Kategorie: Theorie

Vor 400 Jahren starb William Shakespeare: Ein revolutionärer Literat (Teil 1)

Shakespeare veränderte die englische Literatur und führte sie zu neuen Höhen, die vorher nicht vorstellbar waren und in der Folgezeit nie wieder erreicht wurden. Wie ein brennender Meteorit schoss er durch das Firmament und warf ein strahlendes Licht auf eine ganze Epoche unserer Geschichte. Sein Einfluss auf die Weltliteratur war wohl größer als der jedes anderen Schriftstellers.


Seine Werke wurden in alle Sprachen übersetzt. Jahrhunderte nach seinem Tod ist sein Stern nicht verblasst, sondern scheint genauso hell wie am ersten Tag.

“Nicht einer Zeit gehört er, sondern allen Zeiten.” (Ben Jonson über Shakespeare)

In seinem Werk Literatur und Revolution (1924), schrieb Trotzki: “Eine neue Klasse fängt nicht an, die gesamte Kultur von Beginn neu zu schaffen, sondern gelangt in den Besitz der Vergangenheit, sortiert diese, gestaltet sie um und baut auf ihr.“ Er präsentiert Aristoteles zusammen mit Goethe als die Gipfel der menschlichen Errungenschaften. Er betrachtete König Ödipus von Sophokles als ein Drama, welches „das Bewusstsein eines ganzen Volkes ausdrückt“.

Das Gleiche könnte über den größten englischen Schriftsteller William Shakespeare gesagt werden. Shakespeare transformierte die englische Literatur, die vorher nie gekannte Höhen erreichte, die auch in der Folgezeit nie wieder erreicht wurden. Wie ein brennender Meteorit schoss er durch das Firmament und warf ein strahlendes Licht auf eine ganze Epoche unserer Geschichte. Sein Einfluss auf die Weltliteratur war unbestritten größer als der jedes anderen Schriftstellers. Seine Werke wurden in alle Sprachen übersetzt. Jahrhunderte nach seinem Tod ist sein Stern noch nicht verblasst, sondern er scheint immer noch so hell wie am ersten Tag.

Es ist schon eine Überraschung, dass über das Leben des Mannes, der als der größte Schriftsteller von allen angesehen wird, wenig bekannt ist. Wir wissen, wann Shakespeare gestorben ist, aber wir sind uns nicht absolut sicher, wann er geboren wurde. Die Aufzeichnungen belegen, dass er am 26. April 1564 in Stratford-upon-Avon, eine Stadt die 100 Meilen nordwestlich von London liegt, weit entfernt vom kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum Englands, getauft wurde. Da Säuglinge drei Tage nach ihrer Geburt getauft wurden, könnte er am 23. April geboren sein, dem gleichen Tag übrigens, an dem er auch im Alter von 52 Jahren starb, obwohl das Geburtsdatum nach wie vor umstritten ist.

Ein großer Teil seines Lebens wird von einem geheimnisvollen Schleier verhüllt. Das wenige, das wir wissen, kann kurz zusammengefasst werden. Er wurde nicht in eine adelige oder besonders wohlhabende Familie geboren. Er besuchte keine Universität. Trotzdem wurde er zum berühmtesten Schriftsteller der Welt.

Die Familie Shakespeare

Auf den ersten Blick war William Shakespeare nicht für etwas Großes bestimmt. Sein Vater John Shakespeare machte eine Lehre als Handschuhmacher und Gerber und handelte später mit landwirtschaftlichen Produkten und Wolle. Als Selfmademan heiratete er Mary Arden, die Tochter eines vermögenden Bauern, der 60 Morgen Land besaß. William war das dritte von acht Kindern.

