Kategorie: Kapital und Arbeit

Der Aufstand der Pflegeberufe findet überall statt

Interview mit Stefan Heyde (36), Mitglied in ver.di und pflegepolitischer Sprecher im Kreisverband Mainz-Bingen der Partei DIE LINKE. Er ist Gesundheits- und Krankenpfleger und hat im Beruf den Pflegenotstand und die Arbeitsbedingungen in all ihren Facetten erlebt – vom einfachen Pflegehelfer bis zur stellvertretenden Pflegedienstleitung.


Als Initiator und Sprecher der Protestaktion „Pflegekräfte in Not“ hat er im September 2017 die bundesweite Demonstration in Mainz „Wir sind der Pflegenotstand“ organisiert, an der ein breites Bündnis aus Pflegekräften, Gewerkschaften, Berufsverband und Initiativen beteiligt war.

Du bist seit zehn Jahren Krankenpfleger.  Was hat Dich im Alltag geprägt und zum Aktivisten gemacht? 

Über die Jahre habe ich gemerkt, dass am Ende der Patient oder Bewohner nur als Zahl für den Gewinn betrachtet wurde. Die Menschenwürde geht immer mehr verloren. Die Pflegeberufe können nicht mal mehr im Ansatz ihren eigenen Ansprüchen genügen und die Betroffenen angemessen und mit Zeit in Alter und Krankheit versorgen. Der Druck der Arbeitgeber steigt. Gute Pflege für alle muss unabhängig vom Einkommen leistbar sein. Alle haben diese Pflege mit ausreichend und qualifiziertem Personal verdient.

Wie war das Echo auf die Demonstration in Mainz und was haben die Demonstrierenden mit nach Hause genommen?

Die Demonstration am 9. September in Mainz hat rund 550 Teilnehmer aus ganz Deutschland mit einem breiten Bündnis mobilisiert. Aber wir werden uns nicht auf diesem Erfolg ausruhen. Mit vielen Teilnehmern stehe ich in Kontakt und auch die Verzahnung mit Verdi und dem Berufsverband der Altenpflege ist sehr gut. Darauf lässt sich aufbauen. Aufwand und Mühen haben sich also gelohnt. Der Tenor der Veranstaltung: Niemand ist alleine und noch nie war die Zeit so gut, um sich zu organisieren. Der Aufstand der Pflegeberufe findet aktuell überall statt.

Menschen in Pflegeberufen gelten als besonders aufopferungsvoll und leidensfähig. Wie konnte es so weit kommen, dass sich inzwischen so viele wehren?

Die Pflegeberufe merken, dass sie noch nicht mal dem nachkommen können, was sie gelernt haben und wofür viele den Beruf erlernt haben, nämlich die Pflege des kranken oder alten Menschen. Die Stellen werden seit Jahren abgebaut, die Teilzeit nimmt aufgrund der hohen Belastungen immer mehr zu. Die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich immer weiter, private Betreiber überschwemmen Krankenpflege und Altenpflege mit dem Ziel der Gewinnmaximierung auf Kosten der Pflegebedürftigen und der Pflegeberufe. Den Pflegeberufen bleibt nun schlichtweg kein anderer Weg mehr als sich zu wehren.

Viele Patienten klagen über die Fallpauschale, „blutige Entlassungen“ und einen Drehtüreffekt. Was hat es damit auf sich?

Diese Effekte sind aus unserem Gesundheitssystem entstanden. Es handelt sich bei den Fallpauschalen zum Beispiel um eine Summe X, welche das Krankenhaus für die Behandlung einer Erkrankung bekommt. So kann man übertrieben sagen, ein Blinddarm bringt dem Krankenhaus 10.000 Euro für fünf Tage Aufenthalt und Behandlung. Dauert die Behandlung jedoch länger, so macht das Krankenhaus damit weniger Gewinn. Geht der Patient schon nach drei anstatt fünf Tagen heim, kann das Krankenhaus wieder in kürzerer Zeit einen neuen Patienten aufnehmen. Je kürzer und lukrativer die Erkrankung, desto besser für das Krankenhaus. Die blutige Entlassung ist die Folge: eine zu schnelle Entlassung, weil der Patient sich nicht mehr lohnt oder eine Heilung zu lange dauern würde. Also muss er früher raus, damit das Krankenhaus noch einigermaßen Gewinn macht. Da aber sehr viele Menschen immer älter werden, haben sie auch immer mehr Erkrankungen und müssen dadurch immer öfter ins Krankenhaus, also der Drehtüreffekt. Eine Erkrankung einigermaßen kuriert, schon kommt eine neue. Unser Gesundheitssystem legt keinen Wert mehr auf eine Gesamtbehandlung, sondern behandelt eine Erkrankung nur noch symptomatisch. Da liegt die Schuld bei den Verantwortlichen in der Politik, welche das Gesundheitswesen in die Privatisierung gegeben haben und dadurch den Gewinn- und Kostendruck in den Einrichtungen verursacht haben.

Es hat in den letzten Jahren etliche Privatisierungen von öffentlichen Krankenhäusern gegeben. Private Klinikkonzerne dringen vor. Welche Folgen hat das?

