Kategorie: Ökologie

Pok Sokhas und seine Mango

Kaum eine andere Sparte missbraucht die Instrumente der Marktwirtschaft so skrupellos wie die Pharmaindustrie. Wir erläutern die Funktionsweise von Patenten in der Medizin und zeigen Hintergründe und Folgen auf.


Immer wieder rutscht die Mango aus Pok Sokhas linker Hand. Er kann die Frucht nicht greifen, seit sein Daumen steif ist. Er kann die Frucht nicht greifen, seit sein Daumen steif ist. Der Daumen wird nicht mehr heilen. „Mit dieser Hand ist es schwer, Fische zu fangen“, sagt der Bauer und Fischer aus Kambodscha, und dass die Hand noch funktionieren würde, „wenn ich früher zur Behandlung gegangen wäre“. Immerhin ist er dank der Antibiotikatherapie ansonsten wieder vollkommen gesund. So die offizielle Version des Pharmakonzerns Novartis. Ja, zum Glück hat die Medizin seitdem das erste Antibiotikum „Penicilin“ im Jahre 1929 erfunden wurde, unglaubliche Fortschritte gemacht. Davor konnte man wegen einer Ohrenentzündung sterben und war mit 50 schon ein alter Greis. Heute erscheint dies unglaublich. Wir leben im Jahrhundert der molekularen Medizin, der regenerativen Medizin; im Jahrhundert der Nano-und Biotechnologie. Wir können unsere Zellen, unsere eigenen Gene manipulieren und umprogrammieren. Ärzte können eine neue Leber oder ein neues Herz implantieren. Dank der Medizin können schon heute Blinde wieder sehen und Gelähmte laufen und man verspricht uns eine Lebenserwartung von mehr als 100 Jahren.

Aber dann lesen wir Geschichten wie diese: Das Pharmaunternehmen Novartis will die kolumbianische Regierung vor Gericht bringen. Warum? Weil die Regierung das gewinnbringende Medikament Glivec selbst herstellen möchte. So würden die Kosten deutlich sinken. Rund 20.000 Dollar pro Patient und Jahr hat der kolumbianische Staat so für diejenigen aufgebracht, die sich das Arzneimittel nicht leisten können und somit dem Pharmaunternehmen mehr als 124 Millionen Dollar ausgezahlt.

Glivec wurde von Novartis als sehr wirksames Mittel gegen Leukämie vor 15 Jahren entwickelt. In der Regel laufen Patente nach einem so langen Zeitraum ab. Aber Novartis denkt anders als die kolumbianische Regierung: das Patent sei nicht abgelaufen, daher würde Kolumbien die Vereinbarungen der Welthandelsorganisation über geistiges Eigentum verletzen. Es ist ein alter Trick der Pharmaindustrie: Ein altbekanntes Produkt überarbeiten, nur wenige Eigenschaften leicht verändern, die Auswirkungen und ihre Gültigkeit sind nahezu identisch, aber diese kleine Änderung bewirkt ein Wunder: das Alte wird neu und das Patent wird, wie Lazarus, wieder lebendig.

Patente und Kapitalismus

Genau so wunderhaft sind auch die neuen Kosten für das Medikament. Sie werden nicht anhand der Produktionskosten berechnet, sondern danach, was der Hersteller glaubt, dass der Markt in den einzelnen Ländern zu einem bestimmten Zeitpunkt zu zahlen bereit ist. So kann es etwa wie von Zauberhand passieren, dass in den Vereinigten Staaten die Kosten für eine Behandlung für ein Jahr mit Glivec von 30.000 Dollar im Jahr 2001 auf 92.000 Dollar im Jahr 2012 gestiegen sind, obwohl Novartis seine Forschungskosten längst gedeckt hat.

Novartis ist ein Schweizer Weltkonzern und hat, verglichen mit anderen globalen Pharmakonzernen, den zweitgrößten Umsatz. Es liegt auf der Weltrangliste der größten Unternehmen auf Platz 20. Im Jahr 2016 hatte es einen Umsatz von 48,5 Milliarden Dollar, aber dennoch war Novartis im Juni 2009 nicht bereit, freie Impfstoffe für arme Menschen in Entwicklungsländern zur Verfügung zu stellen, um eine Grippe-Epidemie zu bekämpfen. Zuvor, im Jahr 2006, erhob der Weltkonzern eine Klage gegen Indien (eine Klage, die Novartis sechs Jahre später verlieren wird), weil das Land generische Arzneimittel, die bezahlbar für die Länder der Dritten Welt sind, zu produzieren begonnen hatte.

Im Jahr 2013 beschuldigte die US-Regierung Novartis seit 2005 Millionen von Dollar an Apotheker in den USA gezahlt zu haben. Dafür sollten sie Patienten überzeugen, ihr Medikament Miforytic zu nutzen und nicht ein genauso wirksames und billigeres Präparat. Es ist erstaunlich, was einem Teil der Menschheit bloß wegen der Gier nach Profit angetan wird.

Aber was ist mit Pok Sokhas und seiner Mango passiert? Wer das wissen will, kann es auf der Website von Novartis Deutschland nachlesen, zusammen mit anderen modernen Märchen, die uns erzählen, wie fortgeschritten, schön und gut unsere kapitalistische Welt des 21. Jahrhunderts ist.

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