Niederlage, welche den Alten Bolschewiki in die Hände von Stalins Henkern trieb; nichts anderes hätte ihn dazu gebraucht sich zu beugen, solange Hoffnung bestanden hätte.“ (Cahiers Leon Trotsky No. 5)

Aber viele andere weigerten sich zu kapitulieren. Diese bolschewistischen Heldinnen und Helden behielten ihren Glauben an die Prinzipien des Bolschewismus und die Perspektive der Weltrevolution. Sie hielten ihre Organisationen, selbst in Stalins Lagern, am Leben. Sie organisierten Hungerstreiks gegen ihre Peiniger und konnten nur durch die Exekutionskommandos zum Schweigen gebracht werden. Und als sie in der gefrorenen Tundra in den Tod marschierten, sangen sie die Internationale.

Trotz alledem fühlte sich Stalin nicht sicher. Es gab eine Stimme, die ihn immer noch infrage stellte, die von Lenins wichtigstem Leutnant, dem Architekten der Oktoberevolution und Gründer der Roten Armee, Leo Dawidowitsch Trotzki. Solange Trotzki am Leben war, konnte Stalin nicht ruhen.

Seine Verfolgung von Trotzki war nicht nur eine Angelegenheit des persönlichen Hasses, obwohl das auch ein Punkt war. Vor allem fürchtete er, dass die Ideen und Programme Trotzkis und der Bolschewisten-Leninisten in der sowjetischen ArbeiterInnenklasse auf fruchtbaren Boden fallen würden. Und das war nicht grundlos. In der sowjetischen ArbeiterInnenklasse kam es zu einer wachsenden Unzufriedenheit wegen der schlechten Bedingungen und vor allem wegen der wachsenden Ungleichheit und den Privilegien der Bürokratie.

Selbst auf dem Höhepunkt der Säuberungen gab es Hinweise auf eine unterirdische Gärung durch die Unzufriedenheit. Durch Berichte der Partei und des NKWD war sich Stalin der realen Lage bewusst. In den Parteiprotokollen des Baukombinats Medgorodsk in Smolensk von 1937 erhalten wir eine ungewöhnlich offene Beschreibung der Lebensbedingungen der Arbeiter:

„Die Wohnbarracken der ArbeiterInnen werden als überfüllt und in einem extremen baufälligen Zustand beschrieben, das Wasser strömt direkt von der Decke auf die Betten der ArbeiterInnen. Die Barracken werden nur selten geheizt. Die Betten wurden nicht gewechselt und die Sanitäranlagen nie gereinigt. Auf der Baustelle gab es keine Küche und keinen Essraum. Man konnte bis zum Abend kein warmes Essen bekommen, dann mussten die ArbeiterInnen eine lange Strecke laufen, um den Essraum zu erreichen. ‚Viele Frauen, so eine Parteifunktionärin, leben praktisch auf der Straße. Keiner kümmert sich um sie, viele dieser schutzlosen Kreaturen drohen damit, Selbstmord zu begehen‘. Zusätzlich nehmen die Fälle, in denen kein Lohn bezahlt wird, zu. Diese ‚Vernachlässigung der elementaren Bedürfnisse der ArbeiterInnen‘ wie auch ‚der Mangel an Fürsorge für sie als Menschen‘ führte bei den ArbeiterInnen zu ‚vollkommen gerechtfertigte Unzufriedenheit‘ und Verbitterung.

"Die Stimmung unter einem Teil der ArbeiterInnen wurde als ‘oft bedrohlich’ und ‘direkt konterrevolutionär’ beschrieben. Bei einer Diskussion der Verfassung von 1936 werden der Zimmermann Stepan Danin und ArbeiterInnen seiner Brigade zitiert, die erklärten:
‚Wir müssen die Existenz mehrerer Parteien in unserer Mitte zulassen, wie in den kapitalistischen Ländern, diese werden die Fehler der KP besser bemerken. ‘
‚ Die Ausbeutung ist bei uns not nicht abgeschafft worden, Kommunisten und Ingenieure beschäftigen Sklaven und beuten diese aus. ‘
‘Die Trotzkisten Kamenew und Sinowjew werden sowieso nicht erschossen – und das sollten sie auch nicht, den sie sind Alte Bolschewiki.’
‚Auf die Frage eines Agitators, wen man als Alten Bolschewiki ansehen sollte, antwortete ein Arbeiter: Trotzki ‚.“ (M. Fainsod, Smolensk Under Soviet Rule)