Es scheint, als ob weder John noch Mary schreiben konnten. Shakespeares Vater benutzte das Zunftzeichen der Handschuhmacher als Unterschrift. Das hielt sie aber nicht davon ab, wichtige Mitglieder der Gemeinde zu werden. Unter anderem wurde John Shakespeare zum Ale-Biertester im Stadtbezirk von Stratford gewählt, das war damals ein bedeutendes Amt, da die Menschen Bier tranken, weil es sicherer war, Bier statt Wasser zu trinken. Später wurde er Kämmerer im Stadtbezirk, 1565 Ratsherr (eine Stellung, die bedeutete, dass seine Kinder die Stratford Grammar School kostenlos besuchen konnten), 1568 Bürgermeister und 1571 Ratsvorsteher.

John Shakespeare war stolz auf seinen Erfolg, er strebte den Titel eines Gentlemans an und bewarb sich um ein Familienwappen. Aus unbekannten Gründen wurden diese Bewerbungen zurückgezogen und innerhalb weniger Jahre verloren die Shakespeares aus undurchschaubaren Gründen ihr Vermögen. 1570 wurde John wegen Wucher angeklagt, weil er Geld zu einem Zinssatz von 20% und 25% verliehen hatte. 1578 hatte er Steuerschulden und war nicht in der Lage den Pflichtbeitrag der Ratsherren für die Armenfürsorge zu zahlen. 1579 musste er Mary Shakespeares Grundbesitz verpfänden, um seine Gläubiger zu bezahlen.

1580 wurde er zu einer Geldstrafe von 40 Pfund verurteilt, weil er einen Gerichtstermin versäumte. Er wurde zum Schuldner und nahm oft nicht an den Ratssitzungen teil. 1586 wurde er deswegen aus dem Rat ausgeschlossen. 1590 besaß John Shakespeare nur noch sein Haus in der Henley Street. Das schlimmste folgte noch. 1592 wurde er zu einer Geldstrafe verurteilt, weil er den Gottesdienst nicht besuchte. Das war damals eine ernste Angelegenheit.

Die Religion spielte in der Gesellschaft, für die Shakespeare schrieb, eine wichtige Rolle. Queen Elisabeth machte den Besuch des Gottesdienstes in der anglikanischen Staatskirche verpflichtend, obwohl viele KirchgängerInnen weite Entfernungen zurücklegen mussten. Menschen, die nicht teilnahmen, außer sie waren krank, wurden mit Geldstrafen belegt. Es wird vermutet, Shakespeares Vater und möglicherweise auch Shakespeare selbst seien zum Katholizismus konvertiert. Sein Nichterscheinen in der Kirche kann aber auch viel weltlichere Gründe gehabt haben, besonders die Nichtbezahlung der Schulden.

Obwohl Shakespeare in eine relativ gut situierte Familie geboren wurde, so muss er doch einen großen Teil seiner Kindheit unter dem Eindruck der finanziellen Schwierigkeiten seines Vaters verbracht haben. Diese Erfahrung wird einen sehr großen Einfluss auf die Psychologie des jungen Mannes gehabt haben. Nachdem er eine relative Armut und die damit verbundene Schmach erfahren hatte, entwickelt er einen leidenschaftlichen Geschäftssinn, der sich in den späteren Jahren ausprägte.

In der Folgezeit scheint sich das Schicksal der Familie verbessert zu haben. 1599 wurde John Shakespeare wieder in den Rat aufgenommen, aber er starb kurze Zeit später, 1601. Er wurde wahrscheinlich 76 Jahre alt und war 44 Jahre verheiratet. Mary Shakespeare starb 1608.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Shakespeare in eine typische Mittelklassenfamilie, in einer Periode, die Karl Marx als das Zeitalter der ursprünglichen Akkumulation des Kapitals bezeichnete, geboren wurde. Das Feudalsystem war verfallen und eine neue aufstrebende Mittelklasse entstand mit ihren eigenen Vorstellungen und Zielen. John Shakespeare, der Selfmademan, der ein Geschäft aufbaute, in eine reiche Familie einheiratete und das Geld wieder verlor, war die Personifizierung eines neuen Zeitalters in der Geschichte Englands und der Welt.

