Kategorie: Kultur

Warum freie Software den Charakter des Kapitalismus nicht begreift

Die Einführung zuerst des Computers und dann des Internets wird als echte wissenschaftliche Revolution in die Geschichte der Menschheit eingehen.


Ende 2015 waren 3,3 Mrd. Internetnutzer registriert (46,6% der Weltbevölkerung). Trotz dieser hohen Prozentzahl sollten die großen Unterschiede zwischen den einzelnen Weltregionen betont werden: In Europa haben 73,5% der Bevölkerung einen Internetzugang, in Afrika nur 28,6%. Diese Daten beweisen, wie fundamental die Nutzung des Computers weltweit ist, so fundamental, dass das Internet zu den globalen Gemeinschaftsgütern hinzugefügt wurde.

Computer und Software

Eine der wichtigsten Charakteristiken eines Computers, aus der Sicht des Nutzers/der Nutzerin, ist das Betriebssystem. Das momentan am weitesten verbreitete Betriebssystem ist Windows, das auf mehr als 90% aller Computer verwendet wird, gefolgt von Mac (7,62%) und Linux (1,58%). [Zahlen nach Newmarketshare]. Unter Linux verstehen wir eine Familie von Betriebssystemen, die den Linux Betriebssystem-Kernel verwendet, der zuerst 1991 frei gegeben wurde und dessen am weitest verbreiteten Distribution für die allgemeine Nutzung Ubuntu (und Android für Smartphones und Tablets) ist. Linux unterscheidet sich nicht nur durch seine allgemeine Struktur von den anderen Betriebssystemen, sondern auch dadurch, dass es kostenlos (free) ist. Das Wort „free“ hat im Englischen eine Doppelbedeutung. In erster Linie ist Linux gratis, d. h. man kann es kostenlos herunterladen. Zweitens ist Linux frei im Sinne des freien Zugangs zum Code der Software: Jeder kann den Code der Software auslesen und ihn verändern. Hinsichtlich der zu nutzenden Programme, gibt es auch hier solche die kostenlos sind, aber auch kostenpflichtige. Die Liste der Gratisprogramme ist riesig und verschiedene Lizenzarten, welche die Distribution regulieren, sind komplex. Eine häufig verwendete Lizenz für die freie Software ist die GNU General Public License (GPU), unter der Linux vertrieben wird. Diese gewährt dem Nutzer/der Nutzerin, die Software auszuführen, zu studieren, zu ändern und zu verbreiten. Software, welche diese Rechte erteilt, wird freie Software genannt. Es ist interessant zu analysieren, warum und wie die Idee von der freien Software geboren wurde, wer diese entwickelt hat und wie die EntwicklerInnen der freien Software ihre Arbeit finanzieren können.

Freie Software und Open Source

Einer der wichtigsten Exponenten der Freie-Software-Bewegung ist der Programmierer und Aktivist Richard Stallman. Er graduierte (cum laude) am Massachusetts Institute of Technology (MIT) im Fach Physik. Das MIT ist eine von Naturwissenschaftlern weltweit hoch angesehene Universität und auch der Ort, an dem die Idee vom Hacken ihren Ursprung nahm. Zu Beginn der 1980er wurde deutlich, dass man mit dem Programmieren und der Benutzung des Computers im Allgemeinen Geld verdienen und Profite erzeugen konnte. Die Firmen begannen, die Quellcodes ihrer Programme mit einem Copyright zu versehen, d. h., wenn man ein Programm kauft, kann man es nicht verändern oder sich den Code ansehen. Stallman lehnte das Leben eines nichtgeteilten Wissens ab, in dem er verpflichtet gewesen wäre, die Quellcodes und technischen Informationen eines Programms nicht mit anderen ProgrammierInnen und NutzerInnen im Allgemeinen zu teilen. Deshalb gab er 1983 die Arbeit an der Universität auf und gründete die Free Software Movement (FSM) mit dem Start des GNU-Projekts. 1985 initiierte er selbst die Free Software Foundation (FSF, eine nichtkommerzielle Organisation), um die Bewegung finanziell zu unterstützen. Das Ziel der Bewegung ist die Entwicklung freier Software, als Gegenpart zur nicht-freien und geschützten (proprietären) Software, welche die Freiheit des Anwenders/der Anwenderin nicht respektiert. Die Einschränkung und Kontrolle der Entscheidungen des Anwenders/der Anwenderin bei der Nutzung, wird als Freiheitsverletzung betrachtet. Die FSF begann damit, alles Nötige für die Schaffung eines freien Betriebssystems zu entwickeln, aber bevor es ihnen gelungen war, den Kernel fertigzustellen, veröffentlichte ein finnischer Student, Linus Torvalds, den Linux-Kernel. Dabei verwendete er die schon bestehenden Entwicklungswerkzeuge des GNU-Projekts (Texteditor, Compiler, Debugger usw.). Damit war die erste Version von Linux geboren.