Als ehemaliger Bolschewiki war Stalin selbst bewusst, dass eine kleine Organisation mit den richtigen Ideen zu einer mächtigen Kraft werden kann. Er war entschlossen, dass dies nicht geschehen sollte. Stalins Rachgier wurde, wie wir gesehen haben, auf die Familien und Kinder seiner Feinde ausgeweitet. In den Jahren vor seiner Ermordung hatte Trotzki den Mord an einem seiner Söhne und das Verschwinden des anderen, den Selbstmord seiner Tochter, das Massaker an Freunden und Mitstreitern innerhalb und außerhalb der UdSSR und die Zerstörung der Errungenschaften der Oktoberrevolution miterlebt. Trotzkis Tochter Sinaida beging Selbstmord als Ergebnis der Verfolgung durch Stalin.

Nach dem Selbstmord seiner Tochter schrieb seine erste Frau Alexandra Sokolowskaja, eine außergewöhnliche Frau, die in Stalins Lagern verschwand, einen verzweifelten Brief an Trotzki: “Unsere Kinder waren dem Untergang geweiht. Ich glaube nicht mehr an das Leben. Ich glaube nicht, dass mich sie großziehen werden. Die ganze Zeit über erwarte ich irgendein neues Unheil.“ Und sie fährt fort: „Es fiel mir schwer, diesen Brief zu schreiben und abzuschicken. Verzeihe meine Grausamkeit Dir gegenüber, aber du sollst alles über unsere Familie wissen.“ (zit. nach Deutscher, Trotzki Band III, Stuttgart 1972, S. 192 f.)

Leon Sedow, der älteste Sohn Trotzkis und Natalja Sedowa, war Mitglied der Kommunistischen Jugend und eines der aktivsten Mitglieder der der Linken Opposition in der UdSSR. 1927 beschloss er, bei seinem Vater im Exil in Alma Ata zu bleiben und später bis 1931 in der Türkei. In Berlin war er von 1931-33 für die russische Sektion der Opposition und danach für die Internationale Kommunistische Liga verantwortlich. Er war der Kopf des Netzwerks für die Korrespondenz in der UdSSR.

Nach der Machteinsetzung Hitlers 1933 zog er nach Paris und nahm alle Details seiner illegalen Arbeit mit, die Namen der Korrespondenten in der UdSSR und das gesamte Wissen über die Verstecke seines Archivs und das seines Vaters. Er starb unter höchst merkwürdigen Umständen nach einer Blindarmoperation am 16. Februar 1938. Weder er noch sein Vater wussten, dass das Hauptquartier der Internationalen Linken Opposition von hochrangigen GPU-Agenten heimgesucht worden war. Es gibt keinen Zweifel, dass der Tod von Leon Sedow das Werk von Stalins Agenten war.

Das war ein herber Schlag gegen die Vierte Internationale, die sich noch in der Anfangsphase befand. Es war aber nicht der einzige. Nach und nach wurden Trotzkis Mitstreiter, Freunde und seine Familienangehörigen von Stalin umgebracht. Zwei seiner europäischen Sekretäre, Rudolf Klement und Erwin Wolff wurden ebenfalls ermordet. Ignaz Reiss, ein GPU-Offizier der öffentlich mit Stalin gebrochen und sich zugunsten von Trotzki ausgesprochen hatte, war ebenfalls ein Opfer von Stalin Mordmaschine. Er wurde von einem GPU-Agenten in der Schweiz erschossen.

Der schmerzhafteste Schlag kam mit Verhaftung von Trotzkis jüngsten Sohn Sergej, der in Russland geblieben war und glaubte, da er nicht politisch aktiv war, er wäre in Sicherheit. Das war eine trügerische Hoffnung! Da Stalin nicht in der Lage war, sich am Vater zu rächen, ging er zu verfeinerten Foltermethoden über und übte Druck auf die Eltern durch ihre Kinder aus. Niemand kann sich vorstellen, welche Qualen Trotzki und Natalja Sedowa zum damaligen Zeitpunkt ausgestanden haben. Erst in den letzten Jahren ist herausgekommen, dass Trotzki über einen Selbstmord nachgedacht hat, um seinen Sohn zu retten. Aber ihm wurde klar, dass eine solche Handlung Sergej nicht das Leben retten würde und Stalin das erreicht hätte, was er wollte.