Kindheit und Ausbildung

Der junge William besuchte die örtliche Grammar School (Gymnasium), King’s New School, und erhielt dort Unterricht in Rhetorik, Grammatik, Latein und wahrscheinlich Griechisch. Wir wissen nichts über seine Schulzeit, aber eine Stelle in Wie es euch gefällt könnte uns einen Hinweis darauf geben, dass er nicht besonders begeistert über die Schule war:

„Dann quengelig der Schüler mit dem Ranzen

Und frischem Morgenblick, kriecht wie ne Schnecke

Mit Widerwill zur Schule.

Ist das ein Spiegelbild über seine eigenen Erinnerungen an die Schule? Seine folgende Geschichte lässt darauf schließen, dass das der Fall war.                                                                                               

In der Schule lernte er die griechische Mythologie, die römische Komödie und die Geschichte des Altertums kennen, die alle wieder in seinen Theaterstücken, die oft auf griechischen, lateinischen, französischen und italienischen Modellen basieren, auftauchen. Das Ergebnis ist ein einmalig reichhaltiger Cocktail von englischen und nichtenglischen Elementen. Er zitiert oft römische Autoren wie Plutarch und benutzt Material aus der klassischen Mythologie.

Anders als sein Theaterautor-Kollege Christopher Marlowe besuchte er keine Universität. Sein berühmter Zeitgenosse Ben Jonson schrieb, er habe „geringe Kenntnisse in Latein und noch geringere in Griechisch“. Shakespeare lernte als Autor mehr aus der praktischen Erfahrung als aus formalen Studien. Da er nie eine Universität besuchte, stammten seine Kenntnisse über Menschen und Situationen aus dem Leben selbst. Shakespeare schrieb für die Massen – die „Leute auf den billigen Plätzen“ in seinem Theater.

Er scheint mit seinen literarischen Aktivitäten als reisender Autor, als Mitglied der Theatertruppe Queen Elizabeth’s Men, begonnen zu haben, und das hatte Einfluss auf die Art und Weise, wie er seine Stücke schrieb. Anders als andere Schriftsteller schrieb er vom Standpunkt des Autors. Seine Theaterstücke beinhalten oft praktische Bühnenanweisungen.

Mit 18 heiratete er Anne Hathaway, eine Frau, die acht Jahre älter war als er und im dritten Monat schwanger. Irgendwann zog Shakespeare nach London, ließ seine Familie in Stratford und machte sich einen Namen als Stückeschreiber und Schauspieler. Es wird behauptet, er habe als Lehrer, Fleischerlehrling und Rechtsanwaltsgehilfe gearbeitet. Sein erster Biograph schreibt, dass er nach London floh, weil er der Bestrafung wegen Wilderei entgehen wollte. Es gibt jedoch keine wirklichen Beweise über seine Aktivitäten in dieser Phase seines Lebens, welche als „die verlorenen Jahre“ bekannt ist.

Aufgrund der Begrenztheit von genaueren Informationen über Shakespeares Leben, bleibt uns nur eine Möglichkeit, mit der wir sein Leben und seine Theaterstücke beleuchten, indem wir diese in ihren realen historischen Kontext stellen – etwas, über das wir sehr viel wissen. 1558, sechs Jahre vor Shakespeares Geburt, wurde Elisabeth Königin von England. In den nächsten 45 Jahren wurde London zu einem florierenden Handelszentrum.

Um Licht ins Dunkel des Dichters von Avon zu bringen, müssen wir ihn in den Kontext der Welt, in die er geboren wurde, stellen – ein aufregendes neues Zeitalter der Veränderung, der Gärung, des Übergangs, das an der Grenze zwischen zwei Welten steht – der alten Welt des Feudalismus mit seinen festgelegten Gewissheiten und rigiden sozialen und religiösen Hierarchien und eine neue Welt, die kämpft, um geboren zu werden: das Zeitalter der bürgerlichen Revolution.

