Kategorie: Kultur

Erfolgreiches Wochenendseminar: 100 Jahre Deutsche Revolution

Mitte Oktober fand in Wiesbaden ein gut besuchtes zweitägiges Funke-Seminar mit vielen interessanten Vorträgen zur Deutschen Revolution 1918-23 statt. 100 Jahre nach der Novemberrevolution in Deutschland ist das Thema aktueller denn je.


Deswegen nahmen wir als Der Funke, IMT-Sektion in Deutschland, den Jahrestag zum Anlass, um uns selbst und alle Interessierten über die Themen rund um die Revolutionsjahre in Deutschland in Form von Referaten, Workshops und ausführlichen Diskussionen zu schulen.

Das Seminar startete am Samstagmittag mit dem ersten von insgesamt drei Vorträgen von jeweils einem Mitglied unserer Funke-Redaktion. Jakob Riedel startete mit einem Referat über die Geschichte und Entwicklung der Arbeiterbewegung in Deutschland und die sich entwickelnden Flügelkämpfe innerhalb der alten SPD vor 1914. Hier ging es darum, wie sich die deutsche Sozialdemokratie, welche ursprünglich von Marx und Engels beeinflusst worden war, hin zu einer Partei entwickeln konnte, die schließlich 1914 für die kaiserlichen Kriegskredite stimmte und somit den Ersten Weltkrieg unterstützte. Dies sollte später zur Spaltung der deutschen Arbeiterbewegung führen. Aus den drei Flügeln innerhalb der alten SPD (Radikale Linke, Marxistisches Zentrum, Revisionismus) wurden später drei verschiedene Parteien (KPD, USPD, MSPD).

Danach folgte Hans-Gerd Öfinger, der seit Jahrzehnten die Ideen des revolutionären Marxismus in der deutschen Arbeiterbewegung vertritt, mit einem Vortrag zum Leben und Wirken von Rosa Luxemburg. Sie kämpfte bis zum Ersten Weltkrieg am linken Flügel in der SPD für marxistische und revolutionäre Ideen. Hier wurde vor allem das reichhaltige theoretische Schaffen von Rosa Luxemburg anhand der Frage des Reformismus (Sozialreform oder Revolution?) und der Massenstreikdebatte (Massenstreik, Partei und Gewerkschaften) hervorgehoben. Desweiteren nahm der Referent die reformistische These „Rosa Luxemburg contra Lenin“ unter die Lupe. Anhand der von Luxemburg 1918 im Gefängnis verfassten Schrift „Zur Russischen Revolution“, in welcher sie bestimmte Aspekte der Politik der Bolschewiki kritisierte. Zu ihren Lebzeiten hat sie das Manuskript jedoch nie veröffentlicht. In dieser Schrift lobte sie allerdings auch Lenin, die Bolschewiki und die Oktoberrevolution und betonte: „Die Zukunft gehört dem Bolschewismus.“ Rosa Luxemburgs Abneigung gegen straff geführte Organisationen erklärt sich vor allem aus ihrer Erfahrung und Auseinandersetzung mit der damaligen bürokratisierten Gewerkschaftsführung des ADGB, die von Massenstreiks nichts wissen wollte. Dabei versäumte es Rosa Luxemburg allerdings aus heutiger Sicht, ab der Jahrhundertwende innerhalb der SPD, deren Schritte in Richtung Anpassung und Opportunismus sie bereits sehr früh erkannte, eine organisierte revolutionäre Opposition in der Tradition der russischen Bolschewiki aufzubauen. Dies führte dazu, dass in der Novemberevolution 1918 in Deutschland kein subjektiver Faktor, keine straffe revolutionäre Organisation vorhanden war, wie ein Jahr zuvor in Russland mit den Bolschewiki unter der Führung von Lenin und Trotzki, der die Revolution in die richtigen Bahnen hätte lenken können.

Am Abend folgte der letzte der drei Vorträge, und zwar zum Hauptthema Deutsche Revolution 1918-23 mit Rosa Öfinger als Referentin. In einem sehr ausführlichen Referat wurden die Ereignisse und Prozesse in den Revolutionsjahren gut veranschaulicht. So kam es im November 1918 nach dem vierjährigen imperialistischen Ersten Weltkrieg in Kiel zum Matrosenaufstand. Dieser Aufstand mündete schnell in eine Revolution und es kam landesweit zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten. Am 9. November kam es schließlich zum Ende der Monarchie. Die Macht der Arbeiterklasse war zum Greifen nah. Doch die Führung der SPD, hinter der damals der Großteil der Arbeiterklasse stand, hatte kein Interesse an einer tatsächlichen Änderung der Machtverhältnisse in Deutschland. Sie förderte die Bildung von Freikorps, Keimzelle der späteren Nazi-Bewegung, welche die Revolution in Blut ertränken sollten. Das ganze Jahr 1919 war geprägt von rechtem Terror gegen die Räte, Streiks und linke Aktivisten durch die Freikorps. Dieser Verrat der SPD-Führung sollte das Bewusstsein der Arbeiterklasse entscheidend prägen.