Bald kam es zum Bruch zwischen den Anhängern der Freie-Software-Bewegung und Torvalds Gruppe, welche die Open-Source-Kampagne startete. Die Freie Software und die Open-Source-Software kennzeichnen praktisch die gleiche Art von Software und werden oft synonym gebraucht, sind es aber nicht. Um den Unterschied zu erklären, schauen wir, was Stallman dazu sagt: „Ein reiner Open-Source-Enthusiast, der nicht von Idealen freier Software beeinflusst wurde, wird sagen: „Ich bin überrascht, dass Sie das Programm, ohne unser Entwicklungsmodell zu benutzen, so gut machen konnten, aber Sie haben es geschafft! Wie bekomme ich eine Kopie? Der Freie-Software-Aktivist wird sagen: ‚Ihr Programm ist zwar sehr attraktiv, aber ich schätze meine Freiheit mehr‘. Also weise ich Ihr Programm zurück. Ich werde meine Arbeit auf eine andere Weise erledigen und stattdessen ein Projekt unterstützen, um einen freien Ersatz zu entwickeln.“

Wer bezahlt?

Wenn sich die Freie-Software-Bewegung im Wesentlichen als Schützer der NutzerInnen beschreibt, ist die Open-Source-Kampagne auf die Entwicklung leistungsfähiger und zuverlässiger Software fokussiert. Es muss betont werden, dass die GNU GPL es nicht verbietet, einen bestehenden Code zu nutzen, um proprietäre Software damit herzustellen und damit Geld zu verdienen (das würde deine Freiheit angreifen). Stallman setzte die Freie-Software-Kampagne fort und unterstützte die Einführung einer freien Software in der staatlichen Ölgesellschaft Venezuelas (PDVSA). Er überzeugte den indischen Bundesstaat Kerala freie Software in höheren Schulen zu verwenden. Es ist schwer zu sagen, ob in diesen beiden Fällen die Software eingesetzt wurde, um die Freiheit der NutzerInnen zu verteidigen oder nur um die ökonomischen Vorteile auszunutzen (und damit die Bezahlung teurer Microsoft-Lizenzen zu stoppen).

Wir sollten uns von der Idee verabschieden, dass Freie Software von Amateuren und Freiwilligen entwickelt wird. Im Februar 2015 veröffentlichte die Linux-Stiftung ihren letzten Bericht und betonte: „Die Zahl der Beiträge von nichtbezahlten EntwicklerInnen ist seit vielen Jahren langsam zurückgegangen. 2012 waren es 14,65% und heute sind es 11,8%“. Begründet wird das wie folgt: „Jeder der die Fähigkeit unter Beweis stellt den Code in das Mainline zu bekommen, wird keine Schwierigkeiten haben, einen Job zu finden.“ [Seit März 2009 gibt es die Möglichkeit, einen Mainline-Kernel zu installieren. Damit wird man unabhängig von der über die offiziellen Paketquellen vorgegebenen Kernel-Version. (Der Übersetzer)]. Die Open-Source-Entwicklung ist hier ebenfalls von Nutzen: Wecke Aufmerksamkeit, indem du gratis arbeitest und erhalte dann einen gutbezahlten Job. Die größten Beiträge zum Linux-Kernel in Form von veröffentlichten Patches (3) werden von bezahlten Programmiererinnen in den großen Softwarekonzernen weltweit geschrieben. Dazu gehören Intel, Red Hat, Samsung, IBM, Google u.v.a. Sie machen das nicht, weil sie die Menschheit lieben, diese Software wird eingesetzt, um damit Profite zu erzeugen. Selbst Windows hat zur Entwicklung von Linux beigetragen. Es stimmt, was Linus Torvalds sagt: Das Open Source ist eine effiziente und schnelle Möglichkeit, gute und zuverlässige Software zu produzieren und auch um Profit zu machen. Es gibt Unternehmen, deren Einkommen auf der Entwicklung von Open Source basiert, weil sie mit der Beratung Geld verdienen. Das bedeutet: Die Software ist umsonst, du aber bist zu dumm, diese richtig zu nutzen, deshalb bringen wir dir bei, diese zu installieren und zu verwenden und für diese Dienstleistung zahlst du uns.