Ein Zeitalter der Revolution

„Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.“ (Marx, Das Manifest der Kommunistischen Partei)

Man könnte dasselbe auch über Shakespeare sagen. Shakespeare war das Produkt des Zeitalters, in dem er lebte und er hätte sich auf einem anderen Boden nicht derart entfalten können. Es war eine Zeit, in der die alten Ideen, Traditionen und Vorstellungen infrage gestellt wurden, als sich das Leben der Menschen grundlegend veränderte und die alten Denkweisen auf den Kopf gestellt wurden. Es war die Zeit des Übergangs, ein entschiedener Bruch mit der mittelalterlichen Vergangenheit und der Beginn eines neuen historischen Zeitalters, kurz gesagt, es war das Zeitalter der Revolution.

In Shakespeares Werken finden wir die destillierte Essenz eines Volkes in einer Übergangsperiode von einem historischen Zeitalter in das nächste vor. Es handelte sich dabei um eine bemerkenswerte Periode der englischen Geschichte. Nach einem Jahrhundert des blutigen Umbruchs, bekannt als die Rosenkriege, war das eine Zeit der relativen politischen Stabilität unter einer neuen herrschenden Dynastie, den Tudors.

Die Niederlage der spanischen Armada 1588 führte dazu, dass England zu einer führenden militärischen und wirtschaftlichen Weltmacht wurde. Es herrschte eine Abenteuer- und Aufbruchsstimmung. Francis Drake war der erste Seefahrer, der die Welt umsegelte und Elisabeth stellte finanzielle Mittel für Sir Walter Raleighs Erforschung der Neuen Welt bereit. Er kam mit Tabak und Gold aus Amerika zurück und brachte seinem Land und seiner Monarchin neuen Wohlstand.

Das 16. Jahrhundert war die Epoche der Renaissance in England. Es war das Zeitalter der Recherche und der Experimente. Die alte sterile Scholastik des Mittelalters wurde durch eine revolutionäre wissenschaftlich-philosophische Bewegung infrage gestellt, die eng mit dem Namen Francis Bacon (1561-1626) verknüpft ist. Marx bezeichnete ihn als den ersten Schöpfer des englischen Materialismus und er war der Vater einer neuen Form des säkularen Lernens und einer neuen wissenschaftlichen Philosophie.

Zusätzlich zu seinem Erfolg als Wirtschaftszentrum wurde London auch zu einem bedeutenden kulturellen Zentrum, wo das Lernen und die Literatur florierten. Das wirtschaftliche Wachstum schuf eine prosperierende Mittelklasse, welche die neuen Theaterstücke sehen wollte. Shakespeare wurde in die Mittelklasse geboren, die Klasse, die stolz auf ihre Freiheiten und Rechte war, die anderen Menschen sichtbar fehlten.

Dieses Zeitalter erlebte die Blütezeit des Dramas in England. Am Ende des Jahrhunderts zeigte sich eine ganze Galaxie von Dramatikern in England: Marlowe, Dekker, Lyly, Kidd, Greene, Heywood und später Beaumont, Fletcher und Ben Jonson. Die blühende Literatur ging Hand in Hand mit technologischen Innovationen, besonders mit der Erfindung des Drucks. Caxton baute 1476 die erste Druckerpresse und kurze Zeit später erhielt ein Massenpublikum aus der neuen Mittelklasse Zugang zu Büchern, auf den früher die wenigen Reichen das Monopol gehabt hatten.

Der Aufstieg der bürgerlichen Mittelklasse war eine revolutionäre Entwicklung. Der bürgerliche Individualismus drang in Form von Porträts und Selbstporträts in die Kunst ein – eine Kunstform, die im Mittelalter nahezu unbekannt war. Der Individualismus macht sich in den Theaterstücken von Shakespeare in Form von Monologen bemerkbar. Der Roman selbst ist ein Produkt der gleichen Tendenz – ein neues Interesse an der Individualpsychologie, wie in Hamlet, Macbeth, Othello und König Lear. Dabei handelt es sich um etwas Neues, das Eindringen in das Denken des Subjekts und die Offenlegung seiner geheimen Motive, Obsessionen und Wünsche.

