Kategorie: 1918

Vorreiter: Albin Köbis und Max Reichpietsch

Im Schulunterricht und in ZDF-Dokus wird uns die Geschichte zumeist als Ergebnis des vernunftvollen Wirkens vermeintlich weiser und großer Staatsmänner und Frauen dargestellt. „Revolutionen sind die Lokomotiven der Geschichte“, erklärte hingegen Karl Marx. In diesen Revolutionen, die oftmals zur Überraschung der Unterdrücker und Unterdrückten ausbrechen und binnen kurzer Zeit gewaltige Fortschritte und Zeitsprünge bringen, sind es in aller Regel die weithin unbekannten und nicht im Rampenlicht stehenden Basisaktivisten, die den Kopf hinhalten und damit die Entwicklung gewaltig vorantreiben.


Zu diesen Akteuren, die als frühe Vorläufer der deutschen Novemberrevolution 1918 buchstäblich den Kopf hinhielten und ihr Leben einsetzten, gehören die beiden in Wilhelmshaven stationierten Matrosen Max Reichpietsch (geboren 1894) und Albin Köbis (geboren 1892). Sie wurden als Marinesoldaten wegen ihres Einsatzes gegen das Inferno des Weltkriegs als vermeintliche „Rädelsführer“ gut ein Jahr vor dem Kriegsende und der Revolution auf einem Kasernengelände unweit von Köln von der Obrigkeit hingerichtet.

Reichpietsch und Köbis standen der linken Flügel der Sozialdemokratie und der 1917 gegründeten USPD nahe. Beide überlebten 1916 die Seeschlacht gegen Großbritannien im Skagerrak und waren mutige Wortführer der Unzufriedenheit unter den Marinesoldaten mit den Zuständen in der Hochseelflotte, den Schikanen der Offiziere, der Ungleichbehandlung an Bord und den nicht ausreichenden Hungerrationen für die Mannschaften, die sich wie Sklaven auf den Schiffen eingesperrt fühlten. Die unhaltbaren Zustände und der Protest gegen die Unmenschlichkeit des Krieges führten im Juli 1917 auf dem Linienschiff SMS Prinzregent Luitpold zu einer Meuterei. Reichpietsch und Köbis gehörten zu den führenden Köpfen dieser Bewegung, die den Schulterschluss mit den kriegsmüden Arbeitern an der Heimatfront suchte. 1917 war das Jahr der Russischen Revolution, die weltweit und auch in Deutschland Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende und eine grundlegende Veränderung weckte. In Deutschland zeugten erste Streikwellen von der massiven Unzufriedenheit in den Industriebetrieben.

Vor diesem Hintergrund setzte die Obrigkeit auf brutalstmögliche Repression. Die Bewegung der Matrosen wurde niedergeschlagen und die führenden Köpfe von der Militärjustiz zum Tode verurteilt. Das Urteil gegen Reichpietsch und Köbis wurde am 5. September 1917 in Porz-Wahn bei Köln vollstreckt. Beide wurden auf dem Militärfriedhof Wahn beerdigt.

In der früheren DDR berief sich die Staats- und Parteiführung auf Reichpietsch und Köbis. Straßen und Marineschiffe trugen ihre Namen. In der alten BRD tat man sich hingegen schwer mit dem offiziellen Gedenken an die Meuterei. An Reichpietsch und Köbis erinnert seit den 1920er Jahren ein Gedenkstein in Wahn, der sich heute auf einem Bundeswehrkasernengelände befindet. 2017 untersagte der Kasernenkommandant allerdings geschichtsbewussten Akteuren der Arbeiter- und Friedensbewegung eine Gedenkveranstaltung zum 100. Jahrestag der Hinrichtung auf dem Gelände, weil die „geplante Gedenkveranstaltung als politische Veranstaltung bzw. als politische Betätigung in der Kaserne“ zu bewerten sei.

Wir gedenken der beiden als mutige Vorkämpfer gegen Krieg und Kapitalismus, die für ihren frühen Einsatz einen hohen Preis zahlten und damit ein Zeichen setzten.

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