Ist eine Koexistenz zwischen einer echten freien Software und dem Kapitalismus möglich?

Wir stimmen darin überein, dass das Computerwissen geteilt werden und für jeden User gratis sein sollte; die Privatsphäre des Nutzers/der Nutzerin sollte geschützt sein und private Daten sollten nicht verkauft werden, um damit Profit zu machen. Uns ist aber bewusst, dass das nicht genug ist, dass ein Kampf für wirklich freie Software nicht ausreicht, wenn wir nicht gegen diejenigen kämpfen, die mit den Technologien Profit erzeugen wollen, ansonsten werden wir – nicht einmal in der Informatik – eine echte Weiterentwicklung umsetzen. Es gibt weltweit eine große Anzahl von Firmen, die richtig gute Software entwickeln, deshalb ist es eine utopische und sektiererische Herangehensweise, diese Software durch eine „freie“ ersetzen zu wollen, ohne große Anstrengungen zu unternehmen, d. h. Zeit und Geld zu verschwenden. Und selbst, wenn uns das gelänge, bekennt die FSF, dass der Mangel an Wissen über die Struktur der Software (die durch Patente gesichert ist) es nicht gestattet, effektiv zu programmieren. Anstatt zu erkennen, dass dies eine wirkliche Begrenzung seiner Methoden bedeutet, fordert Stallman dazu auf, dem zu widerstehen und noch „größere Bemühungen“ zu unternehmen. Aber es ist nicht möglich ein System zu bekämpfen, indem man es ignoriert. Das ist eine idealistische und sektiererische Herangehensweise. Wir können und müssen um mehr kämpfen. Deswegen sollten wir schon bestehende Konzerne enteignen und für eine demokratische Kontrolle sämtlicher Softwarelizenzen kämpfen. Nur so wird die Informatik der Menschheit und nicht dem Profit dienen.

(1) Ein Kernel, auch Betriebssystemkern genannt, ist der zentrale Bestandteil eines Betriebssystems. In ihm ist die Prozess- und Datenorganisation festgelegt, auf der alle weiteren Softwarebestandteile des Betriebssystems aufbauen. Verschiedene Betriebssysteme können denselben Kernel besitzen.

(2) Man darf die Freie Software nicht mit Freeware verwechseln. Letztere ist zwar gratis, aber der Code wird nicht geteilt (z. B. Skype).

(3) In diesem Kontext ist ein Patch eine Software, die für den Kernel-Update kreiert wurde, um Probleme zu beseitigen oder einfach nur, um den Kernel zu verbessern, vergleichbar mit einem Windows Service-Pack.



Bibliographie:

http://www.cs.duke.edu/courses/common/compsci092/papers/open/stallman-open-free.pdf

http://spectrum.ieee.org/computing/software/whos-writing-linux

http://www.businessinformatics.it/wordpress/chi-finanzia-linux/

http://ec.europa.eu/eurostat/statistics-explained/index.php/Information_society_statistics_-_households_and_individuals

http://www.gnu.org/philosophy/free-software-for-freedom.it.html

http://www.internetlivestats.com/internet-users/

http://www.internetworldstats.com/stats.htm

https://www.blackducksoftware.com/top-open-source-licenses

http://www.gnu.org/distros/common-distros.it.html

R. Stallman – Free as in Freedom (Auszüge aus dem Buch)

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