Die Macht des Gelds

„Die Bourgeoisie, wo sie zur Herrschaft gekommen, hat alle feudalen, patriarchalischen, idyllischen Verhältnisse zerstört. Sie hat die buntscheckigen Feudalbande, die den Menschen an seinen natürlichen Vorgesetzten knüpften, unbarmherzig zerrissen und kein anderes Band zwischen Mensch und Mensch übriggelassen als das nackte Interesse, als die gefühllose „bare Zahlung“. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den Tauschwert aufgelöst und an die Stelle der zahllosen verbrieften und wohlerworbenen Freiheiten die eine gewissenlose Handelsfreiheit gesetzt. Sie hat, mit einem Wort, an die Stelle der mit religiösen und politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene, unverschämte, direkte, dürre Ausbeutung gesetzt.“ (Marx, Das Manifest der Kommunistischen Partei)

“Wo Geld vorangeht, sind alle Wege offen.” (Shakespeare, Die lustigen Weiber von Windsor, II. Akt, II.. Szene)

Diese Explosion von Kunst, Wissenschaft und Literatur war der Ausdruck einer grundlegenden Veränderung des wirtschaftlichen und sozialen Lebens der Gesellschaft: der Niedergang der alten Feudalgesellschaft und der Aufstieg der Bourgeoisie; das Entstehen einer Wirtschaft auf der Basis von Geld und Handel statt des feudalen Systems auf der Grundlage von Landbesitz.

Das16. Jahrhundert sah den Aufstieg einer neuen Ökonomie, die auf Handel und Geld basierte. Im Gegensatz dazu beruhte der Wohlstand des Mittelalters auf dem Landbesitz. Die Kirche betrachtete den Zinswucher als Todsünde und es war Christen verboten, Geld mit einem Zinssatz zu verleihen. Diese Rolle übernahmen im Allgemeinen die Juden, was auch den damals aufkommenden Antisemitismus erklärt.

Im Kaufmann von Venedig porträtiert Shakespeare den jüdischen Geldverleiher Shylock, der von seinem christlichen Opfer ein Pfund Fleisch aus dessen Körper verlangt, weil er seine Schulden nicht bezahlen konnte, auf eine negative Art und Weise. Hier werden wir in extremer Form Zeuge der wirklichen Beziehung zwischen Gläubigern und Schuldnern, die auf der einen oder anderen Weise seit der Antike bestand. Das Verhalten der Banker in der Europäischen Union gegenüber Griechenland ist eine Fortsetzung dieser alten und ehrwürdigen Tradition.

Das drückt die neu geschaffene Bedeutung des Gelds als Lebenselixier des Handels und der Grundlage des gesamten wirtschaftlichen Lebens anschaulich aus. Es ist kein Zufall, dass Marx Shakespeares Timon von Athen in seinen Ökonomisch-Philosophischen Schriften aus dem Jahre 1844 zitiert, um die Macht des Gelds in der bürgerlichen Gesellschaft zu unterstreichen:

„Gold? Kostbar, flimmernd, rotes Gold? Nein, Götter,
Nicht eitel fleht ich. Wurzeln, reiner Himmel!
So viel hievon macht schwarz weiß, häßlich schön,
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.
Ihr Götter, warum dies? Warum dies, Götter?
Ha, dies lockt euch den Priester vom Altar,
Reißt Halbgenesnen weg das Schlummerkissen.
Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande, segnet den Verfluchten;
Er macht den Aussatz lieblich, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Einfluß
Im Rat der Senatoren; dieser führt
Der überjährgen Witwe Freier zu;
Sie, von Spital und Wunden giftig eiternd,
Mit Ekel fortgeschickt, verjüngt balsamisch
Zu Maienjugend dies. Verdammt Metall,
Gemeine Hure du der Menschen, die
Die Völker tört. Komm, sei das, was du bist.“

(Timon von Athen, IV. Akt, III. Szene)

Und Marx erklärt die innere Bedeutung des Gelds: „Shakespeare hebt an dem Geld besonders 2 Eigenschaften heraus:

1. Es ist die sichtbare Gottheit, die Verwandlung aller menschlichen und natürlichen Eigenschaften in ihr Gegenteil, die allgemeine Verwechslung und Verkehrung der Dinge; es verbrüdert Unmöglichkeiten;