Trotzki lag nicht falsch. Sergej war schon ermordet worden. Es scheint, dass er 1938 heimlich erschossen wurde, nachdem er sich standfest geweigert hatte, seinen Vater zu denunzieren. Stalin verfolgte die Aktivitäten der TrotzkistInnen weiter sehr genau. Er schleuste Agenten in ihre Reihen und Trotzkis Artikel lagen jeden Morgen auf dem Schreibtisch im Kreml, oft schon bevor sie veröffentlicht worden waren. Stalin las alles, was Trotzki schrieb und war entschlossen, ihn zu eliminieren.

Stalin war einer der größten Verbrecher in der Weltgeschichte. Und wie alle Kriminellen war er entschlossen, alle Zeugen seiner Verbrechen auszulöschen. Besonders wütend muss ihn die Nachricht gemacht haben, dass Trotzki dabei war eine Stalin-Biographie zu schreiben, in der nicht nur seine Verbrechen aufgedeckt, sondern auch die Mythen über seine vergangene Rolle in der Bolschewistischen Partei, während der Oktoberrevolution und im Bürgerkrieg zerstört würden.

Der NKWD-Offizier Sudoplatow wurde mit der Ermordung Trotzkis beauftragt. Der erste bewaffnete Angriff auf das Haus in Coyoacan scheiterte im Mai 1940. Kurze Zeit später folgte ein weiterer. Am 20. August 1920 wurde Leo Dawidowitsch von Stalins Agenten Ramon Mercader in Mexico City niedergestreckt. Als Stalin die Nachricht von Trotzkis Ermordung erhielt, muss er diesen Sieg gefeiert haben. Aber das Urteil der Geschichte hat dies widerlegt.

76 Jahre nach dem Mord an Trotzki wird Stalins Name im gleichen Atemzug mit Hitler genannt, als Verbrecher und Massenmörder, der das makellose Banner des Oktobers durch ein schmutziges Meer aus Schmutz und Blut gezogen hat, als Totengräber der Revolution. Es ist deshalb höchst angebracht, dass in diesem Jahr die Biographie, die unvollendet auf Trotzkis Schreibtisch in Coyoacan lag, endlich in der möglichst vollständigsten Version veröffentlicht wurde.

Bei der Vorbereitung und Herausgabe von Trotzkis Stalin war ich vollkommen überzeugt, dass dieses Werk – Trotzkis letzter Beitrag zu einem riesigen Arsenal marxistischer Theorie – ein Meisterwerk ist, das auf einer Stufe mit ‚Die Verratene Revolution‘, ‚Verteidigung des Marxismus‘ und ‚Die Geschichte der Russischen Revolution‘ steht. Ich bin mir sicher, dass Pierre Broué, wenn er noch am Leben wäre, sich über die Veröffentlichung riesig gefreut hätte.

Inmitten des schlimmsten Verrats, der Niederlagen, der Zermürbung und des Renegatentums hielt Trotzki das saubere Banner hoch und verteidigte die wahren Traditionen des Leninismus, des Oktober und der Bolschewistischen Partei. Deshalb hatte er mit seinen Zielsetzungen Erfolg. Das war kein geringer Erfolg! Wer erinnert sich noch an die Schriften von Kamenew und Sinowjew? Aber in den Schriften von Leo Trotzki finden wir ein unschätzbares Erbe, das seine gesamte Wichtigkeit, Bedeutung und Lebenskraft bewahrt.

Pierre Broué ist nicht länger unter uns. Aber seine Ideen und Schriften bleiben eine reiche und unvergängliche Quelle der Inspiration für die jüngere Generation revolutionärer Kämpfer in allen Ländern. Und von all seinen beeindruckenden Werken, ist dein letztes Werk ‚Kommunisten gegen Stalin‘ zweifellos eines der wichtigsten. Es stellt das Andenken an eine verlorene Generation von KlassenkämpferInnen wieder her und präsentiert der neuen Generation authentische Ideen, Programme und Traditionen des Bolschewismus und der Oktoberrevolution, die bis zum heutigen Tag die einzige Hoffnung für die Zukunft der Menschheit verkörpern.

(Vorwort für die italienischen Ausgabe des gleichnamigen Buches von Pierre Broué)

London, 20. September 2016

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