Dadurch kommt es zu einem Verlust von erreichbaren Krankenhäusern auf dem Land, gerade für die ältere Generation, für Schwangere etc. Es müssen längere Wege in Kauf genommen werden, um eine einigermaßen angemessene Behandlung zu bekommen. Abteilungen in den Krankenhäusern, die sich betriebswirtschaftlich nicht lohnen, werden geschlossen, lohnenswerte ausgebaut. Das Pflegepersonal wird überall abgebaut oder nicht angemessen bezahlt, die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich, Infektionen und Fehler nehmen zu. Die Pflegekräfte selbst flüchten aus dem Beruf in andere Zweige oder Länder. Die Verweildauer in den Pflegeberufen sinkt seit Jahren. Immer weniger junge Leute wollen den Beruf ergreifen oder erlernen. Die Behandlung der Kranken und Alten wird immer schlechter, Menschenwürde und angemessene, menschenwürdige Pflege bleiben auf der Strecke. Es geht nur noch um die Höhe der Gewinnspanne, nicht mehr um den Menschen. Die Pflegeberufe sind nur noch ein Kostenfaktor für die Betreiber und kein Leistungsfaktor.

Vielfach wird das skandinavische Pflegemodell gelobt. Was ist dort anders?

Dort ist die Pflege in staatlicher Hand, es gibt eine Versicherung für alle und eine Steuer, über die Pflegeberufe und Einrichtungen finanziert werden. Die Krankenhäuser und Altenheime sind in öffentlicher Hand und die Pflegekräfte dort auch angestellt. So gibt es kein Lohndumping innerhalb der Einrichtungen, eine sinkende Anzahl an Patienten, die eine Pflegekraft betreut, zufriedene Pflegekräfte und die Akzeptanz und Wertschätzung der Bevölkerung für die Pflegeberufe. Jeder zahlt diese Steuer gerne, denn er wird dafür angemessen im Alter behandelt und bekommt eine menschenwürdige Pflege.

Wer sind die Adressaten der aktuellen Streiks? Wie viele Arbeitgeber und Verbände gibt es bundesweit, mit denen Tarifverträge abzuschließen sind?

Die Streiks richten sich an die Verantwortlichen in der Politik, dieses System endlich zu verändern und menschenwürdige Pflege zu schaffen. Wir brauchen die Einstellung von genügend Pflegekräften, einen gesetzlichen Pflegeschlüssel und bessere Bezahlung. Adressat sind aber auch die kirchlichen Einrichtungen, denn die Zeit, in der die Pflegeberufe alles nur aus reiner Nächstenliebe taten, ist vorbei. Die Anzahl der privaten Betreiber und ihrer Verbände dürfte hoch sein. Im Bereich der Altenpflege ist die Anzahl der privaten Betreiber noch höher und gleichzeitig ist dort der gewerkschaftliche Organisationsgrad der Pflegeberufe noch geringer als in der Krankenpflege.

Welche Forderungen stellt das Bündnis an die Politik?

Wir fordern Wertschätzung. Konkret: einen gesetzlichen Pflegeschlüssel, der an die wirklichen Bedürfnisse angepasst ist und eine angemessene Besetzung in allen Bereichen vorschreibt, bessere Arbeitsbedingungen in den Pflegeberufen sowie eine angemessene Bezahlung für unsere Arbeit am und mit Menschen. Es kann nicht sein, dass unsere Pflegeleistungen für die Generationen, die dieses Land mit aufgebaut haben, noch schlechter bezahlt werden als Fabrikarbeit.

Eine solche Bewegung braucht einen langen Atem. Wer sind die natürlichen Verbündeten und wie können sich Patienten, Angehörige und andere Menschen solidarisch zeigen?

Die natürlichen Verbündeten sind die Pflegeberufe selbst, die Gewerkschaften, die Berufsverbände und auch die Pflegekammer. Hier muss es endlich ein breites Bündnis geben, das über Differenzen hinweg sieht und das große Ziel im Auge hat: die menschenwürdige Pflege. Die Pflegeberufe müssen sich organisieren, gemeinsam auf die Straße gehen und endlich gemeinsam statt einsam handeln. Darin liegt momentan das größte Problem. Patienten und Bewohner, aber auch Angehörige und Interessierte können die Pflegeberufe unterstützen – durch Petitionen, Teilnahme an Demonstrationen und Aktionen und auch durch sichtbare Wertschätzung der Pflegeberufe. Denn am Ende sind wir alle schneller auf gute Pflege angewiesen als wir denken. Wer will später einmal in Unterbesetzung von einer übermüdeten und ausgebrannten Pflegekraft im 08/15-Stil versorgt werden?

Was erwartest Du von der Arbeiterbewegung und der LINKEN?

Die LINKE muss sich noch stärker diesem Thema zuwenden, Aktionen unterstützen, Druck auf die Verantwortlichen in Berlin aufbauen und somit klare Kante für die Pflegeberufe und die Betroffenen zeigen. Ich erwarte eine stärkere und bessere gewerkschaftliche Organisation der Pflegeberufe und Unterstützung der vielen kleinen Aktionen und Initiativen. Wir sollten uns nicht in persönlichen Eitelkeiten, Differenzen und Befinden verirren, sondern auf das große Ziel fokussieren. Gemeinsam sind wir stark und die Veränderungen können erreicht werden. Alles, was privatisiert wurde, gehört wieder in staatliche Hand. Wir brauchen weniger private Träger und eine Krankenkasse für alle, wirklich alle!

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