2. Es ist die allgemeine Hure, der allgemeine Kuppler der Menschen und Völker.“ (Marx, Ökonomisch-Philosophische Schriften aus dem Jahre 1844

Diese grundlegende Beobachtung geht an die Substanz des Wesens des Kapitalismus und ist heute wahrer als zu der Zeit, als sie geschrieben wurde. Der wahre Gott der modernen Gesellschaft heißt nicht Jehovah, Mohammed oder Buddha, sondern Mammon. Die wirklichen Tempel sind weder die Kathedralen und Moscheen, sondern die Banken und Börsen. Ihre modernen Hohepriester sind die Banker, Aktienhändler und Anleihegläubiger. Und sie trachten immer noch danach, ihr Pfund Fleisch zu verlangen. Der wahre Geist des Kapitals ist in der Person von Shylock zusammengefasst.

Er ist die Stimme des Kapitalismus, der mit dessen rohesten und damit ehrlichsten Stimme spricht. Das Kapital muss das Recht haben, ohne irgendwelche Beschränkungen und Hindernisse zu expandieren. Die Beziehung zwischen den Menschen wird auf eine reine Geldbeziehung reduziert. Die Berücksichtigung von Sentimentalitäten, Freundschaften, Moral und Religion haben dort keinen Platz. Deshalb ist es besser einem Freund kein Geld zu leihen, sondern lieber einem Feind, der die Konsequenzen im Falle der Nichtbegleichung erleiden muss.

Dies ist das wahre Wesen des Kapitalismus, dem jeder Schein von Humanität und Moral abgestreift wurde. Das Bild ist nicht besonders schmeichelhaft, aber es entspricht der Wirklichkeit. Shylock ist die Personifizierung des Kapitals – seine destillierte Essenz. Seine Antipathie gegenüber Antonio basiert nicht so sehr auf der Religion, sondern auf der Tatsache, dass er die grundlegenden Prinzipien des Kapitalismus – die Unantastbarkeit der Gewinnorientierung – verletzt. Antonio repräsentiert eine alte Weltmoral, ein Überbleibsel aus der Zeit, als von der Freundschaft gesetzte Grenzen und Ehre oberste Regel sein sollten:

„Ich könnte leichtlich wieder so dich nennen,
Dich wieder anspein, ja mit Füßen treten.
Willst du dies Geld uns leihen, leih es nicht
Als deinen Freunden (denn wann nahm die Freundschaft
Vom Freund Ertrag für unfruchtbar Metall?);
Nein, leih es lieber deinem Feind; du kannst,
Wenn er versäumt, mit beßrer Stirn eintreiben,“
Was dir verfallen ist.“

(Antonio, in Der Kaufmann von Venedig, I. Akt, III. Szene)

Im Gegensatz dazu vertritt Shylock die neue kapitalistische Moral, welche die Profiterwirtschaftung über alle anderen Überlegungen stellt. Das abscheulichste Verbrechen, das Antonio nach Shylocks Meinung begeht, ist nicht, dass er die Heilige Dreifaltigkeit verehrte, sondern dass er Geld verlieh, ohne dafür Zinsen zu verlangen und dabei das Allerheiligste des Kapitalismus verletzte:

„Wie sieht er einem falschen Zöllner gleich!
Ich hass' ihn, weil er von den Christen ist,
Doch mehr noch, weil er aus gemeiner Einfalt
Umsonst Geld ausleiht und hier in Venedig
Den Preis der Zinsen uns herunterbringt.
Wenn ich ihm mal die Hüfte rühren kann,
So tu ich meinem alten Grolle gütlich.
Er haßt mein heilig Volk und schilt selbst da,
Wo alle Kaufmannschaft zusammenkommt
Mich, mein Geschäft und rechtlichen Gewinn.“

(Der Kaufmann von Venedig I. Akt, III. Szene)

Manche Menschen haben versucht in diesem Theaterstück Antisemitismus zu finden und es ist wahr, dass Shakespeare nicht frei von den Vorurteilen der damaligen Zeit war. Trotzdem ist, wie Marx es verstand, Shylocks Wesen weder seine Rasse, Nationalität noch Religion, sondern seine Bestimmung als Geldverleiher, die Personifizierung des Kapitalismus in seiner Entstehungsphase der ursprünglichen Akkumulation, d. h. in seiner reinsten, chemisch destillierten Essenz.