1920 kam es zum Kapp-Putsch. Er war ein Versuch reaktionärer Teile der Armee, die Weimarer Republik und die SPD-geführte Reichsregierung zu stürzen und eine Militärdiktatur zu errichten. Daraufhin kam es zu einem Generalstreik, welcher den Putschversuch scheitern ließ. Angesichts dieser Ereignisse radikalisierten sich viele Arbeiter nach links und die USPD, welche sich 1917 als linke Abspaltung der SPD gebildet hatte, bekam starken Zulauf. Diese wusste jedoch nicht, wie sie in jener revolutionären Situation handeln sollte. Ähnlich stand es um die KPD, welche 1923 angesichts von Hyperinflation, Generalstreik und Radikalisierung nach links keine revolutionären Perspektiven hatte und somit die letzte Gelegenheit in jenen krisengeschüttelten Jahren für eine erfolgreiche sozialistische Revolution verstreichen ließ.

Der Sonntag startete am Vormittag mit zwei gleichzeitig staatfindenden Workshops. Florian Keller von der Funke-Redaktion in Österreich hielt – zufällig am Tag der bayerischen Landtagswahl – einen Vortrag zu den revolutionären Ereignissen in Bayern 1918/19. Hier beleuchtete er vor allem die Rolle des USPD-Politikers Kurt Eisner, welcher vom Münchener Arbeiter- und Soldatenrat zum ersten bayrischen Ministerpräsidenten gewählt wurde und den Freistaat Bayern ausrief, sowie die Rolle der Arbeiterparteien SPD und USPD sowie der damals noch sehr jungen KPD. Schließlich wurde auch die Bayrische Räterepublik Opfer des rechten Terrors, was zu einer dramatischen Niederlage der Arbeiterbewegung führte und Bayern zu einem Hort der Reaktion machte.

Gleichzeitig fand ein Workshop zur Rolle der Gewerkschaften in der Revolution statt mit Alexander Kalabekow als Referenten. Darin beschrieb er die Gewerkschaften vor dem Ersten Weltkrieg und die darauffolgende „Burgfriedenspolitik“ mit den Arbeitgeberverbänden, woraus später die sogenannte „Sozialpartnerschaft“ werden sollte. Unter dem Druck der Novemberrevolution gewährten die Unternehmerverbände Errungenschaften wie den 8-Stunden-Tag sowie andere Sozialreformen. Dies war die Zeit, in der die Mitgliederzahlen der Gewerkschaften innerhalb von drei Jahren von einer Millionen auf acht Millionen stieg. Auf das Referat folgte eine spannende und aktive Diskussion zwischen Zuhörern und Referenten, bei der auch eigene betriebliche Erfahrungen zur Sprache kamen.

Nach einer Mittagspause ging das Seminar mit zwei weiteren Workshops weiter. Dabei referierte Maria-Clara Roque über die Rolle der Frauen in der Revolution und die proletarische Frauenbewegung. Hier stellte sie dar, wie sich die proletarischen Frauen während des Weltkrieges stark nach links politisiert hatten und wie sich schließlich die Situation und das Bewusstsein der Frauen durch die Revolution änderte. Zeitgleich hielt Christoph Mürdter einen Vortrag über die Fehler der KPD von 1918 und 1923. Hier wurde gut beschrieben, wie sich die KPD zum Neujahr 1919 bildete und zunächst vor allem durch ihre ultralinke Politik und die Krise der Führung von den Massen isoliert blieb. Genauso wie zuvor SPD und USPD gelang es der unerfahrenen KPD, die im Sommer 1923 wohl die Mehrheit der Arbeiterklasse hinter sich hatte, nicht, die Revolution in Deutschland siegreich anzuführen.

Zum Abschluss hielt Christian Andrasev noch eine sehr kämpferische Rede über die aktuelle nationale sowie internationale politische Lage und damit seit zehn Jahren andauernde weltweite Krise des Kapitalismus. In der darauffolgenden Diskussion sprachen wir noch einmal über das politische Bewusstsein der Arbeiterklasse, das Handeln in revolutionären Situationen und die Frage, welche Perspektiven wir daraus ableiten. Während des Seminars konnten wir zahlreich Funke-Ausgaben, Broschüren und anderes Material verkaufen sowie neue Interessierte finden. Wir sind auch gerne bereit, zum Thema 100 Jahre Novemberrevolution Veranstaltungen zu gestalten und Referenten zu stellen.

Sich mit den Ereignissen der Deutschen Revolution von 1918 bis 1923 zu beschäftigen und entsprechende Lehren daraus zu ziehen ist absolut notwendig. An Militärakademien werden vergangene Kriege bis ins kleinste Detail studiert. Und zwar um sich auf kommende Schlachten vorzubereiten. Auch als Marxistinnen und Marxisten ist es unsere Aufgabe, frühere Revolutionen zu studieren, um für die kommenden Ereignisse bereit zu sein. Denn wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.

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