Um den Vorwurf des Antisemitismus im Vorfeld zu widerlegen, legt Shakespeare Shylock die eloquenteste und bewegendste Protestansprache in den Mund:

„Ich bin ein Jude. Hat nicht ein Jude Augen? Hat nicht ein Jude Hände, Gliedmaßen, Werkzeuge, Sinne, Neigungen, Leidenschaften? Mit derselben Speise genährt, mit denselben Waffen verletzt, denselben Krankheiten unterworfen, mit denselben Mitteln geheilt, gewärmt und gekältet von eben dem Winter und Sommer als ein Christ? Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht? Wenn ihr uns kitzelt, lachen wir nicht? Wenn ihr uns vergiftet, sterben wir nicht? Und wenn ihr uns beleidigt, sollen wir uns nicht rächen?“

(Der Kaufmann von Venedig, III. Akt, I. Szene)

Das Kapital kennt weder Rasse noch Religion. Es hat kein Vaterland und kennt keine Grenzen. Es hat weder eine Seele noch ein Herz, kennt weder richtig noch falsch. Aber dieser blinde Gott, der gnadenloser ist als jeder heidnische Götze, unterwirft sich die gesamte Menschheit und zwingt sie, seine Gebote zu befolgen. Das ist die wahre Botschaft des shakespeareschen Theaterstücks und es bleibt eine zutreffende Botschaft für unsere heutige Zeit.

Die ursprüngliche Akkumulation

Gut, weil ich noch ein Bettler, will ich schelten

Und sagen, Reichtum sei die einz'ge Sünde;

Und bin ich reich, spricht meine Tugend frei:

Kein Laster geb' es außer Bettelei.“

(Bastard in König Johann, II. Akt, II. Szene)

Der Kapitalismus entwickelte sich in England später als in den Städten Norditaliens. Aber als er erst einmal Fuß gefasst hatte, entwickelte er sich mit einem hohen Tempo. Das war der Zeitraum, den Marx als die ursprüngliche Akkumulation bezeichnete. Die Monarchen aus dem Hause Tudor fungierten dabei als Agenten einer aufsteigenden Klasse englischer Kapitalisten. Elisabeth unterstützte die neue Manufaktur- und Handelsklasse, die für den Wohlstand sorgte, welcher die herrschende Dynastie untermauerte und ihr das Überleben in einer bedrohlichen Welt sicherte. Aber dieser wirtschaftliche Fortschritt hatte einen hohen sozialen Preis.

Die sozialen Verwerfungen, die als Ergebnis dieser großen Veränderungen auftraten, bedeuteten für die Massen schreckliche Not. Marx beschreibt dies im Kapital, in der Abhandlung über die ursprüngliche Akkumulation:

„Historisch epochemachend in der Geschichte der ursprünglichen Akkumulation sind alle Umwälzungen, die der sich bildenden Kapitalistenklasse als Hebel dienen; vor allem aber die Momente, worin große Menschenmassen plötzlich und gewaltsam von ihren Subsistenzmitteln losgerissen und als vogelfreie Proletarier auf den Arbeitsmarkt geschleudert werden. Die Expropriation des ländlichen Produzenten, des Bauern, von Grund und Boden bildet die Grundlage des ganzen Prozesses. Ihre Geschichte nimmt in verschiedenen Ländern verschiedene Färbung an und durchläuft die verschiedenen Phasen in verschiedener Reihenfolge und in verschiedenen Geschichtsepochen. Nur in England, das wir daher als Beispiel nehmen, besitzt sie klassische Form.“ (Karl Marx, Das Kapital, Band 1, 24. Kapitel, S. 744)

Die wichtigste Wachstumsbranche war Wolle, die drei Viertel aller englischen Exporte ausmachte. Die ständige Zunahme der Nachfrage nach Wolle förderte das Wachstum der Schafzucht. Da diese aber weniger Arbeiter benötigt, wurde ein großer Teil der ländlichen Bevölkerung arbeitslos. Landwirtschaftliche Flächen, auf denen vorher Nahrungsmittel produziert worden waren, wurden zu Weideland für Schafe. Thomas Morus beschwert sich in seinem bekannten Werk Utopia bitterlich über diesen Zustand: „›Eure Schafe‹, sagte ich, ›die so sanft zu sein und so wenig zu fressen pflegten, haben angefangen so gefräßig und zügellos zu werden, dass sie die Menschen selbst auffressen und die Äcker, Häuser, Familienheime verwüsten und entvölkern.“

Das ist eine Zeit, in der mit brutalen Gesetzen gegen „Bettler“ und „Landstreicher“ vorgegangen wurde, d. h. gegen die große Anzahl von Bauern, die durch die neuen Verfahrensweisen der kapitalistischen Landwirtschaft von ihrem Land vertrieben worden waren. In dieser Periode wurde ein großer Teil der englischen Bevölkerung – wie Marx feststellte – kriminalisiert, verfolgt, ausgepeitscht und hingerichtet, weil er arm war. Während der Regentschaft von Heinrich VIII. wurden nicht weniger als 72.000 Diebe hingerichtet. Die Löhne wurden per Gesetz begrenzt. Die Probleme, mit denen die verarmten Massen konfrontiert wurden, verschärften sich mit der Auflösung der Klöster, die dazu führte, dass tausende Mönche und Nonnen arbeitslos wurden, und durch die Abwicklung des adeligen Hofstaats.

Marx beschreibt die brutalen Gesetze, die während der Regentschaft von Elisabeth gegen die Armen verhängt wurden:

„Bettler ohne Lizenz und über 14 Jahre alt sollen hart gepeitscht und am linken Ohrlappen gebrandmarkt werden, falls sie keiner für zwei Jahre in Dienst nehmen will; im Wiederholungsfall, wenn über 18 Jahre alt, sollen sie - hingerichtet werden, falls sie niemand für zwei Jahre in Dienst nehmen will, bei dritter Rezidive aber ohne Gnade als Staatsverräter hingerichtet werden. Ähnliche Statute: 18 Elisabeth c. 13 und 1597.“ (Marx, ebd. S.764)

Dies war allerdings nur eine Seite der Medaille. Trotz seines repressiven und ausbeuterischen Charakters führte das aufstrebende kapitalistische System zu einer explosionsartigen Entwicklung der Produktivkräfte. Trotz der Armut und der Not, an der viele Menschen litten und der schrecklichen Krankheiten, von denen England im 16. und 17. Jahrhundert geplagt wurde, stiegen die Bevölkerungszahlen an.

London wurde jetzt zum lebendigen Handelszentrum, von wo aus 85 Prozent der Exporte getätigt wurden. Jedes Jahr zogen ca. 10.000 BürgerInnen nach London, weil sie glaubten, die Straßen wären wie im Märchen mit Gold gepflastert. Es gab keine goldenen Straßen, aber die Löhne waren in London ungefähr doppelt so hoch wie in den anderen Landesteilen. Reiche Grundbesitzer und Händler bauten palastähnliche Wohnhäuser mit Gärten und Obstplantagen. Die Mittelklasse lebte im Wohlstand und sogar einige Menschen aus den unteren Klassen hatten genug Geld, um ins Theater zu gehen.

Caravaggio und Monteverdi arbeiteten für wohlhabende Mäzene, die ihre Rechnungen bezahlten. Aber Shakespeare war nur teilweise von solchen Gönnern abhängig. Der Aufstieg der Bourgeoisie schuf ein neues Publikum aus der Mittelklasse, das ins Theater ging und für seine Sitzplätze bezahlte. Shakespeare schrieb immer öfters für dieses Publikum.

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